Tennis-Bundesliga:Herr Präsident fährt Ski

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Tennis-Bundesliga: "Ich habe ja nicht aufgehört, weil Tennis kein schöner Sport ist": Philipp Kohlschreiber, nun bei einem seiner Hobbys.

"Ich habe ja nicht aufgehört, weil Tennis kein schöner Sport ist": Philipp Kohlschreiber, nun bei einem seiner Hobbys.

(Foto: Philippe Ruiz/Imago)

Philipp Kohlschreiber genießt das Ende seiner Profikarriere - mit neuen Freiheiten jenseits des Platzes, aber auch weiterhin als Bundesliga-Spieler. Am Sonntag führt er den TC Großhesselohe zum Derbysieg gegen Rosenheim.

Von Thomas Becker

Den ersten Ballwechsel als Rentner entscheidet Philipp Kohlschreiber für sich. Langes Grundlinienduell, überraschender Vorhand-Stopp: 15:0. Es bleibt nicht seine einzige Glanztat zu Beginn des neuen Lebensabschnitts. Elf Tage zuvor hatte der 38-Jährige in Wimbledon sein Karriereende verkündet und bescheidet sich nun mit dem Status als Bundesligaspieler. Für den TC Großhesselohe geht er beim Saisonauftakt als Nummer vier ins Rennen, und bevor es am Isarhochufer im Münchner Süden richtig heiß wird, ist er schon fertig: 6:2, 6:1 vermöbelt er im Oberbayern-Derby gegen Rosenheim den Niederösterreicher Lukas Jastraunig, dem das alles doch ein wenig zu schnell geht. Vor neun Jahren hatte der heutige Trainer von Österreichs Juniorinnen mit 494 seine beste Weltranglistenplatzierung erreicht - Kohlschreiber stand mal 478 Plätze besser, vor zehn Jahren. So in etwa sieht das dann auch aus auf dem Platz, sehr zur Freude der Zuschauer (darunter Florian Mayer samt sehr schwangerer Ehefrau), die sich in ihrem Urteil einig sind. Typischer Satz: "So wie er heute gespielt hat, muss er doch nicht aufhören, der Kohlschreiber."

Muss er nicht, hat er aber. Im Oktober wird er 39, der Gedanke ans Aufhören trieb ihn schon seit einer Weile um, wie er nach dem Match erzählt: "Zuletzt hatte ich mich nur noch punktuell auf Turniere vorbereitet. Nach den Australian Open habe ich zwei Wochen lang gar kein Tennis gespielt und in dieser freien Zeit schon alles gemacht, worauf ich Lust hatte, war im Skiurlaub, was ich zuvor nie gemacht habe. Ich bin nach wie vor ein guter Anfänger. In St. Anton sind wir echt Kolonne gefahren: die Schwiegereltern vorneweg, meine Frau hinter mir - wie wenn der Präsident zum Skifahren geht. Und ich trug alle Protektoren, die es gibt."

Dem Auftritt des Zugangs Artur Rinderknech ging ein kurioser Spezialeinsatz voraus

Auch beim Golf war er öfter, hat ein bisschen auf der Driving Range trainiert, statt nur zu spielen. "Die ganze Energie, die in mir steckt, bringe ich ziemlich gut in Sachen, die mir Spaß machen", sagt er. Ein halbes Jahr will er sich Zeit geben, bevor er entscheidet, wie es weitergeht, als Coach, Kommentator oder ganz was anderes. Die Bundesligasaison nimmt er gern mit, wird diese Woche Francisco Cerundolo, Großhesselohes Nummer eins, beim Umstieg von Rasen auf Sand behilflich sein. "Ich find's nochmal ganz lustig, dass ich vor der Haustür spielen kann", sagt Kohlschreiber, "ich habe ja nicht aufgehört, weil Tennis kein schöner Sport ist. Er macht ja weiterhin Spaß." Aber er wollte nicht mehr so viel reisen. "Und wenn man ehrlich zu sich ist, muss man sagen: Es ist ein guter Zeitpunkt zum Aufhören gewesen. Aber die Tränen haben mir schon in den Augen gestanden."

Zum Heulen ist am Sonntag auch den Gästen aus Rosenheim zumute, die ohne ihre fünf Besten angereist sind. Die Nummer eins, Nikolos Bassilaschwili, war noch in Wimbledon im Doppel-Achtelfinale zugange, so dass der Franzose Manuel Guinard, die Nummer 152 der Welt, auf Position eins rückte. Dort bekam er es mit dem 90 Ränge besser platzierten Landsmann Arthur Rinderknech, Großhesselohes Zugang, zu tun, und was die beiden auf dem Center Court bieten, ist zumindest im ausgeglichenen ersten Satz allerbeste Unterhaltung. Am Ende heißt es 7:6, 6:3 für den Neu-Münchner.

Dass Rinderknech überhaupt im vollständigen Ornat auf dem Platz steht, verdankt er Bernard Eßmann, dem Bundesliga-Chef der Großhesseloher. Der hatte den Franzosen am Abend zuvor vom Flughafen zum Team-Essen chauffiert, war spät abends nochmal ins Erdinger Moos gedüst, um nach dem verloren gegangenen Gepäck des Spielers zu fahnden - vergebens. Früh morgens um vier der nächste Versuch: Eßmann steht vor einem Mount Everest aus Koffern: "Ich hab' zu den Jungs dort gesagt: 'Wenn ihr den Koffer mit dem kleinen grünen Lacoste-Krokodil findet, gibt's nen Fünfziger!'" Er hat ihn dann selbst gefunden: "Da gab's nur nen Zwanziger", sagt Eßmann, der sein Team am Sonntag allein betreuen muss: Maximilian Wimmer ist wie Christopher Kas in Wimbledon beschäftigt, Letzterer mit Schützling Jule Niemeier, die ihr Achtelfinale vor 11 000 Zuschauern bestritt, darunter die gekrönten Häupter der Royal Box, die das 100-jährige Jubiläum des Center Courts feierten. Es geht dann auch ohne Kas und Wimmer: Federico Coria und Jiri Lehecka gewinnen ihre Einzel je in zwei Sätzen, und auch die Doppelpunkte machen die Münchner, so dass am Ende ein 6:0 steht. Kann kommen, die Saison.

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