Tennis Botschaften aus der Wüste

Vorbild mit 18 Jahren: Bianca Andreescu will andere Spielerinnen inspirieren, an sich zu glauben.

(Foto: Kevork Djansezian/AFP)

Die Kanadierin Bianca Andreescu und der Österreicher Dominic Thiem gewinnen in Indian Wells - und nicht Angelique Kerber und Roger Federer.

Von Jürgen Schmieder, Indian Wells/Los Angeles

Es sind erstaunliche Dinge passiert am Sonntag in Indian Wells, jenem mächtig großen Tennisturnier, das gern als fünftes Grand-Slam-Event bezeichnet wird: Die erst 18 Jahre alte Kanadierin Bianca Andreescu besiegte trotz Erschöpfungssymptomen Angelique Kerber, die dreimalige Grand-Slam-Siegerin, 6:3, 3:6, 6:4. Danach kämpfte sich der Österreicher Dominic Thiem, 25, bis dahin ohne Titel bei einer Veranstaltung der Masters-Serie, der höchsten Kategorie der ATP-Tour, gegen den 20-maligen Grand-Slam-Champion Roger Federer, 37, aus der Schweiz zurück und gewann 3:6, 6:3, 7:5.

Nicht die üblichen Verdächtigen haben also triumphiert - sie sind an einer jüngeren Generation gescheitert, die es bei Frauen wie Männern geschafft hat, die letzte Hürde gemeinsam zu nehmen auf dem Weg zum Titel. Das ist die Botschaft, die das Turnier in der kalifornischen Wüste zurückgelassen hat.

Andreescu und Thiem feierten ihre Erfolge mit beinahe deckungsgleichen Reaktionen: Sie warfen sich zu Boden und hielten die Hände vor das verblüffte Gesicht. "Es ist verrückt, dass das nun wirklich passiert ist", sagte Andreescu, die sich solch einen Triumph als Mädchen immer vorgestellt hatte, um sich zu motivieren: "Dieser Sieg ist der Beweis dafür, dass im Leben alles möglich ist, wenn man nur an sich glaubt." Thiem sagte über seinen ersten Masters-Erfolg: "Das fühlt sich alles noch völlig unwirklich an. Ich war zuletzt in allen Belangen richtig schlecht drauf - nun bin ich der Sieger von Indian Wells."

Andreescu, über eine Wild Card ins Teilnehmerfeld gelangt, ist eine hochdekorierte Jugendspielerin gewesen, im Januar besiegte sie Caroline Wozniacki (Dänemark) und Venus Williams (USA) auf ihrem Weg ins Finale von Auckland. Sie verfügt in dem von kraftvollen Returns und Duellen an der Grundlinie geprägten Frauentennis über einen aggressiven und doch sicheren zweiten Aufschlag, die Grundschläge sind wuchtig. Sie besitzt diese freche Forschheit, der Gegnerin einen Ball ins Eck zu knallen oder sie mit einem Stopp zu überraschen. Das geht bei jungen Spielerinnen häufig schief, daraus lernen sie für spätere entscheidende Momente - doch bei Andreescu klappten in der vergangenen Woche häufig sogar die sehr riskanten Versuche. Das Glück war mit der Mutigen, so besiegte sie Dominika Cibulkova (Slowakei), Garbine Muguruza (Spanien), Jelena Switolina (Ukraine) und Kerber. Alle diese Spielerinnen haben schon große Titel errungen.

"Jetzt nur keinen Druck", sagte sie nach dem Endspiel auf die Frage, was sie nun von sich erwarte - schließlich habe Naomi Osaka (Japan) nach dem Sieg im Vorjahr in Indian Wells die Grand-Slam-Turniere in New York und Melbourne gewonnen und sei auf Platz eins der Weltrangliste gerückt: "Ich will jetzt nicht über die Zukunft nachdenken, sondern erst einmal diesen Moment genießen. Ich weiß doch noch nicht einmal, was in der kommenden Woche passieren wird." Klar ist immerhin: Durch ihren Erfolg rückt Andreescu von Weltranglistenplatz 60 auf 24 vor. Sie zählt nun, da sind sich die Experten einig, zur Kategorie jener Profis, die bei bedeutsamen Turnieren vorne mitmischen werden. "Es ist gut für unseren Sport", sagte Kerber bereits in der vergangenen Woche über die immer breiter werdende Spitze.

Bei den Männern gab es in 16 Turnieren in diesem Jahr nun bereits 16 unterschiedliche Sieger. Und da zum Beispiel Rafael Nadal (Spanien), Juan Martin del Potro (Argentinien) und Alexander Zverev noch keine Veranstaltung gewonnen haben, dürften noch weitere Sieger hinzukommen in dieser Saison. Nadal, Federer und Djokovic sind nach wie vor die Favoriten bei den Grand-Slam-Turnieren, doch haben Akteure wie Stefanos Tsitsipas (Griechenland), Nick Kyrgios (Australien) und nun Thiem mit ihren Erfolgen gezeigt, dass sie keine Lust haben zu warten, bis die "großen Vier" endlich ihre Laufbahnen beenden. Die Karriere von Andy Murray könnte nach einer erneuten Operation an der Hüfte ohnehin bald vorbei sein, er hat sich bislang noch nicht geäußert, ob er etwa in Wimbledon noch einmal antreten wird.

Die jungen Spieler bekennen sich zu ihrem Ehrgeiz und wirken fokussiert, das eint sie. "Ich hoffe, dass mein Erfolg nun anderen Spielerinnen als Inspiration dient, an sich zu glauben", sagte Andreescu, die aber auch märchenhafte Siege einzuordnen weiß. "Man darf nur nicht glauben", betonte sie, "dass das alles von nun an von selbst laufen wird. Die nächste Woche, das nächste Turnier, kann wieder völlig anders sein." In Miami, beim nächsten Wettkampf, geht es in dieser Woche für alle von vorne los.