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Tennis in Berlin:Ein Hauch von Wimbledon im Steffi-Graf-Stadion

In Berlin treffen sich Tennis-Profis zur kürzesten Rasensaison, die es je gab. Das Turnier bietet einen Ausblick auf das Spektakel im kommenden Jahr.

Von Barbara Klimke, Berlin

Auch am Dienstag haben die Tennis-Enthusiasten wieder in der großen Freilichtbühne am Ufer des Hundekehlesees Platz genommen. Die Sitze bis hoch hinauf in den Oberrang waren mit roten Stoffen ummantelt, was den Eindruck des Sommertheaters verstärkte. Auf dem Programm stand das Halbfinale eines Einladungsturniers mit vielfältigen Publikumsattraktionen, und die Frage war, welche davon womöglich die größte war: Der Österreicher Dominic Thiem, Nummer drei der Weltrangliste? Die Tschechin Petra Kvitova, eine zweimalige Wimbledonsiegern? Tommy Haas, der schon am Vortag im Alter von 42 Jahren ein beachtliches, wenn auch nicht erfolgreiches Kurz-Comeback gegeben hatte? Oder doch dieses spektakuläre englische Substrat, das da auf dem Boden lag? Sattgrün und kurz geschoren, rutschfest und trittsicher. Lolium perenne, wie die Experten dazu sagen. Für alle anderen: Tennisrasen.

Drei Tage lang dürfen im Grunewald, beim Klub LTTC Rot-Weiß, die Bälle vor zahlenden Zuschauern fliegen. Schon das ist ein seltenes Schauspiel in diesen Zeiten. Ermöglicht hat dies, mit rigiden Infektionsschutzverordnungen, der Tennisveranstalter Edwin Weindorfer, der für zwei Berliner Mini-Schauturniere nicht nur ein Darstellerensemble von 13 Personen verpflichtete, sondern am Hundekehlesee auch ein nie gesehenes Bühnenbild erstellte: einen prächtigen Gras-Court, dort wo im Spätherbst nur Matsch zu sehen war - und wo ein Jahrhundert lang Sand oder rotes Ziegelmehl gelegen hatten.

Tatsächlich hatte schon im November eine Reihe von Honoratioren am Hundekehlesee demonstrativ mit dem Spaten in der Hand für ein Foto Aufstellung genommen, darunter Weindorfer und der Club-Präsident Dietrich Wolter, der nun, im Juli sagt: "Wir sind richtig glücklich!" Einen echten Spatenstich gab es damals im Herbst allerdings nicht: Denn der Rasen für das Steffi-Graf-Stadion mit seinen riesigen, nach oben ragenden Stahltribünen war bereits ausgesät. Der LTTC Rot-Weiß hatte mit Weindorfers Firma Emotion einen Vertrag für ein Frauen-Turnier geschlossen, das eine ruhmreiche Vergangenheit wiederbeleben sollte. Seit 2008 lag diese Arena brach, seit die weltbesten Spielerinnen, die hier dreißig Jahre lang aufschlugen, Berlin den Rücken gekehrt hatten.

Zum Spatenstich reiste der Vorsitzende des All England Clubs im Herbst an die Spree

Mit Rasentennis hatte Weindorfer Erfahrung, und mit Rasentennis, so der Plan, sollte die Elite zurückgelockt werden. Denn der Wettbewerb war ursprünglich so terminiert, dass er den Spielerinnen auch als Generalprobe für Wimbledon, das weltweit wichtigste Rasenturnier, hätte dienen können. Das war ganz im Sinne des berühmten All England Lawn Tennis & Croquet Clubs, dem daran gelegen ist, die Gras-Court-Saison weiter auszuweiten. Und so kam Ian Hewitt, der Vorsitzende des AELTC, im November extra von der Themse an die Spree geflogen. Er betrachtete beim Spatenstich-Fotoshooting interessiert ein handtuchgroßes Stück Rollrasen, das flugs als Attrappe beim LTTC ausgelegt war. Und bemerkte dann mit Kennerblick auf die Garten-Sode humorig: "Ich hoffe, dass die Halme im nächsten Sommer nicht so hoch stehen."

Das Berliner Frauen-Turnier, für Juni geplant, hat dann frühzeitig abgesagt werden müssen, als die Pandemie übers Land kam; die Premiere ist auf 2021 verschoben. Und auch der AELTC in Wimbledon hat wegen Covid-19 seine prächtigen, schmiedeeisernen Tore verschlossen gehalten. Aber beim LTTC Rot-Weiß spross das Gras, unbehelligt von Corona, weiter. Und als der Teppich dicht und grün war und die Infektionsbestimmungen hierzulande wieder gelockert wurden, haben die Firma Emotion, der Hauptsponsor und der Berliner Klub beschlossen, zumindest ihr kleines Einladungs-Event auszurufen, die "Bett1Aces". Es gibt sonst kaum Gras-Court-Tennis derzeit: Gespielt wird weder auf Mallorca, noch in Stuttgart oder Bad Homburg, wo ebenfalls neue Plätze eingeweiht wurden, aber die Turnierwoche gestrichen ist. Die Rasensaison ist auf drei Tage zusammengeschnurrt. Und sie findet ironischerweise nicht beim Original im Wimbledon statt, wo man seit 1877 penibel den Sportrasen hegt und auf Expansion drängt. Sondern in Berlin, beim Neuling an der Hundekehle.

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