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David Ferrer:Backstein für Backstein

Der Spanier Ferrer ist der Arbeitskünstler im Tennis - ein Mann, der seine Siege erschuftet. Zum Lohn darf er sich als der weltbeste Spieler fühlen, der nie einen Grand-Slam-Titel gewann.

Der Mann, der Tennis wie ein Marathonläufer interpretiert, der wie zum Beweis bei diesen French Open gleich in der ersten Runde 4:28 Stunden auf dem Platz stand, um den Amerikaner Donald Young 13:11 im fünften Satz niederzuringen, dieser Mann hatte am Anfang seiner Profikarriere überhaupt keine Lust. Talentiert war David Ferrer schon, mit 17. Aber sein Arbeitsethos: eine Katastrophe. 1999 verpasste ihm sein Trainer eine Lektion.

Javier Piles sperrte Ferrer in einen Raum ein, wo Tennisbälle deponiert wurden, die Kammer war nicht größer als zwei mal zwei Meter. Er bekam eine Flasche Wasser und Brot. Als Strafe dafür, dass er mies trainiert hatte und unpünktlich war. "Nach ein paar Minuten hörten wir, wie er andere Trainer im Klub um Hilfe rief", erzählte Piles einmal. "Aber wir ignorierten das." Ferrer wollte danach "mit Tennis aufhören", wie er bekannte. Der Sohn eines Buchhalters und einer Grundschullehrerin aus Xàbia bei Alicante versuchte sich auf dem Bau. Er wuchtete Backsteine auf Schubkarren, von morgens bis abends für ein wöchentliches Gehalt von 30 Euro. Nach einer Woche kehrte er reuevoll zum Tennis zurück. Er rief Piles an. Er wolle alles geben. Und so gab er alles. 18 Jahre später tut er das immer noch.

Einer der letzten Vertreter der harten spanischen Sandplatzschule: Routinier David Ferrer.

(Foto: Thomas Samson/AFP)

Ferrer ist 35 und blickt auf eine beispiellose Laufbahn zurück. Eigentlich ist er der weltbeste Spieler der vergangenen 15 Jahre - wenn man nur jene berücksichtigt, die nie ein Grand-Slam-Turnier gewannen. Dieser inoffizielle Titel lässt sich belegen. 32 Jahre lang hielt der Amerikaner Brian Gottfried den Rekord der meisten Tour-Siege (680), ohne in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York triumphiert zu haben. Ferrer hat ihn abgelöst. Vor Paris gewann er in Rom sein 700. Match; nur zwölf Profis waren in dieser Wertung je erfolgreicher. Ein Grand-Slam-Finale erreichte Ferrer (2013 unterlag er Rafael Nadal in Paris), fünf Halbfinals, elf Viertelfinals. Von Oktober 2010 bis Mai 2016 stand er ohne Pause in den Top Ten. Er gewann ATP-Events der 250er, 500er und 1000er Kategorie. Verdiente mehr als 30 Millionen Dollar. Besiegte Andre Agassi, Novak Djokovic, Nadal, Andy Murray. Nur gegen Roger Federer hat er eine 0:16-Bilanz.

Und was sagt Ferrer heute, nach diesen Zahlen? "Ich kann mich immer noch verbessern." Und: "Ich mag Tennis." Für diesen Geist genießt er größte Anerkennung. "Wenn einer prophezeit hätte, dass er mit nur 1,75 Metern Körpergröße die Nummer drei der Weltrangliste wird, Turniere gewinnt und jahrelang auf Topniveau spielt - er wäre ausgelacht worden", sagte in Paris einmal der frühere Profi und heutige TV-Kommentar Brad Gilbert der SZ. "David hat ein Riesenherz. Wenn ich ihm zuschaue, lächle ich nur. Er hat es nur durch Willen geschafft, ein Großer zu werden."

Ferrer knapp hinter Becker: Tennisprofis mit mindestens 700 Siegen seit 1972

1. Jimmy Connors (USA) 1256

2. Roger Federer* (Schweiz) 1099

3. Ivan Lendl (Tschechien/USA) 1068

4. Guillermo Vilas (Argentinien) 929

5. John McEnroe (USA) 877

6. Andre Agassi (USA) 870

7. Rafael Nadal* (Spanien) 844

8. Stefan Edberg (Schweden) 801

9. Ilie Nastase (Rumänien) 780

10. Novak Djokovic* (Serbien) 773

11. Pete Sampras (USA) 762

12. Boris Becker (Leimen/London) 713

13. David Ferrer* (Spanien) 701

*noch aktiv

Alle, die diesen Marathonmann mögen, sollten sich beeilen, ihn zu sehen. Immer wieder tauchen jetzt Fragen zum Karriereende auf. Ferrer, der 2015 geheiratet hat, der sich auf das "neue Kapitel danach" freut, stemmt sich noch mit aller Energie gegen diesen Schritt. Er verliert ja jetzt öfter, seit 2016 rutschte er im Ranking schleichend ab, im März fiel er aus den Top 30, jenseits dieser Marke stand er letztmals im April 2005. Und der Trend spricht nicht für ihn. In dieser Saison verlor er gleich fünfmal seine erste Partie bei Turnieren. Natürlich ist er ein Realist, "ich werde nie mehr in den Top Ten sein", sagte er dem Tennis World Magazin, "aber ich habe Spaß." Wie zum Beweis seiner Freude am Schuften bestritt er am Donnerstag gleich wieder ein Fünfsatzmatch, gegen Landsmann Feliciano Lopez, jenen Mann, gegen den ihm zuvor der 700. Sieg gelungen war. Ferrer hat wie immer sein Tennis aufgezogen, das seiner Zeit auf dem Bau einst gleicht. Statt Backstein für Backstein schleppt er Bälle übers Netz. Vom ersten bis zum letzten Schlag, unterwegs wie ein Wiesel. Das alles ist seine Waffe, andere hat er nicht. Diesmal reichte es nicht. Lopez, ein aggressiv spielender Linkshänder, siegte 7:5, 3:6, 7:5, 4:6, 6:4. Als Ferrer die letzte Vorhand ins Netz stach, nachdem er fast ein 2:5 aufgeholt hatte, warf er gefrustet den Schläger weg. Als er Court 3 verließ, erhoben sich die Zuschauer. Sie applaudierten wie einem Künstler. Einem Arbeitskünstler.

Sein Ziel sei es dieses Jahr, "mit mir glücklich zu sein", sagte er. Er werde sich treu bleiben. Er wolle bei jedem Turnier bescheiden bleiben, "still sein", so nennt er das, sein Englisch ist nach wie vor eine Drei minus, auch das passt zu ihm. Er ist keiner, der sich auf globalen Star trimmte. Ferrer weiß, dass die neue Generation, Alexander Zverev, Nick Kyrgios, diese Jungs, härter aufschlagen, selbstbewusst sind, es wird immer schwerer, vorne mitzuhalten. Aber er sagt: "Ich habe viele Matches gewonnen und das macht mich happy." Das müssen andere erst mal schaffen.