Australian Open:Jetzt geht es wirklich um Nummer 21

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Australian Open: "Für mich ist das komplett unerwartet, ich bin super glücklich": Rafael Nadal darf nun zum 29. Mal ein Grand-Slam-Finale bestreiten, sein sechstes bei den Australian Open.

"Für mich ist das komplett unerwartet, ich bin super glücklich": Rafael Nadal darf nun zum 29. Mal ein Grand-Slam-Finale bestreiten, sein sechstes bei den Australian Open.

(Foto: Paul Crock/AFP)

Rafael Nadal kämpft am Sonntag um den Grand-Slam-Sieg, mit dem er Djokovic und Federer abhängen würde. Doch sein Kontrahent Daniil Medwedew ist geübt darin, großen Gegnern in die Parade zu fahren.

Von Gerald Kleffmann

Möglicherweise dachte Rafael Nadal in dieser Sekunde, die TV-Kamera würde ihn mal nicht filmen. Nachdem er sich, die Faust emporgereckt, den jubelnden Zuschauern auf dem Platz präsentiert hatte, war er zu seiner Bank zurückgekehrt. Und dann steckte er, der 20-malige Grand-Slam-Gewinner, seinen Kopf in ein Handtuch. Im Fernsehen sah es aus, als weinte er.

Später gab sich Nadal, wieder gefasst, völlig unwissend, was da gewesen sei. Aber emotional bewegt, ja, das sei er schon. Mit dem 6:3, 6:2, 3:6, 6:3-Sieg gegen den Italiener Matteo Berrettini hatte er ja fürwahr wieder Erstaunliches geleistet.

Nadal hat nun sein 29. Grand-Slam-Finale erreicht. Sein sechstes in Melbourne. Das gewonnene Halbfinale in der Rod Laver Arena war sein 500. Sieg bei einem Hartplatz-Match. Wenn einer der großen Drei - Djokovic, Federer, Nadal - erfolgreich spielt, tauchen von allein die Bestmarken auf. Und was sagt man dann? "Für mich ist das komplett unerwartet", sprach Nadal, "ich bin super glücklich." Als hätte er gerade den Durchbruch geschafft und sei nicht am Ende einer einmaligen Karriere angelangt. Denn das ist er. Mehr denn je.

Nadal glänzt auch mit taktischen Manövern

Scheibchenweise, nach jeder überstandenen Runde, hatte Nadal in Melbourne zu verstehen gegeben, dass er es für ein Wunder halte, es überhaupt als Teilnehmer zum Turnier geschafft zu haben. Sechs Monate hatte er seinen Beruf nicht ausgeübt, ein Leiden am mittleren Fußknochen, das Müller-Weiss-Syndrom, 2005 erstmals diagnostiziert, zwang ihn zur Pause. Das Coronavirus erwischte ihn auch noch, einige Tage lag er im Dezember flach.

In all diesen Monaten habe er "herausfordernde Momente" erlebt, "ohne ein Licht zu sehen", schilderte er. Manchmal habe er 20 Minuten trainiert. Dann 45 Minuten. Dann gar nicht. Dann zwei Stunden. Er hätte viele Gespräche geführt, mit dem Team, der Familie, darüber, "was alles passieren kann und was passiert", sollte sich sein Zustand nicht verbessern. Und dann sei er aufgetaucht: der Gedanke, "dass da vielleicht eine Chance ist, Auf Wiedersehen zu sagen". Nach Roger Federer, 40, ist somit der zweite dieses elitären Trios auf der wirklich letzten Zielgeraden angekommen.

35 ist Nadal mittlerweile, aber auch in diesem rüstigen Tennis-Alter und quasi frisch aus dem Krankenstand zurückkehrend, verkörpert er das, was er "meine persönliche DNA" nennt. Er geht an seine Grenzen. Allein im Viertelfinale bei brütender Hitze gegen den Kanadier Denis Shapovalov verlor er vier Kilo Gewicht. Und er überzeugt mit taktischen Finessen. Gegen Berrettini, urteilte John McEnroe als Eurosport-Kommentator, hätte Nadal regelrecht "schlau" agiert. Eine bemerkenswerte Feststellung, Nadal wird ja gemeinhin eher mit Attributen wie Kraft und Wille in Verbindung gebracht. Aber McEnroe hatte absolut recht.

Australian Open: Ein einziges Strahlen: Rafael Nadal nach dem verwandelten Matchball.

Ein einziges Strahlen: Rafael Nadal nach dem verwandelten Matchball.

(Foto: Asanka Brendon Ratnayake/Reuters)

Nadal hatte von Beginn an in Melbourne, wo er 2009 siegte, Strategien auf den Platz ausprobiert, justiert, revidiert. Am Freitag sprach er über diese Manöver, was ungewöhnlich war. Strategien sind Staatsgeheimnisse. Im Match gegen den Weltranglisten-Siebten Berrettini, der nach Wimbledon 2021 sein zweites Grand-Slam-Endspiel erreichen wollte, habe er seine Return-Position bewusst immer wieder verändert, in den ersten beiden Sätzen stand er nah an der Grundlinie, später weiter hinten. Er wollte "Zweifel beim Gegner erzeugen". Nach einem Tief in Satz drei fing er sich, versuchte seine Energie einzuteilen, fokussierte sich auf seine Aufschlagspiele und den Moment, wenn ein Break möglich zu sein schien. Bei 4:3 knackte er Berrettini. Nadals "Drehbuchvorbereitung" sei großartig gewesen, schwärmte McEnroe.

Medwedew flippt völlig aus, beschimpft den Schiedsrichter - und fängt sich wieder

Das Skurrile im großen Bild nun ist, dass Nadal auf ähnliche Art triumphieren könnte wie ein anderer prominenter Kollege 2017. "Wer war noch mal der 35-Jährige, der ein halbes Jahr nicht spielte und hierherkam und gewann?", fragte McEnroe im Fernsehen und gab selbst die Antwort: "Sein Name war Roger Federer!" Damals fehlte der Schweizer aufgrund einer Knieverletzung lange, ehe er in Australien alle verblüffte und wie aus dem Nichts gewann.

Am Sonntag findet das Finale statt (9.30 Uhr MEZ, Eurosport), nach der Visums-Diskussion um Novak Djokovic steuert das Turnier wirklich auf ein letztes rein sportliches Duell zu. Nadal könnte Geschichte fabrizieren. Daniil Medwedew aber auch. Nadal könnte seinen 21. Grand-Slam-Titel holen, noch liegt er gleichauf mit Djokovic und Federer bei 20 Trophäen. Medwedew könnte nach seinem Sieg bei den US Open gleich seinen nächsten Grand-Slam-Pokal gewinnen, was noch keinem Mann direkt nach einem Premieren-Triumph gelang.

Dass Medwedew keine Probleme damit hat, die Rolle eines Spielverderbers zu übernehmen, bewies er in New York, als er Djokovics Jahres-Grand-Slam-Traum ungerührt im Finale zerstörte; dabei war selbst das Publikum einseitig wie nie auf Djokovic' Seite. So blieb die Bilanz des Serben bei drei Grand-Slam-Siegen 2021 stehen. Völlig abgebrüht ist Medwedew freilich auch mit 25 nicht, gereift ist er trotzdem, wie er im Halbfinale am Freitag bewies. Da glänzte er nicht nur als "Marathonläufer", wie der Verlierer fand, sondern auch als Hitzkopf, der sich aber schnell wieder im Griff hatte. "Das Match war ja durchaus wichtig", sagte der russische Weltranglisten-Zweite später mit feiner Ironie nach seinem 7:5 (5), 4:6, 6:4, 6:1 gegen Stefanos Tsitsipas. Er ist schon ein intelligenter Gauner.

Australian Open: Ein zweiter Gegner? Daniil Medwedew (links) haderte mit Referee Jaume Campistol und beschimpfte ihn als "small cat", weil dieser zunächst Medwedews Gegner Stefanos Tsitsipas gewähren ließ, als der Vater des Griechen verbotenerweise Coaching betrieb.

Ein zweiter Gegner? Daniil Medwedew (links) haderte mit Referee Jaume Campistol und beschimpfte ihn als "small cat", weil dieser zunächst Medwedews Gegner Stefanos Tsitsipas gewähren ließ, als der Vater des Griechen verbotenerweise Coaching betrieb.

(Foto: James Gourley/Shutterstock/imago)

Als Medwedew in der entscheidenden Phase des zweiten Satzes Break und Verwarnung aufgrund einer obszönen Geste kassiert hatte, war er nicht zu beruhigen. Hart ging er den Schiedsrichter an und forderte, der auf der Tribüne quasselnde Vater des Griechen, Apostolos Tsitsipas, möge endlich ruhig sein und Stefanos eine Verwarnung erhalten. Coaching ist verboten. Medwedews Zorn gipfelte darin, dass er Jaume Campistol als "small cat" bezeichnete. Dieser Ausdruck dürfte nun in der Galerie der schönsten Beschimpfungen neben McEnroes "You cannot be serious" stehen.

Nach Matchende entschuldigte sich Medwedew, befand aber auch, er sei stolz, wie er sich gefangen hatte. "Normalerweise würde ich weiter Fehler machen", meinte er. Still wie ein Schweigepriester hatte er tatsächlich Tsitsipas abgefieselt.

Dass es am Sonntag maßgeblich um den berühmtesten Dreikampf des Tennissports geht, ist Medwedew bewusst. Er gehe auch davon aus, dass "Novak und ein bisschen auch Roger zuschauen" werden. Aber er stellte auch klar: "Es ist ihre Sache, nicht meine. Ich bin hier, um das Finale zu gewinnen."

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