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Australian Open:Die Lage spitzt sich zu

Verschärfte Hygiene-Maßnahmen: Im Melbourne Park finden in dieser Woche sechs Turniere der ATP und WTA Tour statt, ab kommender Woche dann die Australian Open.

(Foto: David Gray/AFP)

Der jüngste Corona-Fall vor den Australian Open hat die Tennisgemeinde in den Ausnahmezustand versetzt. Der Zeitplan soll eingehalten werden - doch es gibt keine Garantien.

Von Gerald Kleffmann

Streng genommen ist Craig Tiley, 59, nur der CEO des Verbandes Tennis Australia und der Turnierdirektor der Australian Open. Seit Monaten und besonders in diesen Tagen ist der gebürtige Südafrikaner aber auch Krisenmanager, Feuerwehrmann, Moderator, Beruhiger, Vermittler. Manchmal, wie an diesem Donnerstag, wirkt er gar wie ein Staatsmann, wenn er in eilig einberufenen Pressekonferenzen vor eine Fülle von Mikrofonen tritt, die Melbournes Medien in Stellung gebracht haben. Es geht eben um viel.

Beim Pokern würde man sagen: Tiley ist mit seinem Turnier All-in gegangen. Allerdings nicht nur finanziell. Er hat nichts unversucht gelassen, um die gesamte Tennisgemeinde in seine langjährige zweite Heimat einfliegen zu lassen. Er hat, da hilft ihm sein angenehmes und zugleich hartnäckiges Wesen, mit den Ministern des Bundesstaates Victoria und der Nation verhandelt, bis er das Okay erhielt.

Seit Mitte Januar, seit die ersten der mehr als 600 Profis samt mindestens noch einmal so vielen Teammitgliedern einreisten, führt er einen völlig neuen Kampf: Tiley muss das Grand-Slam-Turnier retten. Und damit den Tennissport und das Land vor einer Schmach, in der es bei weitem nicht nur um einen möglichen Imageverlust geht. Es geht, nüchtern betrachtet, zuvorderst um Menschenleben.

Tennis Australia Press Conference

Oberster Krisenmanager: Craig Tiley, Chef von Tennis Australia und Turnierdirektor der Australian Open, muss zurzeit sehr oft über die neuesten Entwicklungen in Melbourne Auskunft geben.

(Foto: Quinn Rooney/Getty)

Davon zeugten die jüngsten Vorgänge in der Metropole im Südosten des Kontinents. Gerade erst waren die Tennisschaffenden aus 14 Tagen Quarantäne entlassen worden, in der manche Profis sich nicht zu schade waren zu entblößen, dass sie von den Abläufen und Zusammenhängen der Pandemie nicht viel verstanden. Während Australiens Politiker sich mühten, der heimischen Bevölkerung klarzumachen, dass die Durchführung der größten jährlichen Sportveranstaltung keine Gesundheitsgefahr darstelle, motzte einer wie der italienische Profi Fabio Fognini über die Qualität des Hotel-Essens.

Zverev und Kerber geben Entwarnung

Dass jetzt, da alle die Quarantäne beendet haben und seit Montag bei sechs Turnieren der Männer- sowie Frauen-Tour wieder ihrem Beruf nachgehen, alles überstanden ist, erwies sich spätestens am Mittwochabend als Trugschluss. Rund 600 Profis, Teammitglieder und Offizielle wurden zurückgepfiffen. Alle mussten wieder in eine eintägige Isolation, dazu reichte ein neuer Covid-Fall eines Hotelangestellten im Spielerhotel Grand Hyatt. Statt der üblichen PR-Mails mussten die Australian Open Meldungen versenden versehen mit dem Betreff: "Important - Statement".

"Wir sind absolut zuversichtlich, dass die Australian Open durchgeführt werden", sagte am Donnerstag Tiley, und dass er diesen banal klingenden Satz so hervorheben musste, zeigt, wie sehr sich die Lage zugespitzt hat. Zwar wurde am Donnerstag bei allen sechs Wettbewerben in Melbourne sicherheitshalber pausiert. Auch wurde die Auslosung des Grand-Slam-Turniers auf diesen Freitag verschoben. Aber: Training im Melbourne Park wurde am Donnerstagnachmittag zumindest gestattet, am Freitag sollen auch die ATP- und WTA-Veranstaltungen weitergehen. Der Zeitplan könne eingehalten werden, beschwichtigte Tiley: "Wir starten am Montag und beabsichtigen auch nicht, Zeiten zu ändern." Für die erhoffte Normalität, das wird immer klarer, gibt es keine Garantie.

507 Profis samt einigen Dutzend Teammitgliedern, bezifferte Tiley, mussten nun erneut einem strikten Protokoll folgen. Ein Tag Isolation, der Test muss negativ sein. Die Furcht war auch deshalb groß, weil bei der positiv getesteten Hotelkraft offenbar das aggressivere mutierte Virus nachgewiesen worden war. Am Donnerstag wurden die ersten negative Testergebnisse fast wie Erfolgsmeldungen publik gemacht. Auch die deutschen Spitzenspieler Alexander Zverev und Angelique Kerber konnten Entwarnung geben. "Die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering, dass es noch Fälle gibt", sagte Tiley weiter: "Wir erwarten, dass alle negativ sind."

Um Zeit zu gewinnen, wurde am Donnerstag auf der WTA-Frauentour beschlossen, bei den noch laufenden drei Turnieren ab sofort dritte Sätze nicht mehr normal auszuspielen, sondern im Tie-Break-Modus. Das könnte sich als gute Maßnahme erweisen, um schneller durch die Runden zu kommen, denn die Wetteraussichten sind nicht allzu gut für diesen Freitag - ein neues Problem möglicherweise, selbst wenn die Dächer über den größten Arenen geschlossen werden können. Im Ablaufplan ist jetzt kaum noch Spielraum vorhanden, wozu der jüngste Corona-Fall beitrug, der alles wieder in Alarmbereitschaft versetzte.

Wie sich der Hotel-Angestellte infizierte, ist dabei ein klassisches Beispiel für die tückischen Wege des Virus - und in diesem Fall fast schon tragikomisch. Wie 9News in Melbourne berichtete, hatte es nach Ablauf der zwei Quarantänewochen der Tennisprofis für die in den Hotels eingesetzten Arbeitskräfte eine Feier gegeben, ganz offiziell organisiert von den Behörden, und als Dank gedacht. Der 26-Jährige hatte mit Personen aus diesem Kreis Kontakt und sich dort offensichtlich das Virus eingefangen.

© SZ/bkl/pps/moe
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