Asarenka bei den Australian Open:Kritik ist ihr jetzt egal

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Asarenka bei den Australian Open: "Was zur Hölle denke ich hier auf dem Platz?": Victoria Asarenka berichtet bemerkenswert offen über Stressmomente im Tennis und Strapazen.

"Was zur Hölle denke ich hier auf dem Platz?": Victoria Asarenka berichtet bemerkenswert offen über Stressmomente im Tennis und Strapazen.

(Foto: Peter Dovgan/Uk Sports Pics/Imago)

Zehn Jahre nach ihrem letzten Triumph in Melbourne steht Victoria Asarenka erneut im Halbfinale. Sie hat gelernt, Versagensängste und Panikattacken zu überwinden - und sie gibt Kontra, wenn ihr etwas nicht passt.

Von Gerald Kleffmann, Melbourne

Natürlich kam von Casey Dellacqua, der früheren australischen Profispielerin, auf dem Center Court eine Frage zu Leo: Denn Victoria Asarenka spricht immer gerne über ihren Sohn, der diesmal auf der Arbeitsreise seiner Mutter nicht dabei sein kann. Sechs Jahre ist der Kleine alt, er muss zur Schule in den USA. Als Gruß an ihn trug Asarenka ein Shirt von Paris Saint-Germain, Leos Lieblingsfußballteam. Als sie berichtete, ihm sei das ohnehin egal, wenn sie irgendwo spiele, gab es Gelächter in der Rod Laver Arena. "Er will nur, dass ich bald nach Hause komme", sagte sie, er müsse eben ein paar Tage warten. Ach, und ihr Hund, das fiel ihr just ein, der habe heute Geburtstag; Asarenka war wirklich launig drauf. Das war sie schon länger nicht mehr bei den Australian Open, die ja zwei Jahre lang einmal die Asarenka Open gewesen waren.

2012 und 2013 durfte die nun 33-jährige Belarussin, die in den USA an der Westküste lebt, in Melbourne den Pokal in Empfang nehmen. Nach ihrem ersten Triumph war sie sogar zur Nummer eins der Weltrangliste aufgestiegen. Asarenkas frühe große Momente stammen noch aus einer Zeit, als ihre ärgsten Rivalinnen Serena Williams, Caroline Wozniacki und Agnieszka Radwanska hießen. Sie alle haben aufgehört, nur Asarenka nicht. Und jetzt, da sie mit einem 6:4, 6:1-Erfolg gegen die Weltranglistendritte Jessica Pegula aus den USA tatsächlich wieder das Halbfinale in Melbourne erreicht hat, heißt es gleich wieder: Vintage-Asarenka ist zurück! Nein, nein, empörte sie sich in der Pressekonferenz, "lasst euch mal ein neues Wort einfallen", erklärte sie cool flüsternd, "das habe ich schon vor zehn Jahren gehört".

Was sie nicht abstreiten kann, ist der Fakt, dass die Jahre ins Land gezogen sind, auch wenn sie kaum älter aussieht. Wobei: Ihre Augen konnte man nicht sehen auf der Pressekonferenz, sie trug wieder eine verspiegelte Brille. Früher hatte sie einmal bemerkt, die grellen Strahler, die auf die Redner in diesen Räumen gerichtet seien, blendeten sie. Vielleicht fühlt sie sich aber so auch sicherer, vor den auf sie gerichteten Blicken.

"Wir sind normale menschliche Wesen, die durch viele, viele Dinge gehen."

So einfach ihr Tennis manchmal aussehen mag mit den immer wiederkehrenden Links-Rechts-Kombinationen, Asarenka war in den verbalen Aufarbeitungen nach ihren Matches noch nie eine Art Profi von der Stange: Sie war manchmal launisch, auch schnippisch, viel häufiger geistreich, tiefgründig, meinungsstark. Das ist sie immer noch. Wenn ihr eine Frage oder ein Wort wie "Vintage" nicht passt, gibt sie Kontra.

Genauso leidenschaftlich kann sie auf ein Thema eingehen, wenn sie ernsthaftes Interesse an ihrer Person spürt. Als sie gebeten wurde, über Angst und die Bewältigung von Angst zu reden, weil sie diesen Aspekt kurz beim Interview auf dem Platz erwähnt hatte, da tat sie das ausführlich.

"Für mich ist es so - wahrscheinlich für alle, aber für mich besonders -, dass ein Tennisplatz viele dieser Ängste triggert", gestand sie. "Immer wenn ein hoher Stressmoment kommt, kommen seltsame Emotionen auf den Platz." Manchmal denke sie: "Was zur Hölle denke ich hier auf dem Platz?" Tennisprofis, das ist deren Los, sind ihrer Einsamkeit besonders ausgeliefert, die Furcht zu versagen sei deshalb groß, schilderte Asarenka; umso mehr gehe es darum, vor diesen Ängsten "nicht wegzulaufen". Sie meinte das bildlich, wortwörtlich hatte sie aber auch schon die Flucht ergriffen. Bei den Miami Open im vergangenen Jahr hatte sie mitten im Match der Tschechin Linda Fruhvirtova die Hand gegeben, weg war sie. Sie habe sich verloren gefühlt, erklärte sie später und bedauerte ihren Abtritt.

In Melbourne, im Moment ihrer Rückkehr in die Runde der letzten Vier, wo sie auf die kasachische Wimbledon-Siegerin Elena Rybakina (6:2, 6:4 gegen die Lettin Jelena Ostapenko) trifft, erwähnte sie auch, manchmal Panikattacken gehabt zu haben. Sie betonte, Tennisspieler würden oft vorschnell von außen abgestempelt und verurteilt werden, nur seien sie keine Bösewichte und auch keine Helden: "Wir sind normale menschliche Wesen, die durch viele, viele Dinge gehen." In ihrem Fall stimmt das besonders. Sie hatte einen langwierigen Sorgerechtsstreit mit dem Vater ihres Kindes zu bewältigen. Da sie Kalifornien nach der Geburt von Leo nicht verlassen konnte, verpasste sie zweimal die Australian Open und viele andere Turniere. Sie war sich auch unsicher, ob sie weitermachen würde, das hatte sie anderer Stelle angedeutet.

Es lässt sich nur erahnen, wie speziell diese Tage von Melbourne für Asarenka sein mögen, denn so schwer die besprochene Thematik auch war, so leicht trug sie diese vor. "Ich bin im Frieden mit mir", sagte sie, Kritik sei ihr egal.

Zehn Jahre liegt eine Episode zurück, die sie nachhaltig beschäftigte

Diese neue, vom Leben gezeichnete Einstellung ist ganz offensichtlich die Ursache ihres jetziges Erfolges. Denn sie wirkt sich auf ihre Leistung auf dem Court aus. Sie habe eines gelernt, sagte Asarenka: "Dass ich alles akzeptiere, was ich durchmache." Da sei keine Wut mehr oder "welche Emotionen auch immer", Angst demnach auch nicht. "Ich genieße diesen Prozess", befand sie und gab zu, früher vieles nicht verstanden zu haben. Dass sie nun die Dinge begreife, gebe ihr ein Gefühl von "Dankbarkeit und Wertschätzung".

Sie hat sich auch mit sich selbst versöhnt. Das erläuterte sie exemplarisch an einer für sie lange schmerzhaften Begebenheit. 2013 hatte Asarenka im Halbfinale gegen die Amerikanerin Sloane Stephens gespielt und in einer kritischen Spielphase eine medizinische Auszeit genommen, zehn Minuten war sie weg. Sie siegte noch, doch geriet schwer in die Kritik. "Ich brauchte zehn Jahre, um darüber hinwegzukommen", gestand sie nun.

Es gibt diesen fantastischen Film "Being John Malkovich", in dem ein Puppenspieler über eine Tür in den Kopf des bekannten US-Schauspielers Malkovich gelangt. Nun, an diesem 24. Januar in Melbourne, während draußen den ganzen Tag über das Wetter verrückt gespielt hatte und es abwechselnd regnete, die Sonne schien, bis ein wunderschöner Regenbogen auftauchte, waren die Journalisten in den Kopf von Victoria Asarenka eingetaucht. Ihr machte das sichtlich Freude.

Tatsächlich wurde noch über Sport geredet am Schluss, exakt eine Frage. Ach ja, Rybakina, Halbfinale. "Sie spielt kraftvoll. Mächtiger Aufschlag", sagte Asarenka, sie freue sich auf die Herausforderung. Sie, die Kritische, schaute kein bisschen irritiert, dass es keine weiteren Nachfragen gab. Vielleicht spürte sie ja auch: Es war um den Menschen und weniger um den Leistungssportler gegangen in dieser Pressekonferenz.

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