Frühes Kerber-Aus bei Australian Open:Nur Statistin in einem irren Actionfilm

Lesezeit: 4 min

Australian Open

Fand in Melbourne nie zu ihrem Spiel: die ehemalige Weltranglistenerste Angelique Kerber.

(Foto: REUTERS)

Für Angelique Kerber enden die Australian Open schon in Runde eins - die einstige Weltranglistenerste liefert auch einen Erklärungsansatz. Alexander Zverev kämpft sich durch.

Von Barbara Klimke

Leicht nur, fast entschuldigend, hob Angelique Kerber zum Abschied die Hand, es blieb bei der Andeutung eines Winkens. Aber sie hatte auch nur eine vage Andeutung ihres Könnens erkennen lassen können. Gesenkten Kopfs verschwand sie aus der Margaret Court Arena in Melbourne. Die Australian Open, das 14-Tage-Turnier, das sie vor fünf Jahren nach sieben Matches im Triumph gewonnen hatte, war diesmal für sie schon nach 70 Minuten aus und vorbei.

Der erste Satz hatte sogar nur erschreckend kurze 18 Minuten gedauert, ehe Kerber bereits 0:6 zurücklag. Gerade einmal acht Pünktchen waren ihr gelungen. "Es war nicht mein Tag", sagte sie, als sie auch den zweiten Durchgang 4:6 gegen die US-Amerikanerin Bernarda Pera verloren hatte und mit der Aufarbeitung der Niederlage begann: "Ich habe viel zu spät angefangen, Tennis zu spielen."

Vermutlich war dies die einzig logische Erklärung für diese seltsame Vorstellung, die zunächst an ihr vorbeizurauschen schien, als sei Angelique Kerber, 33, die ehemalige Nummer eins der Weltrangliste, nur Statistin eines irren Actionfilms mit einem ihr unbekannten Plot, bei dem eine andere die Regie führt. Bernarda Pera, 26, die trotz ihres amerikanischen Passes in Kroatien aufwuchs und dort lebt, verfügt über variables Vorhandspiel, sie hat in ihrer gesamten Karriere aber lediglich fünf Matches gegen Akteurinnen aus den Top Ten gespielt. Und doch ließ sie Kerber über weite Strecken des Matches wieder und wieder ins Leere laufen. Erst im zweiten Satz, nach erneut drei verlorenen Spielen, schien sich die dreimalige Grand-Slam-Siegerin gegen das drohende Debakel stemmen zu können und begann, letztlich vergeblich, zurückzukämpfen.

Australian Open

Effektive Vorhandschleuder: Bernarda Pera diktierte von der Grundlinie das Spiel.

(Foto: Asanka Brendon Ratnayake/Reuters)

Sie hatte tatsächlich verzögert mit dem Tennisspielen begonnen, der Verzug aber belief sich nicht nur auf 18 Minuten am Montagmorgen, sondern auf 14 Tage: Das war exakt jene quälend lange Zeit, in der sie nach der Landung in Melbourne in strikter Quarantäne tatenlos die vier Wände ihres Hotelzimmers betrachtete, während der Großteil der aus aller Welt in Melbourne versammelten Tennisprofis zumindest zwei Stunden auf dem Platz trainieren durfte. Kerber hingegen spürte, was es heißt, "zwei Wochen keinen Schläger in die Hand zu nehmen". Die wenigen Tage, die ihr anschließend blieben vom Stubenarrest bis zum Beginn der Australian Open, reichten nicht, um sich in Rhythmus zu spielen. Geschweige denn, intuitiv jenen Sekundenbruchteil zu finden, in dem der Ball die Saiten treffen muss, damit ein Schlag seine maximale Wirksamkeit entfaltet. Der kurze Auftritt bei dem ad hoc ins Leben gerufenen Vorbereitungsturnier in Melbourne, der Grampians Trophy, vergangene Woche war nicht genug. "Dieses Gefühl, die Bälle zu schlagen", das habe ihr gefehlt, sagte Kerber: "Man hat gesehen, sie waren immer zwei oder drei Zentimeter im Aus."

Auch Laura Siegemund und Andrea Petkovic verlieren

Jede ihrer Reaktion wirkte anfangs zu langsam, zu verzögert. Das ermöglichte ihrer Gegnerin, die Bälle im Steigflug zu schlagen und mit Wucht und Winkeln zu platzieren. Auch hier also war Kerber, wie sie selbst analysierte "ein bisschen zu spät". Sie habe zugelassen, dass Bernarda Pera, die Nummer 66 der Weltrangliste, sich zu derartiger Dominanz aufschwingen konnte, auch wenn es, wie Kerber vermutete, "das Match ihres Lebens war".

Allein auf ihrem Zimmer hatte Kerber, "immer versucht, positiv gestimmt zu bleiben", wie sie erklärte. Und als Ausrede wollte sie diese Nachwehen der Quarantäne ausdrücklich nicht verstanden wissen - nur als Ansatz einer Erklärung. Boris Becker, der für den Sender Eurosport die Australian Open analysiert, hatte derartige Entwicklungen schon ahnend vorweggenommen. Gerade Spitzenspieler, so erläuterte er vor Turnierbeginn, benötigten täglich ihre mehrstündige Dosis Training, "um das Timing, die Fitness, die Ausdauer, das Auge" zu schulen. Und Kerber, sagte Becker, habe "das Gegenteil einer optimalen Vorbereitung erlebt".

Sie hatte zweifellos die schlechtesten Bedingungen aller deutsche Profis in Melbourne, weil ihre Anreise in einem Flugzeug mit Corona-infizierten Passagieren zur verschärften Isolation geführt hatte. Aber sie war nicht die Einzige, die in der ersten Runde gleich verlor: Laura Siegemund, 32, sah sich gleich zum Auftakt der einschüchternden Präsenz der in einen schwarz-rot-rosa gestreiften Einteiler gehüllten 23-maligen Grand-Slam-Siegerin Serena Williams aus den USA gegenüber. Sie verlor das Duell 1:6, 1:6 und mit einem Doppelfehler. "Von mir kam gar nichts!", bemerkte sie später ärgerlich und selbstkritisch. Von nun an will sie sich auf den Doppelwettbewerb konzentrieren. Unglücklicher war die Niederlage von Andrea Petkovic, 33, die in drei Sätzen (3:6, 6:3, 4:6) der an Nummer 27 gesetzte Tunesierin Ons Jabeur unterlag. Es hätte auch anders ausgehen können, fand Petkovic, nur ein paar Bälle entschieden hier das Match.

TENNIS AUSTRALIAN OPEN, Alexander Zverev of Germany in action during his first Round Men s singles match against Marcos

Neuer Look: Alexander Zverev präsentierte sich in seinem Auftaktmatch in einem ärmellosen Tennisshirt.

(Foto: Dean Lewins/Imago/AAP)

Ähnlich lautete das Fazit von Alexander Zverev, 23, der sich ein wenig müde fühlte, seinen ersten Aufschlag nicht mit der gewohnten Kraft auf die gegnerische Seite kanonierte, dennoch 6:7 (8), 7:6 (5), 6:3, 6:2 gegen den Amerikaner Marcos Giron gewann. Nach dem verlorenen ersten Durchgang und einem Break im zweiten Satz prügelte er kurz seinen Schläger auf den Boden, danach war das Racket ein Fall für die Wertstofftonne, aber Zverev hatte sich und das Match wieder im Griff. "Ich bin froh, dass ich weitergekommen bin, der zweite Satz hätte auch anders laufen können", seufzte Zverev, Nummer sieben der Welt, der in Melbourne seine ganz eigenen Maßstäbe setzt. Die Halbfinalteilnahme des Vorjahrs will er möglichst übertreffen. Auch Dominik Koepfer, 26, zog in die zweite Runde ein nach einem Sieg gegen Hugo Dellien aus Bolivien (7:5, 6:2, 6:4); allerdings muss er sich nun auf ein Duell mit dem US-Open-Champion Dominic Thiem aus Österreich gefasst machen.

Angelique Kerber dagegen hatte am Montag noch keine Pläne für die kommenden Tage getroffen. Nur einen Blick zurück in Wehmut wagte sie: Sie beglückwünschte Australien zu dem Herkulesakt, inmitten der Pandemie ein Grand-Slam-Turnier zu organisieren, zumal sie sich nun frei, ohne jede Einschränkung durch Stadt und Land bewegen könne. Aber hat sich die lange Reise, die Strapaze der verschärften Quarantäne gelohnt? Schulterzucken: "Wenn ich das alles vorher gewusst hätte, hätte ich es mir zwei Mal überlegt."

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