Angelique Kerber:Ciao mal wieder

Lesezeit: 3 min

Angelique Kerber: "Keine Ahnung, wie ich mich morgen fühle": Angelique Kerber nach ihrer Niederlage gegen Kaia Kanepi aus Estland.

"Keine Ahnung, wie ich mich morgen fühle": Angelique Kerber nach ihrer Niederlage gegen Kaia Kanepi aus Estland.

(Foto: Asanka Brendon Ratnayake/Reuters)

Nach einem schwachen Auftritt sind die Australian Open für Angelique Kerber bereits beendet. Mit dem Aus der früheren Melbourne-Siegerin erlebt der DTB einen Tiefpunkt: Erstmals seit 1977 steht keine Deutsche in der zweiten Runde.

Von Gerald Kleffmann

Um einen ersten Eindruck vom Gemütszustand eines Spielers oder einer Spielerin zu gewinnen, hilft manchmal ein Blick auf eine Zeitschiene. Wann ging ein Tennismatch zu Ende? Und wann tauchte der Profi zur Pressekonferenz auf? Wenn zum Beispiel Rafael Nadal in Paris zum 800. Mal die French Open gewonnen hat, würde er erst mal stundenlang nicht zu sehen sein.

Angelique Kerber zeigte nun, wie es im umgekehrten Fall, also nach einer besonders enttäuschenden Niederlage aussieht. 4:6, 3:6 verloren, schon poppte eine SMS auf, vom Turnier. Kerber käme quasi: gleich. Kaum 20 Minuten zwischen Matchball und erster Antwort. Bloß schnell alles hinter sich bringen und weg, so wirkte es. Zu allem Übel war dieser 18. Januar ihr 34. Geburtstag.

Immerhin: In Weltuntergangsstimmung präsentierte sich Kerber dann keineswegs nach dem Aus gegen die Estin Kaia Kanepi, 36, die zwar kraftvoll agierte. Die aber als Weltranglisten-115. sicherlich nicht favorisiert war gegen die Melbourne-Gewinnerin von 2016. "Ich habe versucht, meinen Rhythmus zu finden und zurückzukommen. Aber manchmal gibt es Tage wie diesen", sagte Kerber, einstige Nummer eins und derzeitige 20. der Weltrangliste. Sie hatte schnell eine Erklärung für ihr sichtbar zaghaftes Auftreten parat. Sie sei ja sonst immer "mit einigen Matches hier angereist", doch diesmal sah ihre Vorbereitung nicht ideal aus.

Im Dezember fing sie sich das Coronavirus ein, sie überstand es mit Fieber und Geschmacksverlust, ihr Zeitplan geriet durcheinander. Anstatt noch ein, zwei Turniere zu spielen, ehe sie beim ersten Grand Slam der Saison antritt, musste sie alles auslassen. Auch in Sydney, wo sie gemeldet war, zog sie ihren Start kurzfristig zurück.

Das Generationsloch im deutschen Frauen-Tennis wird nun sichtbar

Bei Ballwechseln mit Kanepi hatte sie nach eigenem Bekunden gemerkt, dass sie immer wieder mal "einen Schritt zu langsam" war. Tatsächlich schaute sie Bällen ihrer Gegnerin, die in den Ecken einschlugen, oft hinterher. Waren das noch Corona-Nachwirkungen? "Keine Ahnung, wie ich mich morgen fühle", sagte Kerber und lächelte. Man hatte sie schon mal aufgelöster erlebt. Ihre Erwartungen waren schon vorher "relativ niedrig" gewesen.

Angelique Kerber: Zu häufig in der Defensive: Angelique Kerber erkannte, dass sie oft "einen Schritt zu langsam" war. Auch die Folge einer Corona-Infektion im Dezember, die ihre Vorbereitung völlig veränderte.

Zu häufig in der Defensive: Angelique Kerber erkannte, dass sie oft "einen Schritt zu langsam" war. Auch die Folge einer Corona-Infektion im Dezember, die ihre Vorbereitung völlig veränderte.

(Foto: Paul Zimmer/Imago)

Das deutsche Frauentennis erlebt jetzt mit dem Scheitern der erfolgreichsten Akteurin des Deutschen Tennis-Bundes seit Steffi Graf einen Tiefpunkt. Erstmals seit 1977 ist keine deutsche Spielerin in der zweiten Runde vertreten. Julia Görges, die oft exzellent in Melbourne gespielt hatte, hat ihre Karriere beendet. Die unermüdliche Andrea Petkovic erwischte in der French-Open-Siegerin Barbora Krejcikova aus Tschechien eine unüberwindbare Erstrundenhürde. Wie auch Tatjana Maria, nun Mutter zweier Kinder, die sich gegen die Griechin Maria Sakkari immerhin achtbar schlug. Ansonsten wird nun das Generationsloch sichtbar.

"Absolut kein Vorwurf an Tatjana, Andrea und Angie", sagte Barbara Rittner der SZ, "sie hatten schwierige Gegnerinnen und Angie auch sicher keine glückliche Vorbereitung. Sie haben zudem die Fahne in den vergangenen 15 Jahren hochgehalten." Rittner, die selbst als Spielerin alle großen Turniere der Welt bestens kennt, begleitet seit längerem als Head of Women's Tennis beim DTB die Entwicklung der deutschen Profis, aber auch des Nachwuchses.

"Wir haben einige junge Spielerinnen, die uns Hoffnung machen. Aber sie brauchen noch ein bisschen Zeit", erklärte Rittner. Damit meint sie zum Beispiel Jule Niemeier, 22, die sich auf den 119. Platz in der Weltrangliste hochgekämpft hat.

Kerber klingt nicht so, als würde sie zeitnah die Schläger in den Schrank packen

Dass sich Kerber, die in Melbourne nach der Trennung von Torben Beltz (arbeitet nun für die Britin Emma Raducanu, die die Amerikanerin Sloane Stephens besiegte) ohne Trainer, dafür aber mit ihrem Lebenspartner angereist war, in der Endphase ihrer Karriere befindet, hat sie längst deutlich gemacht. Wie lange sie noch spielen will, hat sie stets offen gelassen.

Kerber war immer eine Spielerin, die sich ihr Selbstbewusstsein über Erfolge und den Spaß holt. Doch trotz des Scheiterns gab es auch positive Aspekte: "Ich fand ihre Körpersprache gut, sie hat sich nie hängen lassen und sich immer wieder gepusht", analysierte Rittner. Kerber selbst klang auch nicht so, als würde sie zeitnah die Schläger in den Schrank packen. Sie wird wohl als Nächstes das WTA-Turnier in Dubai oder Doha bestreiten, beide finden in der zweiten Februarhälfte statt. Anschließend tritt sie in Indian Wells und Miami an.

Ihren Geburtstag wollte Kerber wenigstens ein bisschen nachfeiern, wobei sie sich ohnehin vor allem "Gesundheit" wünschte, was sicherlich nachvollziehbar ist. Grand-Slam-Titel, drei an der Zahl, hat sie ja schon. Sie hoffe aber auch "dass ich noch den einen oder anderen Sieg nach Hause bringen kann". Als sie aufstand und die Pressekonferenz verließ, rief sie noch kurz: "Also viel Spaß noch, ciao!" Es klang fast erleichtert. Wer nur einmal in das braune Wasser des Yarra River springen durfte, hat in Melbourne ohnehin seine Schuldigkeit getan.

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