Australian Open Zverev ist jetzt ein Genießer

Alexander Zverev zählt in Melbourne zu den Favoriten.

(Foto: AP)
  • Alexander Zverev geht optimistisch in das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres.
  • Nachdem er zum Ende des vergangenen Jahres das ATP-Finale gewonnen hat, will er nun mit der gleichen Leichtigkeit in Melbourne erfolgreich sein.
  • "Ich will hier das Turnier genießen", sagt Alexander Zverev.
Von Barbara Klimke, Melbourne

Wenn er wollte, könnte Alexander Zverev jeden Arbeitstag in Australien mit einem Spaziergang am Fluss beginnen. Raus aus dem Hotel, den Fahrdienst ignorieren, ein paar Schritte die Straße bergab und an der National Gallery of Victoria vorbei, die eine brillante Sammlung von Kunst der Aborigines und übrigens auch einen ausgezeichneten Kaffee hat. Dann am Yarra River entlang, mit Blick auf die pittoresken Bootshäuser der Ruderklubs auf der andern Uferseite, und nach kaum mehr als einer Viertelstunde Fußweg ist man bei den Australian Open angelangt.

Auf der Tennisanlage wurde gerade der Sternekomfort in den Umkleideräumen, den Lounges und Spielerrestaurants deutlich erhöht. Die Annehmlichkeiten, so berichten weitgereiste Profis, seien mit kaum einem anderen Turnier zu vergleichen. Dazu kommt das Wetter: Sonne im Januar, leichte Brise und Temperaturen um die 30 Grad. Und womöglich ist es nicht ganz unwichtig zu erwähnen, dass auch das Preisgeld gerade noch einmal um zehn Prozent auf insgesamt nunmehr rund 38 Millionen Euro gestiegen ist. Das muss als Hintergrundinformation genügen, um zu verstehen, dass sich Zverev diesmal zu einem eisernen Entschluss durchgerungen hat: "Ich will das Turnier hier genießen", hat er angekündigt.

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Die deutsche Tennisspielerin muss bei den Australian Open im zweiten Satz aufgeben, weil der Kreislauf nicht mehr mitmacht. Auch Jan-Lennard Struff verliert.

Gewaltige Grundlinienduelle und Genuss, das sind in Zverevs Vorstellungswelt allzu oft gegensätzliche, unvereinbare Konzepte gewesen. Daran haben auch eine weitere Sushi-Bar als Verköstigungsstation, ein neuer Pizzaofen oder eine größere Motorenleistung beim Centre-Court-Dach, mit der sich die Schließzeit auf rekordverdächtige fünf Minuten verringert, wenig ändern können.

Symptomatisch für diese Haltung war der Temperamentsausbruch, mit dem Zverev vor zwei Jahren auf eine frühe Niederlage in Wimbledon reagierte. Bei einem Turnier also, das den Profis ähnlich viel Behaglichkeit wie der Melbourne Park bietet - sieht man vom Inselregen ab. Er wolle nicht mehr hören, dass er aus verlorenen Matches Lehren ziehen könne, stellte er damals auf einer Pressekonferenz klar: "Irgendwann habe ich keine Lust mehr zu lernen!" Diese bockige Ungeduld, so hat er nun vor seinem Auftaktmatch am Dienstag gegen den Slowenen Aljaz Bedene erklärt, habe er sich endlich abtrainiert: "Man kann nicht immer denken, es ist das Ende der Welt, wenn man mal verliert."

Es war ein Reifeprozess nötig, um den Hochbegabten zu dieser Sicht der Dinge zu führen. Und Zverev, trotz seiner beträchtlichen Erfolge erst 21 Jahre alt, kann Ort und Zeitpunkt des Erkenntnisgewinns exakt bestimmen: Es war just der Moment, als er im November bei den ATP Finals in London den Weltranglistenersten Novak Djokovic schlug und seinen ersten wirklich großen Titel gewann.

In London testete Zverev eine neue Strategie

In London testete er eine neue Strategie. Zu oft, so erzählte er nun in Australien, hatte er sich bis dahin mit der Frage konfrontiert gesehen, wann er mit seinem phänomenalen Talent endlich seinen erstes Grand-Slam-Turnier gewinne; stets fühlte er sich unter Druck gesetzt. Unmittelbar vor den ATP Finals hatte er noch krachend gegen einen Gleichaltrigen, den Russen Karen Chatschanow, verloren, 2:6 und 1:6. "Also habe ich in London zu mir gesagt: Okay, das ist das letzte Turnier des Jahres. Wir sind alle müde und wollen Urlaub. Ich spiele jetzt gegen die Besten der Welt, also versuche ich mal, mich dabei möglichst wohl zu fühlen." Ein simpler Plan, der aufging, als er die Trophäe in den Händen hielt.

Zverev hat seine Schlüsse daraus gezogen: Die Grand-Slam-Turniere, bei denen er bisher nur einmal - in vergangenen Frühjahr in Paris - das Viertelfinale erreichen konnte, will er jetzt ebenfalls mit einer unverkrampften Einstellung angehen: "Ich hoffe, ich schaffe das", räumte er ein.