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Tennis:Auf dem Jahrmarkt von New York

Die US Open im Wandel: Debatten über Prämien, die Zahl der Schuhwechsel und eine neue Generation, die für Etikette nicht viel übrighat. Nirgendwo zeigt sich besser, dass Tennis heute mehr Show als Wettkampf ist.

Von Jürgen Schmieder, New York

Rod Laver; Rod Laver

Große und kleine Protagonisten der Open-Geschichte: Rod Laver schaffte 1969 als bisher letzter Spieler den Grand Slam.

(Foto: Robert W. Klein/AP)

"Er stürzte herab wie ein Feuervogel, er war ein Brandstifter mit seinen Schlägen. Die rothaarige Rakete aus Australien kam aus dem Hinterland von Queensland, um die Tenniswelt als Amateur zu erobern - und dann als Profi. Sein großartiger linker Arm produzierte sowohl heftigen Drall als auch gewitzte Volleys." Mit diesen poetischen Worten wird Rod Laver auf seiner Plakette im Court of Champions auf der Tennisanlage in Flushing Meadows beschrieben.

Vor 50 Jahren gewann Laver als erster Profi alle vier Grand-Slam-Turniere in einem Jahr (1962 war ihm das schon einmal als Amateur geglückt). Am Jahrestag wird heuer das Männerfinale ausgetragen. 1969 war Laver mit 106 000 Dollar Jahrespreisgeld der Erste mit sechsstelligen Einkünften, der Australier erinnert sich aber lieber an eine Anekdote nach dem Finale vor 3708 Zuschauern: "Ich hatte gerade 16 000 Dollar gewonnen, hatte aber nicht einmal ein Zehn-Cent-Stück dabei, um meine schwangere Frau anzurufen. Ich musste mir das von einem Reporter borgen."

Vor 30 Jahren gewannen Steffi Graf und Boris Becker. Vor 20 Jahren siegte Serena Williams erstmals. Sie haben ein Gespür für Drama in New York, ohnehin sind die US Open mittlerweile mehr Show als sportlicher Wettkampf. Eine Plakette bekommen nur Legenden, die ihre Karrieren bereits beendet haben - was zur Frage führt, was einmal über jene geschrieben stehen wird, die das Turnier in diesem Jahr geprägt haben. Ein paar Beobachtungen.

Nick Kyrgios.

(Foto: Adam Hunger/AP)

"Prinz mit malaysischen Wurzeln, sein Ballgefühl wird nur vom Ego übertroffen. Tollkühn und tollwütig, verfolgt von der Angst, bei Anstrengung erfahren zu müssen, doch nicht ganz so talentiert zu sein, wie er selbst glaubt." Das wäre nach derzeitigem Stand die Plakette für Nick Kyrgios, das Problem: Sie hinge nicht im Court of Champions, sondern im Keller der früh Gescheiterten. Kyrgios ist bei den US Open noch nie über die dritte Runde hinausgekommen, dennoch reden alle über ihn.

Über seine mögliche Suspendierung wegen Bepöbelns und Bespuckens des Referees beim Turnier in Cincinnati äußerte sich Kyrgios so sarkastisch, als brauche ihn das Tennis dringender als er diese Sportart: "Ich bin ein ziemlich langweiliger Typ, ich tue ja nichts für diesen Sport." Landsmann Laver sagt: "Ich weiß nicht, ob es ihm um Aufmerksamkeit geht. Was ihm fehlt: Disziplin. Er steht seinem eigenen Talent im Weg." Boris Becker sagt: "Ich kann ihn erst dann ernst nehmen, wenn er bei großen Turnieren das Halbfinale erreicht." Bis dahin bleibt Kyrgios im Tennis-Wanderzirkus ein Pausenclown und Hofnarr.

Mc Enroe

John McEnroe.

(Foto: AP)

John McEnroe, der große Pöbler, Proll und Plusterer dieses Sports, hat vor 40 Jahren in New York gesiegt, die Hommage auf der Plakette: "Er kombinierte eine samtene Spielweise mit dem Gemüt eines explosiven Hochofens." In dem Spielfilm "Borg/ McEnroe" gibt es eine Szene, in der Björn Borg, der fünfmal in Wimbledon gewann, aber nie in New York, einen Tobsuchtsanfall seines Rivalen beobachtet. "Er wirkt unkonzentriert", sagt seine Freundin Mariana. Borg entgegnet: "Es ist genau andersrum." McEnroe serviert direkt danach ein Ass, Borg nickt, er weiß: Der braucht das, um erfolgreich zu sein.

McEnroe, inzwischen wortgewaltiger und selbsternannter Aufseher dieser Sportart, hat kein Verständnis für Kyrgios. Das Verhalten mag ähnlich wirken, die Gründe dafür indes könnten unterschiedlicher kaum sein. "Seine Angst zu versagen, ist derart groß, dass er lieber nicht hart genug trainiert, um niemals in diese Position zu kommen, verletzlich zu sein."

2019 US Open - Day 6

Cori Gauff wird mit 15 ins Rampenlicht gedrängt.

(Foto: Clive Brunskill/AFP)

Die Inschrift für Steffi Graf: "Souverän und einschüchternd, mit einer Vorhand, die Gegnerinnen in die Knie zwang." Sie ist nicht anwesend, Ehemann Andre Agassi ("Kühn und dreist, größer als das Leben selbst") auch nicht. Agassi ist Berater von Grigor Dimitrov und schickt ihn alleine nach New York, damit der mal ein bisschen was über sich lernt. Mit Erfolg: Dimitrov besiegt im Viertelfinale erstmals Roger Federer. Der Bulgare sagt, und damit hebt er sich ab von all jenen, die sich Niederlagen schönreden und sich bei Siegen auf ein Podest stellen, dass er darüber mindestens so überrascht sei wie alle anderen.

Ob Graf die US Open von ihrem Haus in Las Vegas aus betrachtet und sich beim Anblick von Cori "Coco" Gauff an ihre eigenen Anfänge erinnert? Man wird es wohl nicht erfahren, Graf hat keine Lust auf diesen Zirkus, den sie im Profitennis derzeit veranstalten. In New York herrscht Cocomania, die Veranstalter vermarkten jede Nuance der 15 Jahre alten Spielerin. Sie muss auf den großen Plätzen zur besten Sendezeit antreten und danach noch auf dem Platz unter Tränen zu den Fans sprechen.

Gauff trägt ein Kleid, bedruckt mit Bildern öffentlicher Tennisplätze in New York City - so etwas lieben die New Yorker. Federer, der hin und wieder auf so einem Platz trainiert, fordert eine Regeländerung, weil die Anzahl der Turniere für Gauff aus Altersgründen begrenzt ist: Der Druck sei zu groß, wenn sie nur große Turniere spiele. Es gibt keinen Zusammenhang zu dem Umstand, dass Gauff von Federers Agentur Team Eight vermarktet wird - sagt Federer. In diesem Jahr dürfte Gauff 1,5 Millionen Dollar verdienen.

Es ist noch nicht klar, ob Gauff mal in den Court of Champions aufgenommen oder eher in der Galerie mit Tracy Austin, Andrea Jaeger, Jennifer Capriati und Martina Hingis zu finden sein wird, den Siegerinnen, die früh ausbrannten.

Ein paar kapitalistische Zahlen: Die Sieger im Einzel bekommen ein Preisgeld von jeweils 3,85 Millionen Dollar. Der Gewinner des gleichzeitig stattfindenden Challenger-Turniers in New Haven erhält 21 600 Dollar. Dominik Koepfer sagt die Teilnahme dort ab, der Qualifikant erreicht das Achtelfinale der Open und erhält 280 000 Dollar. Er wird nun nicht in Cary oder Columbus antreten (Gesamtpreisgeld je 54 160 Dollar), sondern bei Turnieren in den chinesischen Metropolen Zhuhai (eine Million), Peking (3,66 Millionen) und Shanghai (8,32 Millionen). Koepfer (Karrierepreisgeld vor den US Open: 332 732 Dollar) wird zur Symbolfigur der Debatte, ob die Preisgelder im Tennis ungerecht verteilt sind. Federer (Karrierepreisgeld: 126 Millionen Dollar) sagt: "Die Schere hat sich zu weit geöffnet."

Andy Murray, Sieger von drei Grand-Slam-Turnieren (Karrierepreisgeld: 61,2 Millionen Dollar), scheidet bei den Rafa Nadal Open auf Mallorca im Achtelfinale aus. Preisgeld: 730 Euro. Karrierepreisgeld von Sieger Emil Ruusuvuori: 56 478 Dollar. Es wird bei den US Open mehr für die Teilnahme ausgezahlt (58 000 Dollar).

Die Frage, woher all das Geld kommt, lässt sich nicht nur mit den Getränkepreisen begründen (ein Liter Bier, liebe Oktoberfest-Nörgler, kostet bei den US Open 30 Dollar), sondern auch so: Tennis mag in keinem Land die Top-Sportart sein - aber es liegt überall weit vorne; bei Frauen und Männern kommen die ersten 25 Spieler der Welt aus 18 verschiedenen Ländern.

TENNIS: US OPEN 1999; Serena Williams

Serena Williams, die 1999 erstmals gewann, steht 20 Jahre später wieder im Finale.

(Foto: BoMark Sandten/Getty Images)

Serena Williams verzeichnet beim 6:3, 6:1 im Halbfinale ihren 101. Sieg bei den US Open, sie kann an diesem Samstag (22 Uhr MEZ) ihren 24. Grand-Slam-Titel gewinnen, so viele hat nur Margaret Court geschafft. Die Hommage wird sich vermutlich aus Zitaten von Williams über Williams zusammensetzen: "Kleines Mädchen aus Compton mit einem Schläger und einem Traum, tennisspielende Mami, die außerhalb des Platzes eine Inspiration wie Muhammad Ali gewesen ist."

Gegnerin von Williams im Frauenfinale: Bianca Andreescu, 19, die nicht einmal geboren war, als Williams 1999 erstmals triumphierte. Die Inschrift auf der Plakette der Kanadierin dürfte eine Liste aller Gründe für medizinische Auszeiten sein.

Debatten in diesem Jahr: wie lange die Spieler auf der Toilette benötigen, wie häufig sie Schuhe und Schläger wechseln, wie oft sie das medizinische Personal rufen. Ist jemandem mal aufgefallen, dass fast ausschließlich der Akteur aufs Klo geht, der gerade zurückliegt?

Alexander Zverev gibt den Elder Statesman der jungen Spieler, er kritisiert vor allem Stefanos Tsitsipas ("Er macht viel, um den Gegner rauszubringen"), Frances Tiafoe ("Ich weiß gar nicht, was man so lange auf einer Toilette machen kann") und Daniil Medwedew ("Was er hier gemacht hat, verstehe ich nicht so ganz"). Er sagt: "So ein Image möchte ich nicht haben. Ich bin auch emotional, aber bei mir geht es immer gegen mich." Einen Tag später knallt Zverev, der mal einen Schiedsrichter einen "verdammten Vollidioten" genannt hat, bei der Partie gegen Diego Schwartzman erst einen Ball in Richtung Tribüne, danach brüllt er: "Fuck you!" Zverev blickt dabei in Richtung Gegner und eigener Box. Sich selbst dürfte er damit also nicht gemeint haben.

US Open

Daniil Medwedew.

(Foto: Sarah Stier/dpa)

Medwedew legt sich mit dem New Yorker Publikum an, das Geniale daran: Er verwendet dabei die gleichen Floskeln wie viele andere Spieler bei den obligatorischen Interviews auf dem Platz. Kleines Experiment: Man möge sich bei Medwedews Worten vorstellen, Federer oder Gauff würden sie sprechen. "Zuallererst möchte ich mich bei euch allen bedanken, eure Energie hat mich heute zum Sieg geführt. Wenn ihr nicht hier gewesen wärt, Leute, dann hätte ich wohl verloren, weil ich so müde war. Ich will deshalb, dass ihr, wenn ihr heute ins Bett geht, daran denkt, dass ich nur wegen euch gewonnen habe."

Nick Kyrgios stellt bei Twitter ein neues Titelbild ein: den Stinkefinger, den Medwedew dem Publikum beim Match gegen Feliciano Lopez gezeigt hat.

Novak Djokovic wird vom New Yorker Publikum ausgepfiffen. Sein Vergehen: Er gibt die Partie gegen Stan Wawrinka wegen einer Schulterverletzung auf.

Der Theorie von Becker zufolge muss man Medwedew ernst nehmen, er erreicht das Halbfinale, und nach dem Sieg gegen Stan Wawrinka sagt er zum Publikum: "Ich war ein Idiot, deshalb: Sorry und vielen Dank! Ich versuche nur, ich selbst zu sein. Ich habe das verdient, ich werde mich bessern." Was macht das Publikum? Es applaudiert. Auf der Plakette von Medwedew müsste dereinst stehen: "Lümmel aus Moskau, der einzige Sportler der Geschichte, der das New Yorker Sportpublikum sowohl verkohlt als auch begeistert hat."

Es sind andere Zeiten, das weiß auch der inzwischen 81 Jahre alte Rod Laver, der stets bestens gelaunt über die Anlage in New York läuft. Wer ihn erlebt, der bemerkt sofort, dass er Nadal (mutmaßliche Inschrift: "Spanischer Stadtneurotiker, kombiniert letalen Topspin mit den meisten Nase-Hose-Haar-Berührungen") und Federer ("Virtuose, Maestro, Gentleman; ließ das Schwere leicht aussehen") ganz besonders mag und mit dem Gedöns der jungen Spieler nichts anfangen kann.

Ob das die Gründe sind, warum Laver als Amateur und Profi jeweils den Grand Slam gewonnen hat und so mancher Hochbegabte heutzutage noch kein Halbfinale erreicht hat bei diesen Turnieren, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Laver sagt jedoch: "Ich bin in meinem Leben nie während einer Partie auf die Toilette gegangen, und das Schlimmste, was ich jemals zu einem Schiedsrichter gesagt habe: ,Sind Sie sich da wirklich sicher?

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© SZ vom 07.09.2019
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