Süddeutsche Zeitung

Tennis:Andre Agassi hilft Angelique Kerber zurück in die Balance

Lesezeit: 4 min

Von Gerald Kleffmann, Stuttgart

Wenn Lars-Wilhelm Baumgarten, 44, an Kommissar Rex denkt, kriegt er schlechte Laune. Er hat nichts gegen TV-Krimis - aber dass der bisherige Fed-Cup-Sender Sat 1 Gold am vorigen Samstag lieber auf recycelte Ware gesetzt und seine Angelique Kerber aus dem Programm gekegelt hat, stößt bei dem Sportmanager aus Bad Harzburg, der mit seiner Agentur Arena 11 sonst Fußballprofis wie Max Kruse betreut, auf Unverständnis.

"Sie ist jetzt eine Bekanntheit in Deutschland", sagt Baumgarten und sendet eine Aufforderung an jene Organisation, die es zu verantworten habe, dass das letztlich gewonnene Abstiegsduell der Fed-Cup-Frauen in Rumänien nur im Internet gezeigt wurde: "Der Deutsche Tennis-Bund muss sein bestes Produkt an den Mann bringen." Soll heißen: ins öffentlich-rechtliche Fernsehen. Baumgarten verweist auf die gleich folgende Pressekonferenz. Da möge man sehen, was los sei. Und ja, es war dann was los.

In dieser Woche läuft in Stuttgart der Porsche Grand Prix, das Turnier ist mit 560 000 Euro Preisgeld dotiert, es wird seit Jahren zum besten Event von den Spielerinnen der WTA-Tour gekürt. Die aktuell wegen eines Dopingbefundes gesperrte Maria Scharapowa verlieh der Veranstaltung stets einen Glamourfaktor. Nun ist Angie da. Sie ist das, was im Marketing-Sprech "Aushängeschild" heißt.

"Alle wollen nun ein Stück von ihr"

Kurz nach 15 Uhr am Montag taucht sie auf, die erste deutsche Grand-Slam-Gewinnerin seit 1999. Auch wenn ihr größter Sieg bald drei Monate her ist, wird noch vor ihrem ersten Wort klar: Ihre Rolle ist jetzt eine andere. Sie ist ein "role model", wie Michael Stich zuvor sagte, der Wimbledon-Sieger von 1991 wirkte am Abend bei einem Showkampf mit. Baumgarten trommelt im Kern richtig: "Alle wollen nun ein Stück von ihr."

50 Reporter haben sich versammelt, auch wissbegierige Briten sind angereist. Zuvor hatte sie Sponsorentermine, Aktionen mit Kindern. Sie spielte beim Showdoppel am Abend mit. Nun muss sie erklären, warum sie sportlich in ein kleines Loch fiel, wie sie herauskam, ob sie den Triumph verarbeitet hat. So sehen die Stücke aus, von denen Baumgarten sprach.

Das Angenehme an Kerber ist, dass ihr Schnippisches fern ist, sie antwortet freundlich-verbindlich. Andererseits ist ihre defensive Rhetorik ein Grund dafür, dass sie - obwohl seit vier Jahren in den Top Ten - bis zu jenen zwei Wochen im Januar 2016 nicht die ganz große, verdiente Aufmerksamkeit erhielt. "Sie ist ein Performer", urteilt Baumgarten; er meint, dass sportlich auf Kerber Verlass sei: "Sie ist kein Tennisgenie, aber sie erarbeitet sich alles immer wieder mit hoher Professionalität."

Die 28-Jährige aus Kiel schätzte es dabei, in Ruhe gelassen zu werden, lange überließ sie Sabine Lisicki und Andrea Petkovic die erste Reihe. Doch nun weiß sie, dass das zusammengehört, Erfolg und Prominenz, man kann sich nicht klein machen, schon gar nicht in Deutschland, in dem Land, "das Heroes will", wie Baumgarten weiß. Und sie will das auch nicht mehr, darauf verzichten, die Ernte einzufahren, Anerkennung, Respekt, Ruhm, Sponsoren. "Ich will hier alles genießen", sagt sie in Stuttgart. Das soll sie, sagt Baumgarten, aber das gehe nur, wenn sie den Spagat hinbekomme: role model zu sein - und erfolgreich zu bleiben auf dem Platz.

Nach ihrem Triumph verunsicherten Kerber kurz zwei Niederlagen gegen Außenseiterinnen, sie hatte sich "leer" gefühlt nach dem Jubelmarathon. Baumgarten teilt nicht die Ansicht, "dass sie extrem viel gemacht hat". Abseits der Pressekonferenzen habe sie nur drei große Medien bedient. Und doch reifte die Erkenntnis, dass man sich zurückziehen müsse, um alles zu verarbeiten. "Wir wollen nicht alles plötzlich anders machen", mahnt Trainer Torben Beltz. "Ich darf nicht aufgeben, was mich stark gemacht hat", weiß Kerber.

Vor dem Turnier in Miami verbrachte sie samt Team vier Tage auf Captiva Island, sie fuhren Motorboot, spielten Beachvolleyball, Beltz war dabei, Physio Simon Iden, Baumgarten. Danach reisten sie zu Steffi Graf nach Las Vegas, später hieß es, die 22-malige Grand-Slam-Siegerin helfe wieder. Es war nur die halbe Wahrheit. Die andere ist, dass Grafs Ehemann Andre Agassi, auch eine frühere Nummer eins, Kerber viel mehr formte als angenommen.

"Graf steht Angie näher", sagt Baumgarten, die beiden reden wie Freunde miteinander. Agassi hingegen spreche Kerber eher professionell an, was er tat bei dem Workshop, in dem es viel um Strategie, Situationen, Reaktionen ging. Man traf sich auf einem Court in einem Country Club. Agassi redete vor dem Training, in Pausen; Kerber und auch Beltz hörten gebannt zu. Nach zweieinhalb Stunden war Schluss, ein letztes Gespräch, weiter am nächsten Tag. Kerbers Team wohnte im Hotel. Es gab kein Essen im Hause Graf-Agassi. So sieht die Professionalität aus, von der Baumgarten sprach.

"Ich brauche Phasen, in denen ich Zeit für mich finde"

In Miami stieß Kerber prompt ins Halbfinale vor, "das war wichtig", weiß Beltz. Der Erfolg gab ihr zu verstehen, dass sie die Balance zurück hatte. Es spricht für ihre Ehrlichkeit, dass sie in Stuttgart Stichs Urteil, sie sei "zu früh zurückgekehrt", teilt. "Ich brauche Phasen, in denen ich Zeit für mich finde", sagt sie, "Freiräume." Diese schützt sie auch, sie hatte es gar für sich behalten, das Geheimtraining in Las Vegas. Graf war es, die unerwartet ein Foto im Internet veröffentlicht hatte. Sie sei stolz auf Kerber, sagt jemand im Team.

Kerber hat den Vorteil, dass sie "nicht mit 17 nach oben schoss wie Becker", sagt Baumgarten; die Nation wird sie nicht mit Liebe ersticken wie einst bei Becker, bei Graf. Beide leben aus gutem Grund im Ausland. Kerber tut das zwar auch. Bei ihr hat sich das aber aus der Familienbande heraus ergeben; die Großeltern betreiben in Puszczykowo/Polen eine Akademie. Diese Oase spielt ihr noch mehr in die Karten, denn auch wenn der Rummel überschaubar ist, weil sie kein Gewese um sich selbst macht, so ist ihre Welt, ihr Programm "straffer" geworden, wie sie zugibt.

An diesem Mittwoch bestreitet sie in Stuttgart ihr erstes Match, gegen Annika Beck aus Bonn. "Ich habe in den letzten Wochen die Erfahrung gemacht, was Druck bedeutet", sagt Kerber und lächelt. Sie wird mit ihrer neuen Rolle klarkommen. Sie stellt sich ihr ja. Vielleicht ist dieser Friede, zu wissen, dass alles im Fluss bleibt - auch nach dem Coup von Melbourne -, mal so wertvoll wie ein zweiter Grand-Slam-Titel.

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Quelle:
SZ vom 20.04.2016
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