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Teamringen: Kabaddi:Atemlos in Indien

Eine uralte Sportart aus Südasien strebt auf die internationale Bühne: Im Kabaddi versuchen Mannschaften wechselweise, Spieler aus der gegnerischen Menschenkette herauszulösen. Dabei dürfen sie nur eines nicht: Luft holen.

Hardawinder Singh Dulla Surkhpuria atmet tief ein. Der Schiedsrichter pfeift und lässt den Arm fallen. Surkhpuria sprintet los in die gegnerische Hälfte, den bloßen Oberkörper angespannt.

Kabaddi , Nanded, Indien

Abwechselnd versuchen beim Kabaddi die Angreifer beider Mannschaften, gegnerische Spieler zu berühren. Sobald sie ihre Spielfeldhälfte verlassen, dürfen sie nicht mehr einatmen - bis sie zurück sind.

(Foto: AFP)

Seinen Atem lässt der Inder mit konstanten, schier unverständlichen Lauten durch die Lippen gleiten - und das möglichst langsam, denn die Luft muss für den ganzen Angriff reichen. Sein Gesang ist eine Aneinanderreihung des Wortes "Kabaddi" - der Name dieses Spiels.

Einfach mal die Luft anhalten - was wie eingut gemeinter Rat an so manchen exaltierten Fußball-Profi klingt, gehört im Kabaddi (sprich Kabba-di) zu den Grundregeln. So bizarr das Atemanhalte-Spiel für Europäer, die wir an auf dem Rasen keuchende Fußballspieler gewöhnt sind, auch klingen mag: In Süd- und Südostasien, speziell in Indien und dort insbesondere in der nordindischen Region Punjab ist Kabaddi ein Volkssport.

Surkhpuria, Vize-Kapitän der indischen Nationalmannschaft, bleibt vor den Gegnern aus Pakistan stehen, tippelt nach Boxer-Manier abwartend hin und her. Die vier Verteidiger - stopper - in den grünen Hosen halten sich an den Händen, bilden eine Kette.

Der asiatische Mannschaftssport vereint Elemente aus Ringkampf und Fangspiel. Die Spieler - deren Konstitution der von Rugby-Spielern ähnelt - stehen sich auf einem runden oder rechteckigen Feld gegenüber. Im Wechsel schicken sie ihren raider - den Räuber - in die gegnerische Hälfte.

Um einen der gegnerischen Spieler (der antis) zu "rauben", reicht es, wenn der raider diesen berührt - und den Verteidigungsversuchen des angegriffenen Teams entwischt. Sobald Surkhpuria nach vorn springt und er einen Gegner zu berühren versucht, folgen die weiteren Spielzüge blitzschnell: Die Verteidiger versuchen, ihn von der Rückkehr in die eigene Hälfte abzuhalten - so lange, bis er keine Luft mehr hat. Gelingt es ihnen, geht der Punkt an ihr Team.

Seit rund 4000 Jahren wird Kabaddi im Süden Asiens gespielt, sogar Buddha selbst soll im Teamringen dereinst Zerstreuung gesucht haben, heißt es in der Überlieferung. Verbindliche Regeln wurden erstmals 1921 anlässlich eines großen Turniers im heutigen Bundesstaat Maharashtra geschaffen.

Aus der indischen Kultur ist der Sport nicht wegzudenken. "Kabaddi ist dort gesellschaftlich fest verankert", sagt Bijon Chatterji. Der Sohn indischer Einwanderer betreibt das größte Indien-Portal im deutschsprachigen Internet. Als Kind reiste er häufig nach Indien. "Dort wurde dann immer Kabaddi gespielt", erinnert er sich. Was als Atemanhalte-Spiel hierzulande schnell belächelt werde, so Chatterji, sei auf dem Indischen Subkontinent ein durchaus ernster Sport.

Das beweist auch die wachsende Anerkennung, die das Teamringen erfährt: Seit 1990 ist der Sport fester Bestandteil der Asian Games, 2004 formierte sich der Internationale Verband IKF. Bereits zum dritten Mal kämpften internationale Teams im April um den Weltmeistertitel. Die Kabaddi-Spieler allerdings träumen von mehr: "Today in Asia, tomorrow in Olympics" lautet das Motto auf den Internetseiten des asiatischen Verbandes. Einmal war Kabaddi bei den Olympischen Sommerspielen bereits zu Gast: Bei den Spielen 1936 in Berlin, als Showeinlage. Kabaddi-Aktivisten kämpfen jetzt darum, dass ihr Sport zurückkehrt - als olympische Disziplin.

Hand, Riegel und Atemnot

Über die Entstehung der Sportart gibt es keine feststehende Theorie. Es wird allerdings vermutet, dass Kabaddi in Übungen zur Selbst- und Gruppenverteidigung wurzelt. Auch der Name des Spiels ist mehrdeutig. So setzt er sich aus den tamilischen Begriffen kai (Hand) und pidi (Riegel) zusammen. Aus dem Hindi entlehnt, bedeutet er gleichzeitig "Luft anhalten".

Wie Hand, Riegel und Atempause in der Umsetzung zusammenspielen, ließ sich bei den jüngsten Weltmeisterschaften beobachten. Neben dem indischen Kader um Angreifer Surkhpuria und seinem Erzrivalen aus Pakistan traten Mannschaften aus sieben weiteren Ländern zum Wettbewerb um den Welttitel an. Bei den Spielern aus Italien, Australien oder Iran handelte es sich überwiegend um indische Immigranten. Das zehntägige Turnier wurde von der Regionalverwaltung im nordindischen Punjab ausgerichtet, die für ihr Prestigeprojekt die Teilnehmer mit hohen Preisegeldern lockte: Jedem Spieler des Siegerteams winkten zehn Millionen Rupien - umgerechnet rund 165.000 Euro.

Dabei zeigte sich, dass Doping nicht auf die Leichtathletik und den Radsport begrenzt ist: Vor der Kabaddi-WM wurden 13 Spieler des 29 Mann starken indischen Kaders gesperrt. In ihrem Blut hatte das Anti-Doping-Komitee Steroide und andere verbotene Substanzen nachgewiesen. Ved Prakash, ein bekannter indischer Kabaddi-Spieler, zeigte sich enttäuscht über die Manipulationsversuche: "Wir wollen verbotene Substanzen vollständig aus dem Sport verbannen", sagte Prakash. "Drogenmissbrauch ist ein Verstoß gegen den Sportsgeist." Der Sportler versuchte sich auch an einer Erklärung: Die Spieler für den Nationalkader würden aus dem Amateurbereich rekrutiert, wo viele Sportler mit den internationalen Reglements nicht vertraut seien.

Zum Finale war das 12.000 Menschen fassende Guru-Nanak-Stadion in Ludhiana brechend voll und die Veranstalter mit dem großen Publikumserfolg zufrieden. Die indische Nationalmannschaft konnte zum dritten Mal den Weltmeistertitel verteidigen. Pakistan schaffte es dagegen erstmals, Iran vom Silber-Treppchen zu verdrängen. Mit einem besonderen Preis wurden der indische Kapitän Mangat Sigh Mangi als bester stopper und der Kanadier Kuljit Singh Malsihan als bester raider des Turniers ausgezeichnet: Sie erhielten beide einen Traktor.

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