Team Sky Ungewissheit bei den Rad-Dominatoren

Herrscher der Straße: Das Team Sky, hier beim Mannschaftszeitfahren der Frankreichrundfahrt 2015, die Chris Froome gewann, verliert Sponsor, Geld und Namen.

(Foto: Tim de Waele/Corbis/Getty Images)
  • Der langjährige Namenssponsor des Rad-Teams Sky zieht sich zum Jahresende zurück.
  • Damit steht die erfolgreichste und finanziell am besten ausgestattete Rad-Equipe der jüngeren Vergangenheit vor einer unruhigen Saison und einer ungewissen Zukunft.
  • Das Engagement von Sky war außergewöhnlich hoch. Einen auch nur annähernd so finanzstarken Partner zu finden, dürfte schwierig sein.
Von Johannes Aumüller

Auf Mallorca haben sich die Fahrer des Rad-Teams Sky in diesen Tagen versammelt. Das erste Trainingslager für die neue Saison steht an, die Mittelmeerinsel ist dafür ein beliebter Treffpunkt für die Vertreter der Velo-Szene. Doch an eine ruhige Vorbereitung ist für die Mannschaft um die britischen Tour-de-France-Sieger Christopher Froome und Geraint Thomas diesmal nicht zu denken.

Am Mittwoch gab das Team bekannt, dass sich der langjährige Namenssponsor Sky zum Jahresende 2019 zurückzieht. Damit steht die erfolgreichste und finanziell am besten ausgestattete Rad-Equipe der jüngeren Vergangenheit vor einer unruhigen Saison und einer ungewissen Zukunft - und die Szene insgesamt womöglich vor einigen Kräfteverschiebungen.

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Nach seinem zweiten Doping-Geständnis trat Erik Zabel 2013 beim Katusha-Team zurück. Nun wird er dort "Performance Manager", betreut Top-Sprinter Marcel Kittel - und seinen eigenen Sohn Rick.

Eine ausführliche Begründung für den Rückzug des Medienkonzernes gab es nicht. "Nach mehr als einem Jahrzehnt Engagement könnte ich nicht stolzer darauf sein, was wir erreicht haben. Aber Ende 2019 ist der richtige Zeitpunkt, um ein neues Kapitel in der Geschichte von Sky aufzuschlagen", teilte Sky-Chef Jeremy Darroch lediglich mit.

Seit 2009 ist sein Unternehmen der Hauptfinanzier der Mannschaft, und dank der Sky-Millionen stieg das Team schnell zur dominierenden Kraft im Peloton auf - insbesondere bei der Tour de France, dem Höhepunkt der Radsaison. Sechs der vergangenen sieben Auflagen gewannen Sky-Fahrer, erst Bradley Wiggins (2012), dann Christopher Froome (2013, '15, '16, '17) sowie im vergangenen Sommer schließlich Geraint Thomas. Und in der Regel geschah das auf eine so bestimmende Art, die eintönig wirkte und bisweilen an die schlechten alten Zeiten von Lance Armstrong und dessen US-Postal-Mannschaft erinnerte. Beim Publikum war das Sky-Team nicht sehr beliebt, insbesondere nicht an Frankreichs Straßen.

Nicht selten tauchte das Team Sky im Kontext des Doping-Themas auf

Nicht selten tauchte das Team Sky in den vergangenen Jahren im Kontext des Doping-Themas auf. Da gab es etwa eine mysteriöse Medikamentenlieferung für Wiggins, mitsamt merkwürdiger Nebengeräusche und widersprüchlicher Aussagen, als der Fall herauskam. Später folgten die Aufregung um das Blutprofil des kolumbianischen Kletterers Sergio Henao sowie der seltsame Umgang mit einem angeblich entlastenden Report, der ihm einen Start ermöglichte. Im Dezember 2017 wiederum stellte sich heraus, dass Froome während der Spanien-Rundfahrt positiv auf Salbutamol getestet worden war, aber zu einer Sanktion führte das nicht. Und im Umgang mit Ausnahmegenehmigungen für verbotene Substanzen habe das Team Sky eine "ethische Linie überschritten", urteilte das englische Parlament im vergangenen Jahr.

Das Team Sky selbst wies unsaubere Praktiken stets zurück, es erklärte seine Dominanz lieber mit seinem wissenschaftlichen Ansatz. Mit dem Dopingthema, so ist aus der Firmenzentrale in London zu vernehmen, habe der Rückzug des Medienkonzerns aber nichts zu tun. Es sei halt jetzt einfach das Ende einer erfolgreichen Ära erreicht, so geht die Intonierung. Auch die kürzlich erfolgte Übernahme von Sky durch den amerikanischen Kabelkonzern Comcast dürfte eine Rolle gespielt haben.

Es soll jetzt noch ein überzeugendes Abschlussjahr mitsamt siebtem Tour-Titel geben, aber wie es danach mit der Mannschaft weitergeht, ist offen. Das Engagement von Sky war außergewöhnlich hoch, zirka 170 Millionen Euro flossen im gesamten Zeitraum in den Radsport. Für diese Saison soll der Etat rund 35 Millionen Euro betragen; er ist damit geschätzt fast doppelt so groß wie das Budget der nächsten Konkurrenten. Namens- und Sponsorenwechsel sind im Radsport zwar eine gängige Sache, aber einen auch nur annähernd so finanzstarken Partner zu finden, dürfte schwierig sein.

Manager Dave Brailsford gibt sich derzeit kämpferisch. "Manchmal ist es unvermeidlich, dass Veränderungen weitere Veränderungen mit sich bringen. Das ist hier passiert", heißt es in einer Erklärung des Teams vom Mittwoch; "wir sind noch lange nicht fertig", fügte Brailsford hinzu. Das Team Sky ist das sportliche Lebenswerk für den Mann mit der markanten Glatze, der lange Zeit auch für den britischen Rad-Verband arbeitete und seit dem Sky-Einstieg 2010 das Team leitete. Aber die Rahmenbedingungen sind schwierig. Dem Vernehmen nach erfuhr Brailsford erst kürzlich von der Entscheidung der Sky-Bosse. Die Top-Fahrer Froome (bis 2020) und Thomas (bis 2021) sowie der als künftiger Sieganwärter gecastete Kolumbianer Egan Bernal (bis 2023) sind längerfristig gebunden - und das zu sehr guten Konditionen. Dazu kommt noch die Besonderheit, dass Sky formal nicht nur Sponsor ist, sondern auch Eigner des Teams.

Von daher könnte es durchaus zu der Situation kommen, dass die Mannschaft von Brailsford zwar fortbesteht, aber nicht mehr mit dieser Finanzkraft und diesem starken Kader. Und dann würde manches im Peloton ins Rutschen geraten. Passenderweise gab es fast zeitgleich zum Sky-Ausstieg in Spanien Medienberichte, nach denen der Telefonanbieter Movistar sein Engagement im Radsport bis 2021 ausdehnen möchte. Die von ihm unterstützte Truppe um Nairo Quintana und Alejandro Valverde war über die Jahre der ernsthafteste Herausforderer von Sky, kam aber zumindest bei der Tour de France nie an den dominierenden Briten vorbei.

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