Tatjana Maria in Wimbledon:Das Ende einer unglaublichen Reise

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Tatjana Maria in Wimbledon: Bitte mit ins Ramenlicht: Ons Jabeur zieht Tatjana Maria nochmal auf den Platz - damit sie sich ihren Applaus abholen kann.

Bitte mit ins Ramenlicht: Ons Jabeur zieht Tatjana Maria nochmal auf den Platz - damit sie sich ihren Applaus abholen kann.

(Foto: Toby Melville/Reuters)

Das finale Comeback gelingt ihr nicht: Tatjana Maria verliert im Wimbledon-Halbfinale gegen ihre Freundin Ons Jabeur. Die Tunesierin ist derart beeindruckt vom Auftritt der Deutschen, dass sie die Zuschauer auffordert, auch Maria zu bejubeln.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Tennisprofis neigen zum Aberglauben, es gibt da herrliche Geschichten. Eine der legendärsten ereignete sich 2001. Damals hatte sich Goran Ivanisevic, der dreimal zuvor im Finale von Wimbledon verloren hatte, erneut Runde für Runde vorgekämpft, nichts sehnte der Kroate mehr herbei, als einmal auf dem Hauptplatz im All England Club zu triumphieren. Morgens, so erzählte er es später, war er stets um 7.30 Uhr aufgewacht, er machte jedes Mal den Fernseher an, in dem ab 7.45 Uhr die Teletubbies liefen. Und weil es auch für ihn lief und lief im Turnier, behielt Ivanisevic dieses Ritual bei - und wurde der erste Wimbledon-Sieger, der sich auf dem Weg zum Titel jeden Tag eine eigenwillige Kinderserie zu Gemüte geführt hatte.

Tatjana Maria, die mit zwei Kindern wahrlich Anlass hätte, dieses offenbar bewährte Prozedere zu übernehmen, vertraute an diesem Donnerstagvormittag lieber ihren bisherigen Abläufen. Mit einer kleinen Ausnahme: Kurz zeigte sie Tochter Charlotte, 8, nochmals den Centre Court, auf dem die Mutter später spielen sollte - dann ging's wie immer in diesen aufregenden zwei Wochen in die Kinderbetreuung, in die auch Cecilia, 15 Monate, gesteckt wurde. Ab zum Aorangi Park, eine halbe Stunde Training mit Charles-Edouard, Marias Mann und Coach, sowie einem Hitting Partner, und - darauf legte sie ein bisschen Wert - anschließend noch drei Fragen von Sky-Reporter Moritz Lang. So wie immer.

"Ich mache alles so wie die anderen Tage auch. Ich habe mich super vorbereitet, ich habe alles getan, damit ich heute fit bin", teilte Maria lächelnd mit und hatte doch eine Neuigkeit zu verkünden, die zu ihrer Familiengeschichte passte: "Heute morgen wurde ich Tante", sagte sie. Die Frau ihres Bruders hatte das zweite Kind zur Welt gebracht. "Das war heute schon ein schönes Aufwachen", fand Maria. Sie verriet weiter, Charles-Edouard habe länger mit ihr über Taktisches geredet, "damit ich alles noch mal im Kopf habe, wenn ich noch mal meine Augen zumache vor dem Match. Ich hoffe, dass ich alles umsetzen kann."

Rund vier Stunden später, um 15.20 Uhr, stand sie auf dem Centre Court, gerade war der letzte Ballwechsel vorbeigezogen, die Zuschauer erhoben sich - und Maria umarmte am Netz ihre Profikollegin und gute Freundin Ons Jabeur. 2:6, 6:3, 1:6 hatte die Deutsche zwar nach 1:43 Stunden verloren, aber der Applaus, der das ganze Stadion ausfüllte, galt auch ihr. Sie hatte vieles von dem umgesetzt, was sie sich vorgenommen hatte. Sie, aktuell die Weltranglisten-103., hatte der Weltranglisten-Zweiten sehr zugesetzt. So sehr, dass Jabeur sie nach dem Matchball und der innigen Umarmung zurück auf dem Platz zerrte und die Zuschauer aufforderte, Maria, die sie neulich ihre "Barbecue-Freundin" nannte, zu bejubeln. So eine Szene hatte man lange nicht gesehen.

"Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ein Traum wird wahr", sagte Jabeur beim Interview auf dem Platz. Als erste Spielerin aus dem afrikanischen und arabischen Raum hatte sie gerade ein Grand-Slam-Endspiel erreicht. Dann erklärte sie erst einmal ihre Aktion mit Maria. "Ich wollte den Moment mit ihr teilen", sagte sie und gab zu, es sei so schwer gewesen, "ihren Bällen nachzurennen, sie killte mich". Jabeur scherzte: "Sie muss mir jetzt ein Barbecue machen, nach all den Strecken, die ich auf dem Platz laufen musste." Sie huldigte der erfolgreichsten Mutter dieses Turniers, "ich habe keine Ahnung, wie sie nach zwei Babys zurückkam", sagte Jabeur, aber eines wusste sie: "Sie ist physisch ein Biest. Ich dachte, sie wird müde. Aber sie wurde es nicht."

Tatjana Maria in Wimbledon: Ons Jabeur und Tatjana Maria sind gut befreundet - nach der Partie umarmen sie sich lange.

Ons Jabeur und Tatjana Maria sind gut befreundet - nach der Partie umarmen sie sich lange.

(Foto: Ryan Pierse/Getty Images)

Jabeur selbst darf freilich auch, aus ganz anderen Gründen, als große Inspiration gelten, und sie nahm die Rolle als Vorbild in diesem Moment gerne an. "Ich bin eine stolze tunesische Frau, die hier steht", sagte sie. Sie freue sich darüber, wenn wegen ihr viele zu Hause jetzt feierten und ihr noch möglichst viele Kindern und Jugendliche nacheifern würden.

Maria spielte zum dritten Mal auf dem Centre Court. 2018 trat sie auf diesem besonderen Platz gegen die Französin Kristina Mladenovic an, 2019 gegen Titelverteidigerin Angelique Kerber; beide Partien verlor sie. "Beim dritten Mal klappt es hoffentlich", hatte sie vor dem Match gegen Jabeur gesagt, das ausgeglichen begann. Maria hielt ihr erstes Aufschlagspiel, das fünfmal über Einstand gegangen war. Sie zeigte Biss und Spielwitz, sie glänzte mit schönen Volleys. Ihr Aufschlag war hart und präzise. Andererseits: Es war bereits zu erkennen, dass Jabeur die offensivere Spielerin war. Sie drängte darauf, Maria zu knacken. Sie nahm ihr als Erste das Aufschlagspiel zum 2:1 ab. Auf die Slice-Schläge Marias, die mit diesen unterschnittenen Bällen auch in den Runden zuvor ihre prominenten Gegnerinnen wie Maria Sakkari und Jelena Ostapenko malträtiert hatte, konterte sie hin und wieder mit Slice-Schlägen. Ab dem 2:4 riss der Kontakt ab - 2:6.

Slice, Rhythmuswechsel - im zweiten Satz war Maria voll da

Das, was Maria bei ihrem Lauf in Wimbledon so sehr auszeichnete, griff sie nun wieder auf. Vielleicht hatte sie beim Seitenwechsel ja die Augen geschlossen und an Charles-Edouards Worte gedacht. Sie schob Jabeur permanent die Bälle zu und gab ihr damit die Chance, Fehler zu produzieren. Sie wehrte zwei Breakbälle zum 1:2 ab, und plötzlich war sie es, die mit Break 4:1 führte. Ihre Giftmischung aus Slice, Rhythmuswechseln und fehlerarmem Spiel wirkte. Jabeur strauchelte, haderte. Einen Satzball wehrte sie noch bei 2:5, 30:40 ab, doch Maria servierte den Satz so cool, wie sie ist, zum 6:3 souverän aus. Sie hob die Fäuste und schaute zu ihrer Box.

Würde sie tatsächlich das Finale erreichen? Das käme einer Sensation gleich. Break zum 2:0 für Jabeur, 3:0, Maria hatte kurz nachgelassen, schon war die Partie gekippt. Das Niveau war nicht überragend, auch nicht schlecht, irgendetwas dazwischen. Erstmals zwei richtige Fehlschläge von Maria ließen Jabeur auf 4:0 davonziehen. Diesen Vorteil ließ sie sich nicht mehr nehmen.

"Es war ein kniffliges Match", sagte Maria später bei der Pressekonferenz, sie meinte auch, dass sie "natürlich ein bisschen traurig" sei, dass ihre Reise nun ende. "Aber letztlich war es ein verrücktes Abenteuer mit meiner Familie", hob sie sogleich lächelnd hervor. "Wir müssen auch die positiven Dinge sehen, die in diesen zwei Wochen passiert sind." Dass sie im dritten Satz früh das Break kassierte und auch ihr Aufschlag sie etwas im Stich gelassen hatte, ärgerte sie schon, klar. Doch insgesamt nehme sie viel Selbstvertrauen mit. Sie sprach sehr aufgeräumt. Jetzt kehre sie auch "ins normale Leben" zurück, daran werde sich nichts ändern. "Da bin ich so bodenständig." Eigentlich hatte Maria nun vor, die Turniere in Lausanne und Palermo zu bestreiten, am kommenden Samstag wird sie auch ihre Bundesliga-Mannschaft anfeuern, als Gast: Für den TC Bredeney geht es immerhin um die deutsche Meisterschaft. Das verrückte Abenteuer nimmt sie dann auf jeden Fall als schöne Erinnerung mit, egal, für welchen Einsatzort sie sich entscheiden wird.

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