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Taiwan:Desinfektion bei jeder Einwechslung

„Ein bisschen wie beim Training“: der US-Amerikaner Kendrell Barkley bei einem Spiel seiner Mannschaft Taiwan Beer.

(Foto: oh)

Auf der Insel ist das Coronavirus im Griff - und die Basketballsaison läuft weiter, mit allen Spielen in einer Halle ohne Zuschauer.

Von Lukas Brems

Es ist kaum etwas, wie es mal war, und so blickt in diesen Tagen die nordamerikanische Basketballliga NBA womöglich zum ersten Mal mit so etwas wie Neid auf einen kleinen Inselstaat im Pazifik. Denn dort, in Taiwan, wird immer noch gespielt. Die taiwanesische Super Basketball League (SBL) gehört zu den wenigen Ligen weltweit, die nicht unterbrochen wurden, sondern ohne Zuschauer weitermachen. In Taiwan passiert somit das, wovon die NBA und viele andere Sportligen derzeit nur zu träumen wagen: fortlaufender Spielbetrieb in einer Blase, abgeschottet und mit zahlreichen Präventionsmaßnahmen.

Ursprünglich sollte die Basketball-Saison in Taiwan am 19. März für zwei Wochen pausieren, wenige Tage später wurde aber beschlossen, die SBL doch zu Ende zu bringen. Derzeit laufen die Playoffs, die Finalserie. Und seit rund einem Monat werden alle Partien in derselben Halle ausgetragen, im HaoYu-Basketball-Training-Center.

"Es ist eine wirklich kleine Turnhalle, es könnten kaum Leute zu den Spielen kommen, selbst wenn sie dürften", sagt Kentrell Barkley am Telefon. Der US-Amerikaner, 23, aus Durham im Bundesstaat North Carolina spielte College-Basketball und landete Ende des vergangenen Jahres nach einer Saison in Australien schließlich in der SBL, bei einem Team namens Taiwan Beer. Seine Mannschaft spielt im Finale gegen Yulon Luxgen. An Spiele ohne Zuschauer hat er sich inzwischen gewöhnt. Es sei, sagt er, einfach "ein bisschen wie beim Training".

Maximal 100 Leute dürfen sich bei den Partien im Trainingscenter befinden. Die Fenster zu einem benachbarten Kraftraum werden von grauen Vorhängen bedeckt, damit die TV-Zuschauer ihn nicht sehen. Neben Spielern, Trainern und Schiedsrichtern werden Betreuer, Journalisten und Kameraleute in die Halle gelassen. Wer die Spielstätte betritt, kriegt prompt ein Thermometer vor die Stirn gehalten. Bei allen Temperaturen ab 37,5 Grad wird der Einlass verwehrt. Außerdem bekommt man die Hände mit Desinfektionsmittel besprüht. Letzteres passiert auch bei Ein- und Auswechslungen während des Spiels.

"Ich würde sagen, dass im Center meine Hände alle 10 bis 15 Minuten desinfiziert werden", sagt Barkley. Manche Betreuer und inaktive Spieler tragen auf der Ersatzbank Masken, ein Team hat laut der New York Times sogar das Abklatschen mit den Mitspielern verboten. In Barkleys Mannschaft ist das weiterhin erlaubt, sein Privatleben ist jedoch stark eingeschränkt. Die Liga rät den Spielern, ihr Zuhause nicht zu verlassen und auf soziale Kontakte zu verzichten. Regelmäßig auf das Virus getestet werden die Spieler allerdings nicht, asymptomatische Infizierte bleiben also trotz der Maßnahmen unentdeckt.

In den USA werden die Verantwortlichen langsam ungeduldig und hoffen, den Spielbetrieb wieder aufnehmen zu können - womöglich mit einem ähnlichen Konzept wie die SBL. "Wir müssen unseren Sport zurückbekommen", sagte Präsident Donald Trump zuletzt. "Ich bin es leid, Baseballspiele zu sehen, die 14 Jahre alt sind." Die Baseballliga MLB soll bereits überlegen, ihre 30 Teams im US-Bundesstaat Arizona zu versammeln. In der NBA wird Las Vegas als gemeinschaftlicher Austragungsort gehandelt. Europäische Fußballligen beschäftigen sich ebenfalls damit, ihre eigenen coronafreien Blasen zu konstruieren. Wie die britische Zeitung The Independent berichtete, soll in der Premier League darüber nachgedacht worden sein, die Saison in London und den Midlands zu Ende zu spielen. Die Teams würden dabei, ähnlich wie bei einer Weltmeisterschaft, in "isolierten Camps" wohnen und regelmäßig getestet werden.

Was in der taiwanesischen Basketballliga funktioniert, kann allerdings nur bedingt auf den Rest der Welt übertragen werden. Fünf Mannschaften spielen in der SBL, schon allein deshalb ist die Liga mit den höchsten amerikanischen oder europäischen Spielklassen nicht zu vergleichen. Der noch entscheidendere Unterschied: Taiwan hat das Coronavirus im Griff. Die Johns-Hopkins-Universität verzeichnete dort bis zum 21. April weniger als 500 Infizierte und nur sechs Tote, und das trotz Taiwans geografischer Nähe und wirtschaftlichen Verbindungen zu China.

Der Inselstaat reagierte früh und konsequent, Masken sind vorhanden, sogar im Überfluss. Am Gründonnerstag landete ein Flugzeug mit taiwanesischen Masken an Bord in Frankfurt. "Die Regierung war der Gesellschaft gegenüber sehr ehrlich", sagt Barkley, der seinen Vertrag in Taiwan gern verlängern würde. "Ich vertraue den Verantwortlichen und bin froh, dass ich hier bin und immer noch Basketball spielen kann. Hier bin ich im Moment wahrscheinlich besser aufgehoben als in den USA."

© SZ vom 22.04.2020
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