Zum Tod von Wolfgang Gärner„Schreib’n kannst immer was“

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Da formulierte man noch auf der Reiseschreibmaschine, und in der italienischen Hitze auch mal ohne Oberhemd am Pool: SZ-Reporter Wolfgang Gärner (rechts) mit dem damaligen Sport-Ressortleiter Michael Gernandt am Rande der Leichtathletik-WM 1987 in Rom.
Da formulierte man noch auf der Reiseschreibmaschine, und in der italienischen Hitze auch mal ohne Oberhemd am Pool: SZ-Reporter Wolfgang Gärner (rechts) mit dem damaligen Sport-Ressortleiter Michael Gernandt am Rande der Leichtathletik-WM 1987 in Rom. (Foto: privat)

Wolfgang „Wolfi“ Gärner prägte den Sportteil der SZ weit über seine Skiberichterstattung hinaus. Die Redaktion nimmt Abschied von einem Kollegen, der verstanden hat, worauf es ankommt.

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In Garmisch-Partenkirchen zu Hause zu sein, kann man generell empfehlen, besonders praktisch ist es aber für einen Ski- und Eishockeyreporter der Süddeutschen Zeitung. Im Olympia-Eissport-Zentrum hinterm Bahnhof hat der SC Riessersee seine bewegte Geschichte durchlebt, und die berühmteste deutsche Skifahrerfamilie wohnt ebenfalls gleich um die Ecke. Ungefähr zweimal die Woche sei Wolfgang Gärner bei ihnen am Garten vorbeigeradelt, erinnerte sich Christian Neureuther, 76, Anfang der Woche und übermittelte auch eine Reminiszenz seines Sohnes Felix: Den „Wolfi“, den hätten die Skirennfahrer als Berichterstatter immer sehr gerne gehabt.

Wobei man sich nicht in erster Linie am Garmischer Gartenzaun traf, sondern an den Pisten in Kitzbühel oder Val-d’Isère, in Salt Lake City oder Nagano. Fast 25 Jahre lang hat Wolfgang Gärner für den Sportteil der SZ geschrieben, von 1985 bis zu seinem Abschied in den Ruhestand nach den Winterspielen 2010 in Vancouver.

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Ludger Schulze konnte über Sport schreiben wie kaum ein Zweiter - aber das ist nur ein Vermächtnis von vielen. Ohne ihn wäre die Sportredaktion der SZ nicht, was sie heute ist.

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Es war die große Zeit des deutschen Skifahrens: mit Erfolgen von Katja Seizinger und Markus Wasmeier, später von Maria Riesch und dem jungen Felix Neureuther. Mit dem Wolfi waren sie alle per Du, was aber nicht heißt, dass es inhaltlich nicht hart zur Sache ging. Im Zielhang, in den Gesprächen mit den Reportern, aus deren Pulk Gärner schon wegen seiner 1,90 Meter Körperlänge herausragte. Oder am Abend im Quartier, beim Rotwein und/oder Weißbier. Da war dem Sportjournalismus noch eine Unmittelbarkeit vergönnt, die es immer seltener gibt, seitdem Athletinnen und Athleten von Medien-, Social-Media- und sonstigen Beratern abgeschirmt werden und in digitalen Räumen oft nur eine Illusion von Nähe entsteht. „Den Wolfi haben alle immer gerne an sich herangelassen“, sagt Christian Neureuther. „Immer fair und professionell.“

Eines seiner Prinzipien: Lieber hinterher urteilen als vorher schon wissen wollen, wie es ausgehen wird

In die Redaktion nach München waren es von Garmisch aus immerhin 90 Kilometer, das Homeoffice war längst nicht erfunden. Was Gärner nicht davon abhielt, sich regelmäßig für den Abenddienst und die dazugehörige Zahlen- und Tabellenpflege zu melden. „Hilft ja nix“, lautete dann einer seiner Sinnsprüche. Ein weiterer, wenn sich die Kollegen mal wieder über Thesen und Prognosen den Kopf zerbrachen: „Lass’ mer’s erst amoi spieln.“ Eine zeitlose Mahnung, nicht immer schon vor dem Wettkampf erklären zu wollen, wer wie warum gewinnen wird. Sondern hinterher zu urteilen. Wenn klar ist, wie’s ausgegangen ist.

Die Gärner-Weisheit schlechthin aber lautete: „Schreib’n kannst immer was.“ Woraus keineswegs ein Hang zu Beliebigkeit sprach, sondern Empathie fürs Berichtsobjekt. Im Sport mit all seinen Protagonisten, Emotionen und Abgründen geht der Stoff niemals aus für den nächsten und übernächsten Artikel! Mehr als 3000 davon hat Wolfgang Gärner für die SZ verfasst, nachdem der damalige Sportchef Michael Gernandt den Kollegen 1985 vom Münchner Merkur abgeworben hatte. Beileibe nicht nur über Ski- und Kufendisziplinen. Gärner reportierte auch von Leichtathletik-Weltmeisterschaften und kannte sich bestens im Fußball aus.

Die Berghütte war bis zuletzt Wolfgang Gärners Lieblingsort.
Die Berghütte war bis zuletzt Wolfgang Gärners Lieblingsort. (Foto: privat)

Zum Unikat wird man heutzutage schnell erklärt – aber niemand, der ihn kannte, wird bestreiten, dass Wolfi Gärner genau das war. Ein leidenschaftlicher und begnadeter Glossenschreiber, auf dessen eigenen Stil man sich einlassen musste. Bissig, belesen und immer für Überraschungen gut. Einmal, die Älteren erinnern sich, saß der Wolfi still in der Morgenkonferenz und lochte die Redaktionspalme.

Deutlich häufiger begegnete man ihm aber mit dem Rennrad über der Schulter, wenn er mal wieder aus Garmisch zum Spätdienst geradelt war; nachts fuhr er dann mit der Regionalbahn zurück. Ein Paar Ski stand ebenfalls in einer Ecke seines Büros. Immer bereit für die nächste Dienstreise. Hilft ja nix.

Wobei auch Gärner irgendwann aufs E-Bike umstieg, nicht, ohne sich bei seiner Tochter zu erkundigen, ob ihm das peinlich sein müsse mit Anfang Siebzig. Musste es nicht, und so war der Wolfi in den Berghütten rund um Garmisch bis zuletzt ein häufiger und gern gesehener Gast. Hinter dem Grundstück der Neureuthers geht es den Grasberg hinauf Richtung Kramerspitz, nach einer halben Stunde erreicht man die Berggaststätte Sankt Martin, der Wolfi war vermutlich schneller oben. Es war seine Lieblingshütte, sie liegt auf der Sonnenseite.

Am Samstag, 18. Oktober 2025 ist Wolfgang Gärner an den Folgen einer Operation gestorben. Er wurde 78 Jahre alt und hinterlässt seine Frau, seine Tochter und zwei geliebte Enkelkinder. Der Sportredaktion seiner Süddeutschen hinterlässt er weit mehr als seinen berühmtesten Sinnspruch, aber doch auch diesen: „Schreib’n kannst immer was.“

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