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Traurige Fahnenträger im Moskauer Stadion
Traurige Fahnenträger im Moskauer Stadion REUTERS

Mesut Özils Füße wollen sich auswechseln lassen und Sandro Wagner tritt aus dem Fanclub der Nationalmannschaft zurück: Deutschland gegen Mexiko - der Liveticker zum Nachlesen.

Von Dirk Gieselmann

Dirk Gieselmann

Guten Morgen, liebe Fans.


Das ist wieder mal so ein Tag, an dem es ernst wird. Als hätte es jemals aufgehört, ernst zu sein. Was aber die deutsche Nationalmannschaft anbelangt, trifft es durchaus zu. Vier Jahre lang wurde sie „Titelverteidiger“ genannt, ohne allerdings den Titel wirklich verteidigen zu müssen. „Titelverteidiger“, das klang in dieser Zeit nach einem Amateurboxer auf Bezirksebene, der in einem nach Schweiß von gestern riechenden Gym im leeren Ring steht und ruft: „Komm doch her, du!“

Jetzt aber muss er tatsächlich verteidigt werden, der Titel. Und das gleich gegen elf vierschrötige mexikanische Wrestler, die ihn selbst gar nicht haben, sondern ihn uns einfach nur wegnehmen wollen.

Wie gesagt, liebe Fans: Es wird ernst. Mal sehen, wie sich das anfühlt.
Dirk Gieselmann
Ich geh erst mal duschen, um noch einmal das Gefühl, Titelverteidiger zu sein, so richtig zu genießen.
Dirk Gieselmann

Ex


Liebe Fans. Unter der Dusche habe ich darüber nachgedacht, dass einem eigentlich nichts Schlimmmeres widerfahren kann, als dass einem das Schicksal ein „Ex-“ vor die Daseinsbezeichnung haut. Ex- Frau, Ex-Mann, Ex-Minister, Ex-Kreismeisterin im Stabhochsprung, Ex-Freund von Scarlett Johansson, Ex-Ex-Experte (Mehmet Scholl) und eben auch: Ex-Weltmeister. Mit nur einem Präfix wird man sogleich ins Museum verbannt, man wird schemenhaft, die Unterschrift undeutlich, ja, man ist nurmehr ein Ex-Mensch, und das einzige, worauf man noch wartet ist eine Einladung zu „Riverboat“.

Soviel dazu, was heute auf dem Spiel steht. Ich geh jetzt noch mal duschen.
Dirk Gieselmann

Nächtlicher Anruf


Apropos Ex-Freund. Gestern Abend hörte ich vor eine Kneipe folgendes Telefongespräch mit. Das heißt natürlich, ich hörte die eine Person reden, die andere jedoch nicht, weswegen ich sogleich an eine DFB-Pressekonferenz denken musste und also im Thema war.
Der Mann vor der Kneipe war bereits angetrunken, was seinen Worten zusätzliche Theatralik verlieh. „Wenn ich schon mit dir zusammen bin“, rief er lallend ins Telefon, sich an einem Baum festhaltend, „dann will ich, dass du mich wenigstens liebst.“

Und ich dachte sofort, dass, wenn ich nur die Nummer der deutschen Nationalmannschaft hätte, ich sie sofort anrufen und ihr genau das sagen würde.
Dirk Gieselmann
Epilog: Nachdem der Mann aufgelegt hatte, übertrieb er es und lehnte sich gegen die Wand eines längst abgerissenen Hauses.
Dirk Gieselmann
Ich bin heute, wie sie bereits bemerkt haben dürften, sehr sentimental. Ich denke noch einmal zurück, als würden mir die Erinnerungen heute weggenommen und verschlossen in einem Schrank, weil ich zu viel Zeit mit ihnen verbracht habe.

Ich denke noch einmal an das Endspiel von Rio, wie Bastian Schweinsteiger, dieser mit Haken und Seilen behangene Luis Trenker des Weltfußballs, den Gipfel bestieg, hinter ihm Sherpa Lahm. An Dr. Müller-Wohlfahrt, wie er Kevin Großkreutz noch in der Kabine „Finale 2014 - Ich war dabei (fast)“ auf die Wade tätowierte. Ich denke sogar an Shkodran Mustafi, ohne zwar ein Gesicht vor Augen zu haben, aber umso inniger.

Ich brauche dringend neue Erinnerungen. Marvin Plattenhardt, ich zähle auf dich.
Dirk Gieselmann

Schmunzelmonster


Ich habe mir einen Trick ausgedacht, wie ich mich gegen die hereinbrechende Wirklichkeit, gegen mexikanische Vorstopper, Halbzeitpauseninterviews mit Thomas Schneider, diese ganze Mission Titelverteidigung und die Beschissenheit der Dinge an sich wappnen kann.

Egal, wer heute was sagt, ich montiere immer ein „schmunzelt“ dahinter.

„Mexiko war beim Confed-Cup besser als wir“, schmunzelt Joshua Kimmich.
„Ab nach Moskau, um Papa und sein Team zu unterstützen“, schmunzelt Cathy Hummels.
„Ich habe viele Fragezeichen im Kopf“, schmunzelt Joachim Löw.

Probieren Sie es ruhig mal aus. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Spiel, schmunzelt Dirk Gieselmann.




Dirk Gieselmann

Apropos „Mission Titelverteidigung“


Das Wort „Mission“ ist noch immer allem vorbehalten, was Astronauten, Eroberer, Bergsteiger, Astronauten, amtierende Weltmeister und Männer mit einem Jahresgehalt von 100.000 Plus so treiben. Mir ist aber aufgefallen, dass die pfiffigen Werber sich auch für uns, die kleinen Leute, die Menschen da draußen, etwas ausgedacht haben: die „Aktion“.

Die Aktion dauert nicht so lang, kostet nicht so viel Geld, erfordert nicht allzu große Anstrengung, es erklingt dazu nicht Richard Wagner, sondern bestenfalls Mambo No. 5.

„Unser Aktionsgericht im Bordrestaurant“, las ich gestern im Speisewagen eines ICE. Daneben ein Bild von Kartoffeln und Soße.

Und da dachte ich mir, wenn ich schon nicht das Zeug dazu habe, auf eine Mission zu gehen, dann mache ich wenigstens Aktionen. „Aktion Aufstehen“, dachte ich etwa, als der Wecker klingelte.

Aktion Kaffeetrinken. Aktion Hoseanziehen. Aktion Mitmeinerfrausprechen.

Werden auch Sie Teil der „Aktion Titelverteidigung“, liebe Fans. Das klingt nicht ganz so geil wie „Teil einer Mission“, schon klar, aber jeder, wie er kann. Und wenn nicht, dann nicht. Egal.
Dirk Gieselmann
Noch keinerlei Schland-Euphorie auf dem Spielplatz gegenüber. Ein kleiner Junge hängt kopfüber von einem Klettergerüst, ruft „Hilfe! Hilfe!“, der Vater steht regungslos da und starrt in sein Mobiltelefon, liest wahrscheinlich diesen Ticker. Ich grüße ihn herzlichst.
Dirk Gieselmann

Der Traum vom Titel


Ach, Kinder! Was wären wir ohne sie. Der Sohn eines Kumpels behauptete neulich, in Spanien gebe es keine Schokolade. Woher er denn das wisse, wurde er gefragt. Mit der Überzeugungskraft eines Nobelpreisträgers sprach der Kleine: „Das habe ich geträumt.“

Ich stelle mir nun vor, wie Joachim Löw gleich, all meine kleinlichen Bedenken zerstreuend, sagt: „Wir verteidigen den Titel.“ Und auf die Nachfrage der staunenden Journalisten hin: „Das habe ich geträumt.“

Ich bin jetzt auf geradezu wahnsinnige Weise beruhigt.
Dirk Gieselmann

Timo Skywerner


Überhaupt Kinder. Ihre Art, sich über die deutsche Nationalmannschaft zu unterhalten, fasziniert mich, besonders bei denen, die beim letzten Turnier noch gar nicht auf der Welt waren oder zu klein, um es zu verstehen.

Sie tun es ähnlich, wie sie sich über „Star Wars“ unterhalten: Sie haben die Filme noch gar nicht gesehen, kennen aber jeden Charakter. Sie verkleiden sich und spielen die Geschichte nach, die sich schließlich loslöst von der Vorlage und zu einem neuen Mythos wird. Dieser Mythos wird weitergegeben, von Kindergartengeneration zu Kindergartengeneration, es ist eine mündliche Überlieferung wie an den Lagerfeuern der Vorzeit.

Einer kennt einen, der einen großen Bruder hat, der den Film im Kino gesehen hat.

„Und wisst Ihr was?“, sagt er. „Der hat sogar schon mal ein WM-Finale gesehen, 2014, da war er schon fünf!“

Und alle anderen raunen: „WOOOOOOOOOW.“

Sie sammeln Bilder ihrer Helden, als wären es Sagengestalten. Timo Werner ist Luke Skywalker. Timo Skywerner. Er bahnt sich den Weg zum Titel mit dem Lichtschwert.

In diesem Epos ist keine Niederlage vorgesehen. Ich hoffe, Oliver Bierhoff hat das in seinen Diagrammen berücksichtigt. Ich möchte nicht, dass mein Sohn weinen muss.
Dirk Gieselmann

Toni hält zwei Dinger


Ich bin ja nun schon ein sehr altes Kind. Meine Erinnerung reicht zurück zur WM 1986, ins Viertelfinale gegen Mexiko. Das Spiel fand um Mitternacht mitteleuropäischer Zeit statt, ich war dennoch entschlossen dabei zu sein, doch mein Vater hatte mich aus dem Aufgebot gestrichen. Ich sei zu klein. Ich weinte.

Durch das Schlüsselloch meines Kinderzimmers konnte ich etwa zehn Prozent der Mattscheibe sehen, die linke obere Ecke. Ich hatte mir eine Art Hochsitz gebaut, auf dem ich saß wie ein Jäger, der auf die Dämmerung und die Wildsau wartet.
Gegen elf wurde ich müde. Das Vorprogramm war zäh, und ich sah ja ohnehin nur das Senderemblem und ab und an mal die Manschettenknöpfe des Showmasters, wenn er den Arm hob, um die Regeln eines bizarren Spiels zu erklären. Ich schlief ein, zu meinem großen Entsetzen.

Am nächsten Morgen hatte mir mein Vater, es war noch die analoge Zeit, einen Zettel neben mein Frühstücksbrettchen gelegt: „4:1 n.E.!!! Toni hält zwei Dinger!“ Und mein Herz schlug bis zum Hals, als hätte ich es doch nicht verpasst, sondern als würde mir das Verpasste jetzt direkt eingefüllt werden, mit einem Trichter, wie heißes Blut.

Ich rannte hinaus in den Garten und schrie. Unser Hund, der eben noch im sanften Morgenlicht an einer Blume geschnüffelt hatte, floh vor Schreck ins Dickicht der Hecken.

Ich wollte nun nur noch Toni Schumacher sein. Und der Grat, zu dem ich heute nicht mehr Toni Schumacher sein will, zeigt an, wie lang das alles her ist. Welch altes Kind ich nun bin.

Und doch war es ja gestern. Deutschland gegen Mexiko. Heute findet das Rückspiel statt. Und ich gucke wieder durchs Schlüsselloch.
Dirk Gieselmann

Nein


Nun lehrte mich das Turnier von 1986 aber auch, was es heißt zu verlieren. Ich weiß nicht, ob es das war, was mein Vater wollte, als er mir erlaubte, das Finale gegen Argentinien zu schauen.

Ich erinnere mich, wie ich, mit meinen Beinchen auf dem Wohnzimmerteppich trappelnd, Hans-Peter Briegel hinterherlief, um ihn anzuschieben, damit er den eine Grassteppe weit entfernten Jorge Burruchaga noch irgendwie einholte, der auf dem Weg zum 3:2 war.

Und wie ich dann mit Briegel zusammenbrach, unter den 20 Sonnen von Mexiko-Stadt. Geschlagen, übersäuert, todtraurig, und wartete, dass es endlich dunkel würde, im Aztekenstadion und auf der Mattscheibe unseres Fernsehers. Wie ich am nächsten Morgen in der Badewanne lag – einer Art Entmüdungsbecken, wenn man so will – und im Radio hörte, dass Briegel nach dem verlorenen Endspiel aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war. Noch heute kommt mir das vor wie eine Sportinvalidität aufgrund eines gebrochenen Herzens.

Nie wieder fühlte ich mit einem Athleten wie mit Briegel, der 40 Meter wie ein Wahnsinniger gesprintet und gerade noch rechtzeitig gekommen war, um seinen Gegenspieler zum 3:2 einschieben zu sehen. „Toni, halt den Ball!“, hatte ZDF-Kommentator Rolf Kramer noch den heraus eilenden Schumacher beschworen. „Nein.“ Briegel: sein in den Nacken abkippender Kopf, sein offener Mund, der stumme Schrei. Nein.

Und in diesem Moment fällt Jonas Hector im Mannschaftshotel das Mobiltelefon aus der Hand. „Nein“, sagt auch er.

Unheimlich.
Dirk Gieselmann
Ach. Ich habe noch so viele Fragen an die WM 1986. Nur noch die alten Panini-Bildchen können Sie mir beantworten.

Frage: „Wie fühlten Sie sich, als Burruchaga gegen Ihren Erzfeind Toni Schumacher traf, Uli Stein?“

Antwort: „So glücklich wie einer, der gerade auf seinem frisierten Moped zum ersten Mal mit 70 Klamotten an der Eisdiele vorbei brettert, in der die Miezen von der Realschule sitzen.“
Dirk Gieselmann
Frage: „War es Ihr Plan, dass heute so viele junge Männer Ihren Bart kopieren, Peter Disztl?“

Antwort: „Anzeige ist raus.“
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