SZ-Glosse Linksaußen:Winnetou und die Best Ager

Japanese Hidekichi Miyazaki poses like Jamaica's Usain Bolt in front of an electric board showing his 100-metre record time of 42.22 seconds at an athletic field in Kyoto

Wo ist Bolt? Der 105-jährige Hidekichi Miyazaki nach seinem Weltrekord.

(Foto: KYODO/REUTERS)

Verschiebt sich die Altersgrenze im Hochleistungssport nicht immer weiter nach hinten? Um dabei zu sein, wird sogar manchmal geschummelt.

Von Ralf Tögel

Hidekichi Miyazaki hat im Herbst seines Seins den Jamaikaner Usain Bolt zu einem Sprintduell gefordert. Der Japaner war ein weltberühmter Sprinter, wie jeder weiß, und Bolt, das sei angefügt für Menschen, die in der Leichtathletik weniger bewandert sind, war auch mal ganz gut im Schnellrennen. Miyazaki lief die 100 Meter in 42,22 Sekunden, Bestmarke in der Altersklasse 105+, und zeigte sich danach in der für Bolt typischen Pose. Es kam nicht mehr zu diesem Vergleich, Miyazaki starb im Alter von 109 Jahren in Kyoto. Sein Rekord hat mindestens so gute Chancen auf die Ewigkeit, wie die 9,58 Sekunden von Bolt. Welche Leistung die größere ist, sei dahingestellt. Aber ist es nicht auffallend, dass die Best Ager auf dem Vormarsch sind?

Am Samstag in der Handball-Bundesliga, der anerkannt besten der Welt, war Minden zu Gast in Erlangen. Für Minden stand Christian Zeitz auf dem Feld und Carsten Lichtlein im Tor, beide 40 Jahre alt - oder besser jung? Aufgefallen sind sie nicht durch silbergraues Haar oder einen Bauchansatz, sondern durch Leistung. Lichtlein verhinderte an alter Wirkungsstätte eine höhere Niederlage und ließ mitteilen, noch ein paar Jährchen dranhängen zu wollen. Wie Kollege Jan Kulhanek, der ebenfalls mit geschmeidigen 40 Lenzen im Coburger Tor steht. In Königshofen geht Wochenende für Wochenende Bastian Steger an die Platte, er spielt an Nummer eins in der Tischtennis-Bundesliga - mit, na klar, 40.

Selbst vor dem Hochleistungstiersport wird nicht Halt gemacht

Vielleicht denkt sich da so mancher Klub, angesichts der geballten Routine im Team an anderer Stelle einen Ausgleich schaffen zu müssen. Jedenfalls werden die Trainer immer jünger, FCB-Chef Julian Nagelsmann ist 34, sein Kapitän Manuel Neuer ein Jahr älter. Jaron Siewert, der Trainer der Berliner Handballer ist juvenile 27, da passt der Beiname Fuchs viel besser als zu seinen Spielern Hans Lindberg oder Viran Morros, 40 und 37. Längst Alltag also, Leistungssportler im gesetzten Alter, um im Trend zu sein, wird bisweilen sogar ein bisschen geschummelt. Die Basketball-Bundesliga schönte das Alter der Nördlinger Spielmacherin Asha Thomas auf stattliche 51 Jahre. Die Schwindelei flog auf und ist mittlerweile auf die gültigen 24 korrigiert. Selbst vor dem Hochleistungstiersport wird nicht Halt gemacht, laut später korrigierter Pressemeldung gewann der Traber Winnetou Diamant am Wochenende den Bayern-Pokal in Daglfing - im Alter von 24 Jahren. Winnetou ist aber erst vier. Rechnet man Pferdejahre in Menschenjahre um, wäre das eine Leistung im Bereich von Hidekichi Miyazaki gewesen.

© SZ/sewi
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