SZ-Glosse "Linksaußen":Vorsicht, Natur!

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SZ-Glosse "Linksaußen": Eine Legende weniger: Den Bartgeier muss heute niemand mehr fürchten.

Eine Legende weniger: Den Bartgeier muss heute niemand mehr fürchten.

(Foto: R. Sturm/blickwinkel/imago)

Früher suchten Menschen Schutz in geschlossenen Räumen, heute ist es draußen sicherer. Denn drinnen lauert das Virus. Auch beim Sport. Aber ist der Mensch noch für die Wildnis gewappnet?

Von Andreas Liebmann

Um die Geschichte kurz zusammenzufassen: Der frühe Mensch bezog Höhlen, die ihm Schutz boten vor T-Rex und Säbelzahntiger - mit dem Restrisiko, dass drinnen schon ein Höhlenbär wohnte. Es gab dann allerlei Interimslösungen bis zum ersten Wolkenkratzer: Iglus, Tipis, Lehm-, Holz- und Weidenhütten, Pfahlbauten, Hausboote, Baumhäuser, Burgen und Schlösser. Seit Anbeginn strebt der Mensch also nach einem Eigenheim; um darin Gardinen aufzuhängen, vor allem aber, um sich zu schützen vor all den Gefahren, die draußen auf ihn lauern: vor Eis- und Braunbären, Unwettern, Raubrittern, Löwen, Schlangen, Versicherungs- und Staubsaugervertretern. Die Natur kann grausam sein.

Vielerorts ist das natürlich bis heute so, aber für die westeuropäische Moderne ist es doch eine neue, verblüffende Wendung, dass die größten Gefahren plötzlich in geschlossenen Räumen stecken. Doch genau das ist der Fall. Drinnen lauert das Virus. Draußen muss man höchstens ein paar Impfgegner-Demos ausweichen, um sicher zu sein.

Die Abkehr vom Feld- hin zum Hallenhandball entpuppt sich gerade als virologisch unsinnig

Der Fall der Münchner Löwen verdeutlicht diese Entwicklung exemplarisch. Allen Virusvarianten sind inzwischen ja jene Studien bekannt, denen zufolge sie beim Fußballspielen keine Chance auf Verbreitung haben, weshalb sie das auch gar nicht mehr versuchen, weder bei Kopfballduellen noch Blutgrätschen. Die Abkehr vom Feld- hin zum Hallenhandball entpuppt sich dagegen gerade als virologisch mindestens so unsinnig wie die Einhausung ehemals offener Eishockeystadien. Und so bedurfte es offensichtlich auch gemeinsamer Aufenthalte in geschlossenen Räumen, etwa zum Zwecke von Dopingproben, um dem Virus eine Hintertür zurück zu den Spielern des TSV 1860 München zu öffnen.

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(Foto: SZ-Grafik)

Dem verantwortungsvollen Journalisten fällt nun folgende Aufgabe zu: den Leser zu ermuntern, rauszugehen ins Freie, in die Sonne, wo jeder Lufthauch Aerosole hinwegbläst - und gleichzeitig vor Leichtsinn zu warnen. Denn Fußballer sind ja nicht wirklich in der Wildnis, wenn sie einander auf Rollrasen gegen Schienbeine treten, nicht mal einem Maulwurf werden sie dort begegnen. Was aber geschehen kann, wenn es naturentwöhnte Menschen zurück ins Freie zieht, zeigte nicht nur jene Augsburgerin, die hier unlängst schon erwähnt wurde, nachdem sie mit dem SUV eine Skipiste hinaufgebrettert war, weil ihr Navi es so wollte. Zuletzt etwa haben sich zwei frierende, weil zu leicht bekleidete Wanderer den Abstieg vom Blomberg sparen wollen, indem sie heimlich einen Doppelsessel der zur Revision gesperrten Seilbahn kaperten. Auf halber Strecke blieben sie baumeln, als die Bahn nach beendeter Reparatur stoppte. Sie hatten Glück, wurden bemerkt und gerettet, ehe die Nacht einbrach.

Daher Obacht: Es gibt dort draußen keine Säbelzahntiger, aber Temperaturen! Wetter! Im Chiemgau auch Wölfe! Im Allgäu Bartgeier! Riesige Tiere mit roten Augen, rötlichen Federn, von denen man einst annahm, sie wären vom Blut der Opfer getränkt. Der Bartgeier, hieß es, verspeise Kinder, was ihn heute verschwörungstheoretisch zum Nahrungskonkurrenten der Welteliten machen würde. Nun gut, zumindest im Falle des Vogels vertritt diese Theorie keiner mehr. Nun also ab nach draußen! Und warm anziehen.

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