SZ-Glosse "Linksaußen":Operation Cyclops

06.08.2021, Fussball DFB-Pokal 2021/2022, 1.Runde, TSV 1860 München - SV Darmstadt 98, im Grünwalder-Stadion München, Tr

Nicht zu fassen: Wenn er sich anstrengt, kann sich Michael Köllner sogar hinter dieser Wasserflasche verstecken. Wetten?

(Foto: MIS/imago images/MIS)

Hatte sich Löwen-Trainer Michael Köllner im Bus versteckt? Der Ordnungsdienst des Halleschen FC wollte es offenbar genau wissen - was die Münchner nur bedingt komisch fanden.

Von Andreas Liebmann

Der Bus der Busse stammt aus dem Jahr 1976. Ein mit Atomkraft betriebener Gelenkdoppeldecker, in dem sich eine Kegelbahn, eine Pianobar und ein Swimmingpool befanden. Cyclops hieß jenes Ungetüm. Der zugehörige Hollywood-Streifen, der im Original ganz prima mit dem Titel "The Big Bus" auskam, tauchte in deutschen Kinos damals mit einem sperrigen Titel auf, der selbst nur knapp in einen Gelenkdoppeldecker hineingepasst hätte: "Die haarsträubende Reise in einem verrückten Bus."

Kenner wissen natürlich, dass er nicht zu verwechseln ist mit "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" der Regisseure Jim Abrahams, David und Jerry Zucker, oder mit "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff", die beide Anfang der Achtziger erschienen; dass alle drei aber gemeinsam hatten, die Katastrophenfilme jener Zeit zu parodieren. Das leitet hübsch zum TSV 1860 München über, der in Sachen Katastrophen selbst eine beachtliche Expertise besitzt - allerdings weder ein Raumschiff noch einen atomgetriebenen Mannschaftsbus. Nicht mal einen mit Swimmingpool.

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Wieso dem so ist, tut nichts zur Sache. Vielleicht mangels Geld. Vielleicht hatte auch einfach noch niemand diese Idee. Und vielleicht wäre ein solcher Bus für die Basketballer des FC Bayern ohnehin geeigneter, um ihre Riesen noch komfortabler zu bewegen als nur durch Entfernen von Sitzreihen für mehr Beinfreiheit.

Klar ist: Im Cyclops hätte sich Löwen-Trainer Michael Köllner am Sonntag wunderbar verstecken können - im aktuellen Bus ist das schwieriger. Trotzdem haben die Gastgeber vom Halleschen FC sicherheitshalber mal nachgesehen vor ihrer Drittliga-Partie, ob der unfertig geimpfte Köllner nicht doch heimlich aus der Quarantäne ausgebüxt war, obwohl man ihm den Zutritt zum Stadion verboten hatte.

Weder Suchhundestaffel noch Wärmebildkamera kamen zum Einsatz. Eigentlich fast fahrlässig

Der Ordnungsdienst schaute also kurz im Bus vorbei und wurde wieder hinauskomplimentiert. Halb so wild, auch wenn 1860-Sportgeschäftsführer Günther Gorenzel einen Vergleich mit Russland zog und die Abendzeitung fragte, ob das Vorgehen "dreist" sei. Dabei kamen weder Suchhundestaffel noch Wärmebildkamera zum Einsatz. Fast fahrlässig, wo man doch weiß, dass sich Menschen sogar im Trabbi verstecken können. Und die Geschichte ist auch nicht frei von abenteuerlich geflüchteten Fußballern und Trainern - wenngleich deren Fluchtrichtung eher von Ost nach West verlief. Lange her, andererseits: Wer weiß, was dieser Köllner im Schilde führt? Sicher ist sicher!

Der Hallesche FC, der damals HFC Chemie hieß, hat zumindest mit entfleuchten Spielern Erfahrungen. 1976, just während Cyclops durch westdeutsche Kinos fuhr, verflüchtigten sich während eines Türkei-Spiels die HFC-Kicker Jürgen Pahl und Norbert Nachtweih. Ohne Bus, dafür mit falschen Papieren. Nachtweih spielte später für den Klassenfeind: den FC Bayern. Seitdem hörte man nur noch von in Kofferräumen geschmuggelten Franzosen: Nicolas Anelka und Franck Ribéry, beide auf der Flucht vor Reportern.

Köllner übrigens, jetzt darf man es verraten, war natürlich trotzdem live im Stadion: Er hielt sich im Medizinkoffer versteckt. Er soll aber nach München zurückgekehrt sein.

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