SZ-Glosse "Linksaußen":Der Bruch des Bechstein-Gesetzes

Chef-Trainer Julian Nagelsmann (FC Bayern Muenchen), im Interview mit RTL FC Bayern Muenchen vs. Ajax Amsterdam, Audi F

Frisch aus der roten Bettwäsche: FC-Bayern-Cheftrainer Julian Nagelsmann lässt sich seine Laune nicht vermiesen.

(Foto: kolbert-press/Christian Kolbert/imago images/kolbert-press)

Nach den Schmähgesängen gegen Julian Nagelsmann: von Werten, Stolz und der Schwierigkeit, einen Reim auf TSV zu finden.

Von Andreas Liebmann

"Wer blau ist, wird nur selten rot." Dieser Satz stammt, wer wüsste es nicht, von Ludwig Bechstein, einst herzoglicher Kabinettsbibliothekar im thüringischen Meiningen, außerdem Sammler und Herausgeber von Märchen und Sagen. Welcher dieser zwei Jobs ihm zu seiner Expertise verhalf, tut nichts zur Sache, auch nicht die Frage, wer um alles in der Welt Zitate wie dieses ins Internet stellt; ob es heutzutage hauptberufliche Zitatensammler gibt, wie ehedem Bechstein, Musäus oder die Grimms eben Märchen verlegten. Wichtig ist nur, dass Bechstein Recht hatte. Wer blau ist (und nicht besoffen!), wird selten rot. Ausnahmen: Wiggerl Kögl. Andreas Görlitz. Jens Jeremies. Ein paar andere vielleicht noch.

Leider ist mangels Zeitzeugen unklar, wie genau Bechsteins Verbindung zu den Münchner Löwen aussah, um dieses spätere Naturgesetz so früh zu entdecken. Klar ist: Drei Tage nach seinem Tod im Mai 1860 wurde der TSV gegründet. Zufall? Kaum. Die Roten kamen etwas später ins Spiel, und falls die Geschichtsschreibung nicht irrt, dauerte es eine weitere Weile, ehe sich Fan-Gruppen organisierten. Wie Munich's Red Pride, die gerade pflichtbewusst auf einen Bruch des alten Bechstein-Gesetzes hingewiesen haben. Weil Julian Nagelsmann aus einer unerhört blauen Vergangenheit in rote Gegenwart vordrang.

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Natürlich muss man vorsichtig sein: Jenes Häuflein, das am Samstag während des Tests gegen Ajax Amsterdam krakelte, tat dies hinter einem Banner der Gruppe, aber nicht jeder, der neben einem Beatles-Plakat "Yesterday" singt, ist Bandmitglied. Munich's Red Pride jedenfalls darf man gerne MRP abkürzen, das weiß man, seit im vergangenen Sommer rund um Garmisch Felswände im Naturschutzgebiet mit den roten Lettern FCB und MRP beschmiert wurden. Jenes Häuflein also sang: "Nagelsmann, du Sau, zurück zum TSV!" Die Bild titulierte es sogleich als "Deppen" und führte an, dass der damals noch sehr kleine Nagelsmann in roter Bettwäsche geschlummert haben soll.

Am Sonntag übrigens trafen sich beim FC Ismaning Vertreter aller Abteilungen, um in einem Workshop die Werte des Vereins zu erarbeiten. Mit deren Bekanntgabe will es der FCI spannend machen, aber dass auf Fotos Begriffe wie Respekt, Fairness, Toleranz zu lesen waren, könnte ein Indiz sein. Doch genug abgeschweift...

Red kann für Liebe und Aggressivität stehen. Pride löst in U2-Fans die Zeile "In the Name of Love" aus, andere denken eher an den Pride Day, der gerade vielerorts gefeiert wurde. Nagelsmann befasste sich mit den Schmähungen weit weniger als etwa mit Thomas Müllers blauen Zehen, die dieser gepostet hatte. Auch ein Skandal, dass der unter dem roten Trikot heimlich blau trägt. Zumal man befürchten muss, dass auch sie ewig blau bleiben. Und vielleicht kam es zur Wortwahl "Sau" ja auch nur, weil sich einfach nichts auf TSV reimt. Blau. Drunt in der greana Au. Aber sonst? Lyrik ist hart, auch für den roten Stolz. Ein Workshop könnte da helfen.

© SZ/lein
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