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SZ-Gespräch mit Ex-Radprofi Rolf Aldag:"Das Loslassen fällt jetzt schon sehr schwer"

SZ: Im Peloton wurden Sie kritisch gesehen, weil Sie überhaupt geredet haben. Viele Teams wären demnach zuletzt für Sie nicht infrage gekommen, wenn Sie es mit Ethik ernst meinen.

Aldag: Ja, und diesen Tunnelblick würde ich mir selber nicht mehr zutrauen. Es gab ja Gespräche. Aber viele Manager haben nicht wirklich verstanden, wovon ich rede. Die leben in ihrer eigenen kleinen Welt. So ist der Radsport in allen Dingen aufgestellt, ob es nun um Sekundäres geht wie Funkverbot oder etwas wirklich Wichtiges wie Test-Ergebnis-Handling, die Kontrollen oder die Lizenzkommission. Es war immer so: Du gehst durch die 18 Topteams - und dann schrumpft es mit dem Engagement. Dann heißt es: "Hey, wir brauchen erst mal unsere Lizenz und Sponsoren, wenn wir vorher die UCI anpinkeln, dann . . ."

SZ: Die UCI soll selbst Geldsorgen haben. Könnte man sie über diesen Hebel nicht lenken?

Aldag: Hat sie vermutlich. Trotzdem habe ich immer den Eindruck, dass sie selbst den Niedergang des Radsports hinnehmen würden, sofern sie nur das Sagen behalten. Die UCI ist nicht Willens zu sagen, wir beteiligen andere Leute an den Entscheidungen. Sie will kommerziellen Erfolg. Da gehen sie also lieber nach China mit einem Rennen im Herbst. Da verdienen sie Geld und nötigen uns, teilnehmen zu müssen. "Kommste nicht? - Kannste deinem Sponsor schon mal sagen, dass es schwer wird mit dem Tour-Start!" So dreht es sich im Kreis. Aber ich kann mir vorstellen, dass es mal eine neue Serie ohne die UCI geben wird. Es gibt solche Pläne. Mit einer neuen Föderation, an der alle Teams beteiligt sind, die aber Dinge wie das Doping-Testing und das Ergebnis-Management an unabhängige Stellen abgeben.

SZ:Wie die französische Anti-Doping-Agentur, die 2008 für die Kontrollen bei der Tour federführend zuständig war - als reihenweise Cera-Doper aufflogen.

Aldag: Ja, komisch, ne?

SZ: Nur, wer würde da überhaupt mitmachen bei einer neuen Serie?

Aldag: Ich glaube schon, dass es da langfristig eine Möglichkeit gäbe. Eben über die Finanzen, denn an den Einnahmen sind die Mannschaften ja bisher nicht wirklich beteiligt. Wir waren zum Beispiel mit Highroad bei der Tour 2011 Hauptdarsteller, gewannen sechs Etappen. Wir haben 55 000 Euro Startgeld für drei Wochen gekriegt wie alle Teams, und die Siegprämien - Ende im Gelände. Die A.S.O. (Tour-Veranstalter; d.Red.) kriegt vom europäischen Fernsehen rund 20 Millionen Euro. Das gibt es doch in keinem Entertainment-Betrieb, dass ein Kevin Costner dasselbe verdient wie der Komparse, der hinten in der Kulisse angeschossen tot umfällt.

SZ: Ihr Landsmann Hans-Michael Holczer ist nach seiner Zwangspause infolge der Dopingskandale bei seinem früheren Gerolsteiner-Team wieder gut im Geschäft, allerdings beim suspekten russischen Katjuscha-Team. Wie passt das zu seinen moralischen Ansprüchen?

Aldag: Wenn er moralisch hohe Ansprüche hat, muss man auch sagen: An denen ist er schon früher massiv in der täglichen Umsetzung gescheitert. Er hat immer davon geredet, er sei sauber und wolle sauber fahren lassen - und dann läufst du angeblich blind durch die Welt und hast mit Stefan Schumacher, Bernhard Kohl und Davide Rebellin drei riesige Dopingfälle in deinen Reihen? Dann zu sagen, ich habe nichts damit zu tun, das funktioniert natürlich nicht. Mit seinen moralischen Ansprüchen hätte er zum Beispiel einen Schumacher 2007 kaltstellen können wegen der Geschichten rund um die WM in Stuttgart - wenn er gewollt hätte. Und danach hatte der einen Unfall mit Alkohol am Steuer und Restspuren von Amphetaminen - wenn du darauf einen Sportler nicht kündigst, willst du es auch nicht. Deshalb bin ich über Holczers Selbstvermarktungstalent sehr begeistert, weitaus mehr als über seine moralischen Ansprüche.

SZ: Holczer hat übrigens auch Ihren Kumpel Erik Zabel als Sprintberater und Ihren bisherigen Highroad-Trainer Sebastian Weber dazugeholt.

Aldag (lacht): Ja, nun. Ich glaube, dass Ete über die Partnerschaft mit seiner Radfirma, die Katjuscha sponsert, kaum eine andere Wahl hatte. Und Weber ist zu anderen Voraussetzungen hingegangen: Da gab es noch keinen Holczer. Unter Umständen sind da jetzt ein paar Leute unglücklich.

SZ: Wenn man Ihnen so zuhört: Was raten Sie dem Radsport-Zuschauer beim Konsum an der Strecke oder im TV?

Aldag: Jede Leistung als so gegeben hinzunehmen, das muss keiner. Aber das mache ich auch in anderen Sportarten nicht mehr. Die Einschätzung muss jeder für sich vornehmen. Aber eine gewisse Distanz kann nicht schaden.

SZ: Könnten sich trotz allen Frusts eine Rückkehr vorstellen?

Aldag: Da müsste sich noch mehr ändern an den Strukturen. Aber es bleibt natürlich für mich faszinierend, wie sich die Fahrer auf dem Weg nach Alpe d'Huez bekämpfen; ich verstehe, warum dort eine Million Menschen stehen. Oder wenn ich bei der WM hinter Tony Martin im Auto fahre und ans Tacho klopfe, weil du denkst, die Nadel ist hängengeblieben. Aber er fährt halt knapp 60 mit seinem Rad, und du weißt, was wir für einen Aufwand betrieben haben, wie du ihn dreimal in den Formel-1-Windkanal nach England fliegen lässt. Deshalb fällt das Loslassen jetzt schon sehr schwer.