Süddeutsche Zeitung

US-Open-Siegerin Iga Swiatek:Zermürben und einfach weiter marschieren

Lesezeit: 4 min

Iga Swiatek treibt bei den US Open alle Gegnerinnen zur Verzweiflung. Ihr Rhythmus ist, dass sie keinen hat - die 21-Jährige wird so zur unberechenbaren und auch bei diesem Turnier zur unschlagbaren Spielerin.

Von Jürgen Schmieder, New York

Wenn Iga Swiatek über den Platz marschiert, sieht das immer so aus, als müsse sie dringend irgendwohin. Sie schiebt ihren Kopf nach vorne und bewegt sich wie ein Eichhörnchen, das eine Nuss entdeckt hat; und wie bei einem Eichhörnchen wäre es sinnlos, auch nur zu versuchen, es einzuholen. Es ist zielstrebig und doch unvorhersehbar.

Es war deshalb ein interessanter Anblick, der sich den Zuschauern während des Frauen-Endspiels bei den US Open immer wieder bot. Swiateks Gegnerin Ons Jabeur tat das, was Tennisprofis nun mal tun, wenn ihnen trotz aller Bemühungen bewusst wird, dass es keine Nuss zu holen gibt: Die Tunesierin trat wie eine Fußballspielerin gegen den Ball, redete sich eine Taktikänderung ein - mehr Vorsicht beim ersten Aufschlag -, feuerte sich nach kleinen Erfolgserlebnisse an. Es half alles nichts. Swiatek lief unbeirrt dorthin, wohin sie dringend hinwollte, und dieser Weg führte sie zum Pokal dieses Turniers.

6:2, 7:6 (5) hieß es am Ende, und wer Swiatek ein bisschen hinterhergelaufen ist bei diesem Turnier - oder es zumindest versucht hat -, stellt fest: Diese Partie war ein Spiegelbild der US Open, vielleicht sogar eines für die komplette Saison der erst 21 Jahre alten Polin. Sie hatte im Frühjahr eine 37-Spiele-Siegesserie hingelegt mit sechs Turniersiegen nacheinander, darunter das so genannte "Sunshine Double", die Turniere im kalifornischen Indian Wells und in Miami; im Juni dann noch die French Open.

Swiatek schießt die Gegnerinnen nicht vom Platz - sie zermürbt sie

Nach drei Siegen zum Auftakt spielte Swiatek im Achtelfinale gegen die Dortmunderin Jule Niemeier schrecklich: Eineinhalb Sätze lang ging überhaupt nichts; doch sie ließ sich davon ebenso wenig beirren wie vom fürchterlichen Beginn im Halbfinale gegen Aryna Sabalenka aus Belarus; oder davon, dass sie im entscheidenden Durchgang mit Break hinten lag. Sie wirkt in diesen Momenten nicht nervös, sondern schiebt den Kopf nach vorne und marschiert weiter, in ihrem Rhythmus.

Ein Beispiel aus dem Halbfinale: Als Sabalenka im dritten Satz ihr Aufschlagspiel zum 4:2 gewann, wollte sie Swiatek zusätzlich mit diesem "Hab' ich dich!"-Starren treffen, das im Tennis gerne eingesetzt wird. Nur funktioniert das eben nicht, wenn die andere nicht hinsieht, weil sie längst auf dem Weg zum Handtuch ist. Oder im Achtelfinale, als Niemeier nach brillantem ersten Satz die Hand zur Faust ballte, war Swiatek schon unterwegs ins Richtung Toilette. Oder nun im Finale am Sonntag, als Jabeur 5:4 im Tie-Break führte und so was wie eine Chance verspürte - da hatte sich Swiatek noch vor dem Ende von Jabeurs Freude zum Return aufgestellt. Wie soll man sich da lange freuen?

Den ersten Satz des Endspiels hatte Swiatek nicht einfach gewonnen, sie hatte ihn dominiert. Zahlen erzählen nicht immer eine Geschichte, in diesem Fall aber schon. Anzahl leichter Fehler: sechs. Anzahl erzwungener Fehler durch Jabeur: null. Erste Aufschläge im Feld: 90 Prozent. Returns: 100 Prozent. Wie soll man siegen gegen eine, die sich trotz höchstem Tempo kaum Fehler leistet, die man auch nicht zu Fehlern zwingen kann und gegen die man - noch so eine aussagekräftige Statistik - nur sechs Gewinnschläge schafft? Jabeur schaffte im ersten Satz gerade mal 14 Pünktchen.

Das ist die eine, die dominante Seite von Swiatek: Sie speist sich nicht daraus, dass sie die Gegnerinnen vom Platz schießt, sie zermürbt sie ganz einfach, und das führt wiederum zu Momenten, in denen sie Probleme hatte bei diesen US Open. Tennis ist ein Spiel, in dem Rhythmus und rote Fäden wichtige Rollen spielen - wie sonst ließe sich erklären, dass Roger Federer bei beiden vergebenen Matchbällen im Wimbledon-Finale 2019 gegen Novak Djokovic exakt die gleiche Strategie verfolgte wie zehn Jahre zuvor gegen Andy Roddick? Djokovic wusste das, und so verlor Federer seine letzte Chance auf einen großen Titel.

Eine Botschaft wie eine Drohung: "Es gibt keine Grenze", sagt Swiatek nach ihrem Triumph

Tennisprofis haben Eigenheiten, Marotten, Neurosen, die gerissene Gegner ausnutzen. Nur: Swiatek hat keine. Ihr roter Faden ist, dass es keinen gibt, und das treibt ihre Gegnerinnen zur Verzweiflung. Mal ist die Polin sofort zum Rückschlag bereit, mal braucht sie länger am Handtuch - und versteht gar nicht, warum sich zum Beispiel Sabalenka im Halbfinale darüber so aufregt. Und wenn sie die Aufschlagbewegung gleich zwei Mal wegen Fehlwurf des Balles abbricht und die Gegnerin dahinter eine Strategie vermutet wie Jessica Pegula im Viertelfinale: Dann ist Swiatek wieder im Vorteil - obwohl es ehrliche Fehlwürfe zu sein schienen.

Pokerprofis sind ihr Leben lang damit beschäftigt, solche scheinbare Zufälligkeiten in ihr Spiel zu integrieren - bei Swiatek wirkt es natürlich; als mache sie das einfach so. "Dieser Grand-Slam-Sieg auf Hartplatz, hier in New York, bei diesen Bedingungen, hat mir gezeigt, dass ich mich an alles anpassen kann", sagte sie, und was sie danach sagte, dürften ihre Gegnerinnen durchaus als Drohung auffassen: "Ich habe gesehen: Es gibt keine Grenze."

Siegerinnen bei den US Open werden nach ihrem Triumph durch die Arena geführt, von Foto-Hintergrund zu TV-Interview zu Video-Aufzeichnungen zu Händeschütteln mit ehemaligen Champions. Es ist eine Ochsentour, bei der Gewinnerinnen sehnsüchtig zu ihren Begleitern schauen. Unvergessen, wie Angelique Kerbers Mama Beata 2016 in New York Schinkenstullen auspackte.

Sechs Jahre später ging nun Swiatek durch die Katakomben, auf dem Platz wurde ihr drei Stunden nach dem Sieg noch ein Gürtel wie beim Profi-Catchen umgehängt. Und doch wirkte es zum ersten Mal bei diesem Turnier nicht so, als müsse sie ganz dringend irgendwohin. Es schien ihr sehr gut zu gehen, dort, wo sie gerade war.

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