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Lars und Sven Bender:Größer als die Traurigkeit ist der Respekt

FILE PHOTO: Bundesliga - Arminia Bielefeld v Bayer Leverkusen

Lars Bender und Sven Bender haben große Teile ihrer Karriere gemeinsam verbracht, im Sommer hören sie gemeinsam auf.

(Foto: Pool via REUTERS)

Die Bender-Zwillinge werden im Sommer ihre Karrieren beenden - gemeinsam, wie sich das gehört. Ihre riskante Spielweise fordert ihren Tribut.

Von Christof Kneer

Der Trainer Horst Hrubesch hat in seiner Zeit bei der Frauen-Nationalmannschaft oft von seinen "Mädels" geschwärmt, manchmal hat er sogar ihr Kopfballspiel gelobt. Das will etwas heißen, Hrubesch war der beste Kopfballspieler der Welt, er hätte auch eine Anzeigentafel ins Tor geköpft, wenn es der Sache gedient hätte. Und obwohl am Ende ein der Moderne durchaus aufgeschlossener Trainer aus ihm geworden war, hat er diese Vorliebe nie verleugnen wollen: dass ihm jene Typen am liebsten waren, die es im Zweifel auch mit einer Anzeigentafel aufnehmen würden.

Das waren immer die einzigen mini-kritischen Untertöne, die dem emphatischen Onkel Horst über seine Mannschaften zu entlocken waren. Er hätte halt immer gern eine Elf voller Benders gehabt, und manchmal stand er wohl kurz davor, die ein oder andere Detektei einzuschalten. Gerne hätte er die Suche nach einem dritten oder vierten Bender in Auftrag gegeben, denn vielleicht - weiß man's? - würde man neben Lars und Sven noch einen Knut oder Nils Bender finden. Auch bei seiner Frauen-Nationalelf hätte er gerne noch "eine Svenja oder Larissa Bender" gehabt, wie er in einem SZ-Interview mal vergnügt einräumte.

Die Bender-Zwillinge seien "das Beste, was mir im Fußball je passiert ist", auch dies sagte Hrubesch in diesem Interview, und so geht es ihm seit diesem Montag wie so vielen in der Branche: Er wäre ganz gerne traurig, weil die Benders jetzt bald gehen, aber größer als die Traurigkeit ist der Respekt.

Die Benders standen und stehen für das Gute im Ball, für Seriosität und Mentalität und eine glaubwürdige Vorbildrolle

"Nach langer Bedenkzeit und unzähligen Gedankenspielen sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass wir unsere Reise mit Bayer 04 nicht fortführen werden. Dem Verein gegenüber sahen wir uns in der Verantwortung, diesen Entschluss frühzeitig mitzuteilen": So heißt es in einer Depesche, die die Leverkusener Lars und Sven Bender, 31, am Montag verbreiten ließen. Wären die Benders handelsübliche Profis, könnte man ihnen nun handelsübliche Motive unterstellen: Man könnte ihr Statement als Signal an den Markt lesen, die Benders wären im Sommer ablösefrei und könnten sich mit wunderbar obszönen Handgeldern zu einem Vereinswechsel überreden lassen. Aber weiter geht es im Text: "Wir haben erkannt, dass es schwierig wird, über den Sommer hinaus auf diesem hohen Niveau Fußball zu spielen. Es fällt uns leider zunehmend schwerer, dies mit all den Schmerzen und körperlichen Problemen, unter denen wir mehr und mehr zu leiden haben, kontinuierlich abzurufen." Die Benders werden also mit dann 32 Jahren ihre Karrieren beenden, das sei "eine Entscheidung für die Gesundheit und die Familie".

Eine Gewissheit werden die Benders mitnehmen in ihr neues Leben, im Grunde ist es das, was sich jeder Arbeitnehmer wünscht: Man wird sie vermissen und ihnen eine Menge Gutes nachsagen. Die Benders sind Fußballer, auf die sich die unterschiedlichsten Fanlager und Generationen einigen können. Sie sind zwar keine Maradonas, weil sie sich beim Versuch, einen Maradona-Trick anzubringen, womöglich das Syndesmoseband ruinieren würden oder was halt sonst so kaputt geht, wenn man Lars oder Sven Bender heißt - aber sie standen und stehen für das Gute im Ball, für Seriosität und Mentalität und eine glaubwürdige Vorbildrolle, und sie können und konnten dabei immer gut genug kicken, um auf hohem Niveau konkurrenzfähig zu sein.

Germany's Bender celebrates with teammate Bender after scoring against Italy during the European Under-19 Championship match in Jablonec

Die Bender'sche Doppelzange (II): Diesmal in der Jubelvariante, bei der Lars (rechts) und Sven ein Tor im Finale der U19-EM gegen Italien zelebrieren.

(Foto: David W. Cerny/Reuters)

Lars Bender hat für Deutschland ein Tor bei der EM 2012 erzielt, Sven Bender stand mit Dortmund 2013 im Finale der Champions League. Die Zwillinge sind immer noch wichtig, immer noch sind sie Stammspieler beim Topklub Leverkusen, Lars als Rechts- und Sven als Innenverteidiger; jedenfalls sind sie es dann, wenn sie nicht gerade verbeult sind, wenn sie nicht wieder einen Lack- oder Blechschaden davon getragen haben bei ihren zahlreichen Auffahrunfällen und Karambolagen.

Im großen Buch der Sportverletzungen gehören den Zwillingen mehrere Kapitel, zwischen Bänderverletzung und Benderverletzung lagen oft nur feine akademische Unterschiede. Ebenso furchtlos wie kopfüber haben sie sich immer in die Zweikämpfe gestürzt, und wenn sie eine Maske trugen, dann nicht, um sich vor einem Virus zu schützen, sondern, um ihr schikaniertes Nasenbein ins nächste Spiel zu tragen. Manchmal sind sie doppelt genäht ins Spiel gegangen, das hält ja bekanntlich besser. Ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit hauen sie sich bis heute rein, und es hat sie nie interessiert, ob das nun ein Champions-League-Spiel oder ein Vormittagstraining war. Man wolle sich "nie den Vorwurf machen, irgendwann den Fuß weggezogen zu haben oder feige hoch gesprungen zu sein", hat Lars Bender im SZ-Interview mal gesagt, "wir werden nie, nie von dieser Spielweise weggehen, wir wären ohne sie nie da oben im Fußball angekommen".

Am Montag, als die Rücktrittsankündigung kam, hat der Fußballmanager Michael Reschke aus Nostalgiegründen noch mal in alten Unterlagen geblättert. Reschke hat den 19-jährigen Lars damals vom TSV 1860 München nach Leverkusen geholt, in seinem Scouting-Bogen von damals stand neben einer Menge schmeichelhafter Einschätzungen ("außergewöhnliche Vielseitigkeit", "keine Probleme bei Ballan- und mitnahme, selbst in Drucksituationen", "Kopfball wuchtig, sauber und klar") unter der Rubrik "defensiver Zweikampf": "kompromisslos".

© SZ/jkn/klef/ska
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