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SV Darmstadt 98:"Für EUCH"

Fußball: 2. Bundesliga, Darmstadt 98 - FC St. Pauli

Angekommen: Kevin Großkreutz jubelt über seinem Tor gegen St. Pauli.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Kevin Großkreutz, der viel kritisierte Weltmeister, ist in Darmstadt angetreten, um die Fans glücklich zu machen, die Kritik an ihm nie interessiert hat. Nach drei Spieltagen sieht es so aus, als könnte ihm das gelingen.

Es war nicht irgendein Treffer, kein gewöhnliches 1:0 in einem Zweitligaspiel an einem Freitagabend, es war ein Geschenk. Jedenfalls hat Kevin Großkreutz dies den Beschenkten so erklärt. "Das Tor war für EUCH", schrieb er auf Instagram unter einem Foto, das ihn beim Torjubel zeigt. Er präzisierte: "Danke an die Mannschaft und dem Trainerteam für das Vertrauen! Danke Dortmund, Danke Köln, Danke an die Stuttgarter Fans, Danke Familie, Danke Freunde."

Die Rückkehr des Weltmeisters zum SV Darmstadt 98 nach seinem Rauswurf beim VfB Stuttgart im Frühjahr war ja durchaus mit einiger Skepsis begleitet worden. Ist er fit nach fünf Monaten Fußballpause? Ist er charakterlich gefestigt genug, um nach seinem tränenreichen Abschied, nach Gedanken an Karriereende wieder jedes Wochenende Zweitligafußball zu spielen? Taugt er wieder als Vorbild, nach seiner Eskapade mit Jugendspielern im Stuttgarter Rotlichtviertel?

Großkreutz, 29, hat die Antwort für sich schon seit Wochen gefunden, er hat beschlossen, all den Zweiflern kein Gehör mehr zu schenken. Er sagte, er wolle lieber den Menschen etwas zurückzugeben, die in ihm, dem Kämpfer, die Personifizierung des ehrlichen Kämpferfußballs sehen, und die ihn in der Zeit vor der Unterschrift in Darmstadt unterstützten: Dortmunder, Kölner, Stuttgarter Fans, seine Familie, seine Freunde und Torsten Frings, dem Darmstädter Trainer. An den ersten drei Spieltagen der zweiten Liga hat das schon ganz gut funktioniert.

"Die Menschen wollen sehen, dass man alles gibt"

Bundesliga-Absteiger Darmstadt ist ungeschlagen, das 3:0 gegen den FC St. Pauli am Freitagabend war der zweite Sieg, trotz des Ausscheidens im Pokal gegen Regensburg darf man den Saisonstart durchaus als gelungen bezeichnen - und das ist auch Großkreutz' Verdienst. In Stuttgart in der Vorsaison noch meistens Rechtsverteidiger, spielte er in allen vier Pflichtspielen 90 Minuten lang, einmal als Linksverteidiger, dreimal Linksaußen. "Die Menschen wollen sehen, dass man alles gibt. Dazu noch ein paar Tore schießen, dann passt das", hatte er im Gespräch vor der Saison erklärt: "Ich habe auf dem Platz immer gute Leistungen gezeigt, auf vielen Positionen, einige Titel geholt, da will ich mich nicht verändern. Auf dem Platz werde ich mich zerreißen, da werde ich auch weiter teilweise - auf Deutsch gesagt - ein Arsch sein."

Letzteres bewies er gleich am ersten Spieltag gegen Fürth, als er für ein ziemlich fieses Foul die gelbe Karte sah, es hätte auch eine rote sein können. Doch gegen Fürth war gleichzeitig auch zu beobachten gewesen, dass Großkreutz tatsächlich eine wichtige Rolle in der Mannschaft zu haben scheint, dass sich Mitspieler an ihm orientieren, wie es in Stuttgart zuletzt nicht mehr der Fall gewesen war. Beim VfB hatte Großkreutz oft müde gewirkt, nicht fit - und damit nur noch schemenhaft an jenen Großkreutz erinnert, der einst mit Borussia Dortmund das Double gewann und im Champions-League-Finale stand.

Das Tor war sein erstes seit September 2016

Großkreutz hat für sich selbst und mit einem Fitnesstrainer an seiner Physis gearbeitet, Fußball konnte er im Frühjahr wegen einer Verletzung nicht spielen, er bekam nach seiner Unterschrift in Darmstadt im April einen Laufplan. In allen drei Ligaspielen lief Großkreutz jeweils mehr als 11 Kilometer, war immer einer der lauffreudigsten Darmstädter. Gegen Fürth hatte er noch viele Fehler gemacht, gegen Kaiserslautern und nun gegen St. Pauli wirkte er sicherer. Am Freitag spielte er nur vier Fehlpässe, gegen Fürth waren es noch elf gewesen. Er holte den Elfmeter vor dem 2:0 durch Tobias Kempe heraus und traf in der neunten Minute zur Führung selbst, zum ersten Mal seit dem 20. September 2016. "Es war ein sehr schönes Gefühl, mal wieder ein Tor gemacht zu haben. Das Tor war für die Mannschaft und den Trainer, die immer zu mir gehalten haben. Wir haben uns ran gefightet und einen geilen Sieg geholt", sagte er.

Es war ein schmuckloser Flachschuss aus dem Strafraum, nichts für die Highlight-Videos des Wochenendes. Ein typischer Großkreutz-Treffer, nichts Besonderes - und gerade deshalb irgendwie doch besonders, jedenfalls für ihn und all jene Fans, die ihm solche Szenen auch in den vergangenen Monaten stets zugetraut haben. Der Instagram-Post endete mit einem knutschenden Smiley.