Surfen:Gegen den Strom

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Surfen boomt: Am Eisbach im Englischen Garten hat das oft großes Gedränge zur Folge. (Foto: Eibner/Imago)

Der Münchner Thomas Wilckens, Vater einer aktiven Surferin, gründete im Jahr 2022 den Bayerischen Wellenreitverband. Dabei hat sich der 60-Jährige nicht nur Freunde gemacht. In der von Individualisten dominierten Szene ist es hitzig geworden.

Von Christoph Leischwitz

Wenn sich eine Trendwelle aufbaut, muss man vor echten Wellen lange warten. Wie am weltberühmten Münchner Eisbach, wo der Andrang an sonnigen Tagen so groß ist, dass mancher lieber direkt wieder umdreht. Auch deshalb entsteht zurzeit in Hallbergmoos, direkt neben dem Flughafen, auf 20 000 Quadratmetern ein riesiges Areal namens Surftown, mit künstlich dahinrollenden Wellen von maschinell veränderbarer Höhe, auf denen bis zu 60 Sportler gleichzeitig Platz finden sollen. Die Eröffnung ist für den Sommer geplant.

Aber wenn die Welle mal läuft, wird es von Beginn an auch hier lange Warteschlangen geben: Vorab angebotene Pakete wie etwa Zehnerkarten waren nach gut einer Woche ausverkauft. An einigen Orten in Bayern sind seit Längerem neue stehende Wellen geplant, etwa die Chiemgau-Welle in Traunstein. Surfen boomt. 2016 wurde es vom Internationalen Olympischen Komitee ins Programm aufgenommen. Bei den Spielen in Paris wird es zum zweiten Mal Wettkämpfe unter den fünf Ringen geben. Ausgetragen werden sie auf Tahiti. Das Surfen in hochmodernen Surfparks oder auf stehenden Flusswellen wie etwa auf der Pegnitz oder Isar ermöglicht es immer mehr Menschen, die Sportart auch hierzulande auszuüben.

Doch immer, wenn eine Sportart rasant wächst, kann auch ein Richtungsstreit entstehen. Und der fällt unter bayerischen Surfern heftig aus. Im Jahr 2022 gründete der Münchner Thomas Wilckens, 60, den Bayerischen Wellenreitverband (BWV). „Es gibt zurzeit keine Strukturen und keine Förderung“, stellt Wilckens fest. Das Problem: Das wolle „der eine oder andere Old Schooler“ auch gar nicht. Sein BWV ist ein eingetragener Verein, er hat bisher noch keine nennenswerten Events ausgerichtet und auch keine wirkliche Verbandsstruktur. Und es stellt sich die Frage nach den Gründen.

Wilckens beklagt, sein Verband werde schlechtgeredet – seine Gegner empfinden ihn als Querulanten

Der Vorsitzende Wilckens wirft seinen Gegnern vor, die Entwicklung des neuen Landesverbands zu unterspülen. So viel Schlechtes werde in sozialen Medien über ihn und den BWV verbreitet, dass man „Ansehen und Glaubwürdigkeit verloren“ habe, unter anderem bei potenziellen Sponsoren wie lokalen Surfshops. „Durch die negative Stimmung gegen uns wurden junge Talente auf Distanz zu uns gehalten. Wir sind zur heißen Kartoffel geworden.“

Die Gegenseite stellt Wilckens als Querulanten dar. Fest steht, dass er und seine Tochter Sophie mancherorts als regelrechte Feindbilder gelten. „Wir werden am Eisbach geshamed“, so schildert es Wilckens, „ich wurde geschubst und angespuckt. Wir bekommen nächtliche, anonyme Anrufe.“ Einen kleinen Teil der Szene bezeichnet er als „militant“. Er mutmaßt, dass es sich schon 2017 um einen „Tabubruch“ gehandelt habe, als er eine Person wegen Körperverletzung anzeigte, die ihn von der Welle gefahren hatte, weil er sich nicht vertreiben lassen wollte. Hintergrund aus seiner Sicht ist der sogenannte Lokalismus, wonach Surfer oft als Platzhirsche aufträten. Von Jüngeren sei er gefeiert worden, erzählt der 60-Jährige, weil sein rechtliches Vorgehen durchaus etwas am Verhalten geändert habe.

Wilckens will nach eigenem Bekunden den Sport, den er liebt, voranbringen, kostengünstigere Surf-Möglichkeiten schaffen. Dabei hinterfragt er alles und jeden – und spricht unangenehme Aspekte an. Zum größten Streitpunkt entwickelte sich die Frage nach einer möglichen Gesundheitsgefährdung, etwa durch Keime im Wasser, an stehenden Flusswellen. Diese Gefahr sei deutlich höher als etwa bei Kajakfahrern oder anderen Wassersportlern, behauptet Wilckens, insbesondere nach starken Regenfällen. Er wirft Veranstaltern vor, das Problem zu verschweigen. Andere fassen sich an den Kopf und fragen sich: Wie kann jemand, der das Surfen in Bayern voranbringen will, ausgerechnet die wichtigen Flusswellen infrage stellen?

Der Streit mit den Flusswellenbetreibern kostet alle Beteiligten Nerven

Hochgekocht war der Streit darüber, nachdem Sophie Wilckens, 23, im Rahmen der deutschen Meisterschaften 2022 in Nürnberg, wo sie Dritte wurde, eine langwierige Magen-Darm-Erkrankung bekam. Ihr Vater führte das auf das Flusswasser zurück, er wisse von weiteren Fällen; die Veranstalter bestreiten einen Zusammenhang, wollen sich auf Nachfrage aber nicht weiter dazu äußern. Thomas Wilckens begegnet Vorwürfen, er sei generell gegen Flusswellen, seit vergangenem Herbst mit Unterlassungsklagen.

Der langwierige Streit mit mehreren Flusswellenbetreibern kostet offenkundig alle Beteiligten Nerven – und ein Ende ist nicht abzusehen. Wenn man sich in der bayerischen Szene umhört, sprechen die einen von einem „Hahnenkampf“, von Alphatieren, die weiter streiten, auch wenn beide schon verletzt sind. Hineingezogen werden möchte da niemand, deshalb sind die meisten Aussagen hierzu anonym. „Surfen ist definitiv ein Individualsport und kein Vereinssport, deswegen tun sich einige schwer mit Verbandsstrukturen“, sagt ein langjähriger Surfer aus Oberbayern. Dass sich im Zuge der Professionalisierung einige „kabbeln“, das habe es auch schon bei den Snowboardern gegeben, das müsse man aussitzen. Und: Es wäre doch sicherlich hilfreich, wenn mithilfe eines Verbands zusätzliche Fördermittel flössen.

Doch auch das ist nicht so leicht im bayerischen Surfen. Als Wilckens im vergangenen Herbst beim Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV) zum Thema Förderung vorstellig wurde, erhielt er eine Abfuhr. „Es war ein Treffen mit überraschendem Ausgang“, sagt der Mediziner, „traditionelle Verbände tun sich oft schwer mit neuen olympischen Trendsportarten, die nicht in Vereinen ausgeübt werden. Beim BLSV hätte ich mir mehr Kreativität im Sinne der Athleten gewünscht.“

Auf Nachfrage erklärt der Dachverband, der BWV vertrete eine sehr niedrige Zahl an Vereinen, die auch individuell Gelder beantragen könnten. Wilckens hält dagegen, dass diesen Vereinen immerhin 1000 Sportler angehörten. Generell sei der BLSV bereit, dabei zu helfen, Strukturen aufzubauen, heißt es, der BWV habe aber einen Fokus auf Spitzensport.

Mit dem Bundesverband ist der BWV zerstritten

Ebenfalls zerstritten ist der BWV mit dem Bundesverband. Dessen Präsident Michael Zirlewagen ist einer von jenen, die von Wilckens schon viele kritische E-Mails erhalten haben. Deswegen möchte auch er nicht viel zur Lage in Bayern sagen, nur Folgendes: „Wir begrüßen jegliche ernst gemeinte und inhaltlich umgesetzte Initiative für unsere Sportarten. Jede Vereinigung oder Einzelperson oder Verein, der da etwas initiiert, ist herzlich willkommen.“ Es klingt durch, dass er Wilckens’ BWV genau das abspricht.

Und auch diesen Vorwurf gibt es: dass der Vater den BWV doch nur gegründet habe, um für seine Tochter bessere Bedingungen zu schaffen. Wobei Wilkens innerhalb seines Verbands durchaus Mitstreiter hat. Sophie Wilckens selbst ist sich ihres Images als protegiertes Töchterchen wohl bewusst, das nur auf schönen Wellen reiten wolle. Dabei surfe sie bei jeder Witterung am Eisbach, betont sie, seit sieben Jahren schon. Sie findet durchaus, dass etwas an den Strukturen getan werden müsste, zwei Dinge aber habe man bei der Gründung des BWV unterschätzt: erstens, dass Surfvereine in Bayern vor allem gegründet werden, um Geld für den Bau einer Welle zu sammeln oder eine solche zu betreiben – es handele sich also eher um eine Verwaltung als um einen Ort, an dem klassisches Vereinsleben stattfinde und sich Menschen zusätzliche ehrenamtliche Arbeit machen wollten. Und zweitens: die Freiheitsliebe der Szene, wo überzeugte Individualisten gar nicht wollten, dass Strukturen aufgebaut werden. „Insgesamt wünsche ich mir, dass dieses Streitthema ein Ende findet, und ich wünsche mir, dass Bedrohungen und Beschimpfungen aufhören und wir gemeinsam eine gute Zeit beim Surfen haben“, appelliert sie. Die Meinungen darüber, ob es dazu eines offiziellen Chefs bedarf, dürften gespalten bleiben.

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