Fußball in Europa:Und ewig droht die Superliga

Real Madrid jubelt nach dem Champions-League-Finale gegen den FC Liverpool

Irgendwann fanden sie die Champions League nicht mehr groß genug: Die Rekordsieger von Real Madrid nach dem Finale 2018.

(Foto: Michael Regan/Getty Images)

Die neuesten Pläne für eine geschlossene Liga von Europas Top-Klubs waren weit gediehen - bis die Verbände sie mit einem scharfen Dekret stoppten. Die Rolle der Fifa bleibt rätselhaft.

Von Thomas Kistner

Es gab viel Gezerre hinter den Kulissen, bis der Fußball-Weltverband Fifa auf die Linie der sechs Erdteilverbände um die Europa-Union Uefa gebracht war. Um die neueste Variante der im Fußball stetig drohenden Superleague war es gegangen, und in der vergangenen Woche erteilten die großen Föderationen den Plänen einer Handvoll gieriger Großklub-Manager gemeinsam eine scharfe Absage.

Sie betonten "noch einmal mit Nachdruck, dass ein solcher Wettbewerb weder von der Fifa noch von der jeweiligen Konföderation anerkannt würde". Klubs oder Kicker, die da mitspielen, dürften "folglich an keinem von der Fifa oder der jeweiligen Konföderation organisierten Wettbewerb teilnehmen". Damit ist das Thema zunächst zwar vom Tisch - aber bestimmt folgt bald die nächste Attacke.

Denn die Verfechter der Superleague haben schon sehr konkrete Vorhaben entwickelt. Die der SZ vorliegenden Planspiele für die neueste Variante zeigen die Obsession, mit der ein paar Geschäftemacher ihren Milliardentraum verfolgen. Antreiber waren auch diesmal die Transfermarkt-Hasardeure in Spanien: Real Madrids Vereinskönig Florentino Pérez sowie Josep Bartomeu, gerade verstoßen beim heillos überschuldeten FC Barcelona.

Ausgeheckt wurde diesmal ein Wettbewerb, der alljährlich mit 20 Klubs in zwei Gruppen ausgespielt werden sollte. 15 Vereine sollten fest in der Superliga installiert werden. Gründungsmitglieder laut internem Arbeitspapier: aus Spanien Real, Barça, Atlético, aus England Manchester United, ManCity, Chelsea, Arsenal, Liverpool, Tottenham, aus Italien Juventus Turin, AC und Inter Mailand, dazu Bayern, Dortmund sowie Paris SG.

Die restlichen fünf sollten jährlich aufs Neue erwählt werden, nach Ermessen der 15 Fixstarter und ohne Anspruch auf einen Stammplatz. Zwei Zehner-Gruppen in Hin- und Rückrunde wurden vorgesehen, die jeweils vier Gruppenbesten sollten das Viertelfinale erreichen.

Das Budget-Kalkül der Superliga ist spektakulär

Aus Sicht von Uefa-Gutachtern wäre das der Tod jedes sportlichen Wettbewerbs. 15 Klubs hätten alle Macht und ihre fünf Gäste nichts zu melden. Zugleich wäre die Auswirkung auf die heimischen Ligen "katastrophal", heißt es in einer internen Bewertung. "Mit nur fünf zugelassenen Klubs pro Saison lässt sich kein Meisterweg gestalten, wie ihn die europäischen Wettbewerbe haben."

Völlig entwertet hätte der Bewerb Europas Ligen. Zwar wollte die Superleague auf die Wochenmitte ausweichen, auch sollten die Klubs weiter parallel in ihren nationalen Wettbewerben spielen (Pokal ausgenommen) - aber wen juckt ein Match Dortmund II gegen Bayern III in der Bundesliga, wenn deren echte Stars mittwochs in der Superliga auftreten?

Spektakulär ist das Budget-Kalkül: Mit vier Milliarden Euro pro Jahr rechneten die Betreiber, für die Klubs sahen sie gestaffelte Beträge von 100 bis 350 Millionen Euro vor. Für Real und Barcelona war sogar eine alljährliche Sonderzulage von jeweils 30 Millionen Euro eingebaut. Als Finanzier sollte die US-Bank JP Morgan fungieren. Das schlägt einen Bogen zu den Figuren im Hintergrund.

Darunter ein früherer JP-Morgan-Banker, dessen Vater Borja Prado eng mit Real-Boss Pérez und dessen fußballerischen Allmachtsträumen verbunden ist. In Spaniens Geschäftswelt gelten die Bau- und Immobilienbosse Pérez und Prado seit langer Zeit als Gespann, mit guten Drähten in die arabische Geschäftswelt. Sie kooperierten auch beim Umbau des Bernabeu-Stadions, bei dem JP Morgan als Hauptfinanzier auftrat.

Dabei erregte die Geschäftskultur des Prado-Clans zuweilen viel Aufsehen. Prados Vater saß im Gefängnis, und internationale Rechercheure und Kirchenexperten sahen ihn und sein Imperium im Bunde mit einer delikaten iberischen Machtinstitution, dem erzkatholischen Opus Dei (Werk Gottes). Was Schlüsselfragen zur ewigen Gier nach einer Klub-Superliga aufwirft, die den Fußballverbänden den werthaltigen Teil des weltgrößten Sports entreißen würde. Opus Dei, von Kritikern als eine Art Heilige Mafia beschrieben, wird im Dunstkreis mancher Finanzskandale verortet; die Identität mancher weltlichen Mitglieder hält das Werk gern geheim.

Fifa-Präsident Gianni Infantino hat eine Protestnote gegen die Superleague gezeichnet

Eine Superliga also unter der Geschäftsregie von Pérez und Prado, der auch bestens in Italien vernetzt ist. Dort war er leitender Gesellschafter in Silvio Berlusconis Medienimperium Mediaset. Wobei auch Berlusconis Nähe zum Elitekreis um das Opus Dei bekannt ist: Kardinal Silvio Oddi, ein alter Weggefährte, galt als Protektor des Geheimordens in Rom. Zwar hat Berlusconi sein langjähriges Spielzeug, den AC Mailand, 2017 verkauft, heute gehört der Klub dem US-Hedgefonds Elliott.

Aber zu den insgesamt nur vier echten Verfechtern der Superleague-Pläne (Bayern und Dortmund etwa distanzierten sich früh) gehören neben Real, Barca und Manchester City: der AC Mailand. Ob dabei alte Drähte zwischen Prado und Berlusconi glühten, oder ob US-Investor Paul Elliott Singer einfach nur selbst auf einen krassen Superleague-Hype spekulierte, um den Klub besser abstoßen zu können, ist nicht bekannt.

Wenn sich hinter den Kulissen des Weltsports Nummer eins ein nebulöser elitärer Finanzkreis versammelt, hat das eine gesellschaftspolitische Dimension. Das führt zur Rolle von Gianni Infantino. Zwar hat auch dessen Fifa die Protestnote gegen die Superleague gezeichnet, der Akt wirkt jedoch auf viele Beobachter eher formal.

Sie erstaunt, dass Infantino ein so scharfes Dekret abzeichnete, obwohl er in der Vergangenheit selbst immer mal wieder als Sympathisant solcher Planspiele auffiel. Dazu passt auch das hartnäckige Gerücht, dass sein Vertrauter und Assistent, Mattias Grafström, bei Superleague-Gesprächsrunden zugegen gewesen sein soll. Auf eine konkrete Anfrage, ob dies zuträfe, schweigt die Fifa.

Hinweise auf eine Fifa-Nähe der stillen Umstürzler liefert aber auch ein internes Arbeitspapier. Das verweist auf Absprachen "mit W01" bezüglich der Verteilung einer satten, nicht näher spezifizierten Solidarzahlung von einer Milliarde Euro. Auch hielten die Superleague-Betreiber in ihren Plänen fest, dass und wie sich allein zwölf ihrer Teilnehmer für die neue, von Infantino gepushte Klub-WM qualifizieren.

Dieses Turnier ist bisher allerdings in vierjährigem Turnus vorgesehen, die Superleague-Betreiber skizzieren es nun als alljährlich. Weshalb Fachanalysten argwöhnen, dass hinterm Kürzel "W01" der Weltverband oder ein hoher Repräsentant stecken könnte. Saß also die Fifa selbst, deren Boss ja schon öfter mit stillen Ausverkaufsplänen auffiel, mit den Superleague-Betreibern in einem Boot?

Die Antwort wird vielleicht bis zum nächsten Angriff auf den Klubfußball dauern. Der besser vorbereitet werden könnte - womöglich mit gewissen finanziellen Anreizen? Und ließen sich nicht auch Starkicker und andere Branchengrößen für das Projekt einspannen? Sicher ist nur, dass die Fans solche Entwicklungen nicht mögen. Eine aktuelle Erhebung des Schweizer Fußballinstituts Cies zeigt, dass das Publikum die Vielzahl der internationalen Klubspiele mit 45,4 Prozent viel kritischer sieht als nationale (32,7 Prozent). Das könnte im Kontext der Superleague-Pläne als Plädoyer der Fans "für nationale Meisterschaften interpretiert werden".

© SZ/AUM/and
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