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Super League:Ein Spiel dauert 60 Minuten

Mit der Attitüde eines Sonnenkönigs: Florentino Pérez, 74.

(Foto: Franck Fife/AFP)

Die Gründer der neuen Superliga haben auch ein paar sehr praktische Probleme: in puncto Spiellänge und Referees etwa. Aber: Kein Problem für Real-Boss Florentino Pérez.

Von Javier Cáceres, Berlin

Mitunter führt Hybris zu totalitären Ansprüchen. Sogar in der Welt des Fußballs.

Knapp 20 Jahre ist es her, dass Real Madrid sein hundertjähriges Vereinsjubiläum feierte, mit einem Spiel gegen eine Weltauswahl, in der nicht nur frühere und spätere Weltmeister wie Bixente Lizarazu und Miroslav Klose zum Einsatz kamen, sondern auch der Stürmer Du-Ri Cha, damals Arminia Bielefeld. Mehr noch als das Ergebnis (3:3) blieb die bizarre Idee des damaligen und heutigen Real-Madrid-Präsidenten Florentino Pérez haften, der mit der Attitüde eines Sonnenkönigs vorschlug, den Ball für 24 Stunden ruhen zu lassen. Weltweit. Frei nach dem Motto: Der Fußball bin ich.

In der Nacht zum Dienstag kam Pérez nun mit einer neuen kuriosen Idee um die Ecke, die illustriert, wie sehr er bei seinem angeblichen Versuch, den Fußball mit der Gründung einer milliardenschweren Super League zu retten, an den Grundfesten des Sports rüttelt. Denn dass ein Spiel 90 Minuten dauert - und am Ende die Deutschen gewinnen, klar - sieht Pérez nicht unbedingt als Geschäftsgrundlage an.

In der Talksendung "Chiringuito" des spanischen Fernsehsenders Mega gab Pérez zu bedenken, dass die Aufmerksamkeit der jüngeren Generationen von Playstations und Tablets geprägt sei. Wenn der Fußball "weiterleben" solle, müsse man darüber nachdenken, warum die 16- bis 24-Jährigen nicht mehr an dem Sport interessiert seien. "Wenn die jungen Leute sagen, ein Spiel sei zu lang und nicht (in voller Länge) zu ertragen, liegt das entweder daran, dass das Spiel nicht genug Interesse weckt - oder gekürzt werden muss", sagte Pérez.

Wie lange ein Spiel künftig dauern soll? Diese Frage wurde Pérez nicht gestellt. 60 Minuten? 70? 80? Einen gewissen Spielraum hätte er jedenfalls. Laut Spielregel sieben des Weltverbandes Fifa besteht "ein Spiel aus zwei Hälften von je 45 Minuten Dauer" - vorausgesetzt, dass "zwischen den beiden Teams und dem Schiedsrichter nichts anderes vereinbart wurde". Womit wir auch beim nächsten, sehr praktischen Problem der Umsetzung der Super-League-Pläne wären. Denn deren Gründer verfügen zwar über Mannschaften, Stadien, Tore, Netze, Platzwarte und solche Dinge - aber (noch) nicht über so genannte Unparteiische (und wohl auch noch nicht über diese modernen Dinge wie Videoschiedsrichter und Torlinientechnik). Obwohl Pérez versicherte, dass man möglichst im kommenden August mit der Super League starten wolle. "Wir werden versuchen, die besten Schiedsrichter auszuwählen - nach professionellen Kriterien", sagte Pérez.

Ein Problem für die neue Superliga: Die Referees unterstehen ihren Nationalverbänden

Der frühere spanische Fifa-Schiedsrichter Eduardo Iturralde González hat sich unter Referee-Kollegen in mehreren europäischen Ländern umgehört. "Niemand hat von einem laufenden Rekrutierungsprozess gehört", sagte er in einem Telefonat. Weitere Quellen aus dem Schiedsrichterwesen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die unter der Bedingung sprachen, namentlich nicht genannt zu werden, äußerten sich ähnlich. Es seien bislang keine Bewegungen auf dem Schiedsrichtermarkt wahrgenommen worden. Nicht einmal Gerüchte.

Ein Schiedsrichter-Korps für eine geschlossene 20er-Liga, wie sie den zwölf Super-League-Gründern vorschwebt, wäre überschaubar groß. Um für die 90 Vorrundenspiele und die anschließenden K.-o.-Runden gewappnet zu sein, bräuchten die Betreiber überschlägig fünfzehn Schiedsrichter, dreißig Assistenten und etwa 15 Videoschiedsrichter. Interessanter als die bloße Zahl der Referees ist die Frage, wo sie herkämen.

Denn: Die Schiedsrichter unterstehen ihren nationalen Verbänden, und diese stehen den Super-League-Plänen bekanntlich feindlich gegenüber. Eine Verständigung über Schiedsrichter dürfte es also eher nicht geben. Den Super-League-Gründern bliebe wohl oder übel nur eine Möglichkeit: Schiedsrichter einzukaufen. Ganz billig ist das nicht, aber auch nicht so teuer wie ein Cristiano Ronaldo von Juventus Turin oder ein Lionel Messi vom FC Barcelona.

Ein europäischer Top-Referee kommt, wie man in der Branche hört und aufgrund von Honorarlisten errechnen kann, auf Einnahmen von etwa 300 000 Euro im Jahr - plus Einsatzprämien bei internationalen Spielen. Ein Assistent streicht eine immer noch sechsstellige Summe ein, ein Videoschiedsrichter bekommt nochmals weniger, aber gewiss eine hohe fünfstellige Zahl zusammen. Mittlerweile ist der Aufwand aber so groß, dass es immer mehr Referees gibt, die sich dem Schiedsrichterwesen widmen. Längst stellt sich da die Frage, wie die Altersversorgung von mehr oder weniger hauptberuflichen Spielleitern aussehen kann. Denn für Schiedsrichter gilt eine Altersbeschränkungen, für einen Fifa-Schiedsrichter liegt sie bei 45 Jahren.

Jenseits davon dürfte sich die mögliche Rekrutierung von Schiedsrichtern für die Super League durchaus kurios ausnehmen. Die Autorität von Schiedsrichtern lebt ja davon, dass sie als nicht käuflich gelten. Und welcher Referee würde sich gern nachsagen lassen, dass er sich von der Super League des Florentino Pérez hat kaufen lassen?

© SZ/jkn
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