Rams-Verteidiger Aaron Donald:Er hat sein Versprechen eingelöst

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Im Freudentaumel: Aaron Donald war im NFL-Draft 2014 die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Los Angeles Rams - und kennt nun endlich auch das Gefühl, ein Champion zu sein. (Foto: Elaine Thompson/dpa)

Los Angeles steht wie kaum eine andere Stadt dafür, dass sich jemand komplett neu erfinden kann. Die Rams haben dies in den vergangenen Jahren verkörpert - und Aaron Donald ist das Symbol dieses Triumphes.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer nach diesem Finale über den Kunstrasen im Stadion schlenderte, musste wirklich nicht lange suchen nach einem Symbol dafür, was der Sieg der Rams in ihrer Heimatstadt Los Angeles bedeutet - jener Stadt, die einst den ersten Super Bowl ausgerichtet hatte: 1967, drüben im Memorial Coliseum, jedoch seit 1993 nicht mehr. Die 1995 beide Footballklubs verlor, die Raiders an Oakland und die Rams an St. Louis - und die gewannen dort den Titel, während Los Angeles seit 1984 ohne Triumph war. Profi-Football bedeutete Melancholie in einer Stadt, in der die Leute mit der Sonne um die Wette strahlen wollen.

Man musste zur Endzone mit dem Rams-Logo gehen, um das Symbol zu finden: ein Stück Konfetti, gelb. Die acht Jahre alte Jaeda Donald hatte es aufgehoben, sie brachte es Papa Aaron, und der fing an zu weinen. Es hilft vielleicht, wenn man weiß, dass Aaron Donald eine 1,85 Meter große und vor allem 130 Kilo wuchtige Naturgewalt ist. Wenn so einer weint, dann muss was passiert sein - etwas, dessen Bedeutung höher einzuschätzen ist als die jüngsten Triumphe der Sportvereine Lakers (Basketball, 2020), Dodgers (Baseball, 2020) und Kings (Eishockey, 2014).

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"Als wir unseren ersten Super Bowl erreicht haben, habe ich meiner Tochter gesagt, dass sie danach mit Konfetti wird spielen dürfen. Dann haben wir verloren. Sie kam zu mir und sagte: ,Aber Papi, du hast versprochen, dass wir mit Konfetti spielen dürfen'", sagte Donald später, und bitte, noch einmal: Es ist ein 130-Kilo-Koloss, der das erzählt, kurz davor hatte er diese Partie entschieden, indem er Bengals-Quarterback Joe Burrow zwei Mal nacheinander gestoppt hatte: "Das war jetzt schon toll, dass ich dieses Versprechen einlösen konnte. Sie hat ein bisschen Konfetti mitgenommen."

Aaron Donald hat die Position des Defensive Tackle revolutioniert

Donald ist auch deshalb die Symbolfigur dieses Triumphes, weil ihn die Rams vor acht Jahren bei der Talentbörse in der ersten Runde gewählt hatten. Da deutete sich schon an, was ein paar Monate später verkündet wurde: Die Rams werden 2016 zurück nach Los Angeles ziehen. Donald war damals die Hoffnung auf eine bessere Zukunft des damals höchst unterdurchschnittlichen Vereins, aber eben noch für ein paar Spielzeiten in der alten Stadt. Durchhalten, irgendwie, und dann in L.A. neu anfangen.

Bei der Ankunft der Rams in L.A. sagten die Leute in der Stadt allerdings, dass sie jetzt nicht unbedingt auf die Rams gewartet hätten. Die Klubs der anderen Sportarten waren erfolgreich, und Football, das war jetzt vor allem die Uni-Rivalität zwischen USC (im Coliseum) und UCLA (im Rose Bowl). Da kamen die Rams daher und platzten erst ins Coliseum und wollten dann in den Sportpalast umziehen. Pffff, seid erst mal erfolgreich, ließen die Menschen in L.A. wissen, dann beachten wir euch. Die erste Rams-Saisonbilanz in L.A.: 4:12.

Gegenwart und Zukunft auf seiner Position: Junge Verteidiger wollen so sein wie Aaron Donald (links, im Duell mit Bengals-Quarterback Joe Burrow). Früher wollte kaum jemand überhaupt Verteidiger sein. (Foto: Brian Rothmuller/Icon SMI/imago)

"Wir haben uns immer weiter verbessert", sagt Donald. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass er dabei die Position als Defensive Tackle revolutioniert hat. Früher spielten dort Kolosse, die auch Bauch trugen. Donald ist ein Six-Pack-Modellathlet, dem man Siege im Crossfit zutrauen würde; dazu trotz seiner Wucht sehr beweglich. Er verkörpert Gegenwart und Zukunft dieser Position, viele halten ihn, einen Defensivspieler, für den derzeit besten Football-Spieler überhaupt, und es gibt auch einige, die ihn für den wertvollsten Spieler des Super Bowl halten (zwei Sacks, zwei Tackles für Raumverlust der Bengals). Junge Verteidiger wollen heute so sein wie Donald, früher wollte kaum jemand überhaupt Verteidiger sein.

Nach dem verlorenen Finale 2019 setzten die Los Angeles Rams alles auf eine Karte

Die Rams wurden besser; vor allem deshalb, weil sie Anfang 2017 Sean McVay als Cheftrainer verpflichteten. Der war damals 30 Jahre alt, nun ist er mit 36 der jüngste Super-Bowl-Siegtrainer der Geschichte. Die Leute in L.A. wollten wissen: Wer ist dieses vermeintliche Genie? Und sie wollten wissen: Wer ist dieser Verteidiger, über den alle reden? Sie waren neugierig auf diese Rams. Die wurden zu einer Attraktion, vor drei Jahren aber verloren sie das Finale, und sie mussten sich entscheiden: Neuanfang - oder alles auf eine Karte?

Sie setzten alles auf eine Karte, und Donald erklärte nach dem Spiel, was das für ihn und seine Kollegen bedeutete: "Wir haben wirklich rund um die Uhr gearbeitet. Es hilft ja nichts, wenn die individuellen Statistiken passen, aber das Team den Titel nicht holt." Freunde von Donald berichteten davon, wie es ihn genervt habe, dass ihn zwar immer alle lobten, in Los Angeles dann aber Lakers und Dodgers für deren Titel gefeiert und die Rams mit Nichtbeachtung gedemütigt wurden. "Es war eine sehr schwere Saison", sagte Donald danach: "Es ist umso schöner, das Gefühl nun endlich zu kennen, wie das ist, wenn man Champion ist."

Los Angeles steht wie kaum eine andere Stadt dafür, dass sich jemand komplett neu erfinden und sein darf, wie er/sie gerne sein will. Die Rams haben das in den vergangenen Jahren verkörpert, und Donald ist das Symbol für diesen Triumph, der vielen Leuten in dieser Stadt viel bedeutet. Profi-Football bedeutet wieder Freude, die könnte aber - wie immer alles in L.A. - im Fall von Aaron Donald bittersüß sein.

Es kann sein, dass die Rams auseinanderfallen nach diesem Sieg. Donald zum Beispiel könnte, Freunde haben das vor dem Spiel verraten, nach dem Triumph seine Karriere im Alter von nur 30 Jahren beenden. Er selbst sagte: "Ich lebe jetzt gerade bloß im Moment. Ich will das jetzt erst mal ein paar Tage lang genießen."

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