„Easy now.“ Auf Deutsch: Jetzt mal locker bleiben. Das reichte Drake Maye, um diese als Kompliment formulierte Falle zu entschärfen. Ein Reporter hatte den Spielmacher der New England Patriots bei einer Fragerunde vor dem Super Bowl am Sonntag als „Wiedergeburt des Größten“ bezeichnet. Jedes Wort von Drake, 23, hätte eines zu viel sein können, weiß doch jeder: Tom Brady ist der historisch erfolgreichste Footballspieler. Sieben NFL-Meisterschaften hat er gewonnen, sechs davon mit den Patriots. Dort absolviert Drake gerade sein zweites Profijahr. Also: Easy now. Locker bleiben.
Der Super Bowl, der in der Nacht zum Montag (Anpfiff 0.30 Uhr MEZ) in San Francisco ausgespielt wird, ist diesmal jener zweier Überraschungsteams: Sowohl die Patriots als auch die Seattle Seahawks wurden zu Saisonbeginn als eher unterdurchschnittlich eingeschätzt, legten dann jeweils eine 14:3-Bilanz in der regulären Saison hin. Und während bei den Patriots Drake Maye als Quarterback überragt, ist es bei den Seahawks Sam Darnold. Der gilt als hochbegabt, konnte diesen Status in den vergangenen sechs NFL-Jahren aber nie rechtfertigen. 2018 wurde er als Dritter seines Jahrgangs gewählt, spielte in acht Jahren bei fünf Vereinen – bis er bei den Seahawks ein Umfeld fand, in dem er aufblühte.

Seahawks im Super Bowl:Richtige Zeit, richtiger Ort
Die Seattle Seahawks, vor der Saison nicht als Top-Team eingestuft, erreichen den Super Bowl gegen die New England Patriots. Im Zentrum steht Quarterback Sam Darnold, der im entscheidenden Moment seine beste Partie zeigt.
Da ist die stabile Offensive Line, die ihm Zeit zum Freilaufen verschafft. Da sind die Passfänger Jaxon Smith-Njigba und Cooper Kupp; der vielseitige Kenneth Walker als alternative Anspielstation. Endlich spielt Darnold so, wie es ihm schon lange zugetraut wurde. „So ist das nun mal“, sagt der Seahawks-Quarterback. Es gilt das gleiche Motto wie bei seinem Rivalen Maye: locker bleiben.
Es ist diesmal gewiss nicht der Super Bowl der Schaumschläger und Sprücheklopfer. Weder tragen große Namen wie Brady oder Kansas-City-Chiefs-Spielmacher Patrick Mahomes ihre Individual-Rivalität aus; noch sitzt die Sängerin Taylor Swift auf der Tribüne, wie zuletzt zweimal wegen ihres Verlobten Travis Kelce, ebenfalls Kansas City. Vielleicht erhält dieses Finale durch den Halbzeitauftritt des puerto-ricanischen Popkünstlers Bad Bunny, der für vieles steht, was das weiße, konservative Trump-Amerika als Bedrohung empfindet, eine gesellschaftspolitische Dimension. Ansonsten ist dieses Endspiel ein Symbol für eine „new era“, wie Drake Maye sagt. Eine Ära ohne Brady, in der sich die Patriots aber trotzdem treu bleiben.

Die Patriots wählten Maye 2024 an dritter Stelle, weil er über viele Attribute verfügt, die einen großen Quarterback ausmachen: Er hat einen präzisen, kräftigen Wurfarm sowie eine außerordentliche Athletik, um heranstürmenden Verteidigern auszuweichen oder gar selbst zu laufen, ohne dass extra ein Laufspielzug erdacht und trainiert werden müsste. Und dazu kommen Übersicht und Gelassenheit, selbst in hektischsten Momenten möglichst häufig die richtige Entscheidung zu wählen. Die Defensiven der drei Playoff-Gegner der Patriots gehörten statistisch jeweils zu den Top fünf der Liga, die Houston Texans und Denver Broncos lagen gar auf Platz eins und zwei, doch Maye fand jeweils gute Lösungen gegen diese Teams. Gegen die Los Angeles Chargers war es ein Zucker-Zuspiel in die Endzone, gegen Denver ein kühler Kopf trotz fünf Ballverlusten, gegen Houston ein beherzter Lauf in die Endzone für den einzigen Touchdown seines Teams.
„Bei Manndeckung nimmt er dich mit Arm und Timing auseinander. In Zonenverteidigung mit Übersicht und Athletik“, berichtete Seahawks-Verteidiger DeMarcus Lawrence. Seine Analyse war ein Leckerbissen für Football-Nerds: „Wenn wir auf ihn losgehen, kann er ausweichen. Aber: Das ist Segen und Fluch für ihn. Wenn er Pass-Spielzüge für mehr Zeit zum Freilaufen für Kollegen verlängert, haben wir auch mehr Zeit, ihn umzureißen.“ Seine Hoffnung: „Wenn wir variabel und mit Finten arbeiten, weiß er vielleicht kurz nicht, ob er Arm oder Athletik braucht.“
Quarterback Maye gehört nicht zu den Spitzenverdienern in der NFL – das galt einst auch für Tom Brady
Aufgeblüht ist Maye bei den Patriots unter Mike Vrabel, der seit dieser Saison als Chefcoach fungiert. Als Patriots-Verteidiger hatte der gemeinsam mit Brady von 2001 bis 2004 drei Titel gewonnen, die Vertrautheit mit dem Patriots-Mantra („Do your job!“) sei einer der Gründe für die Zusage gewesen, sagt Vrabel. Die anderen beiden Gründe: Offensiv-Chef Josh McDaniels, mit dem er eng zusammenarbeitet. Und das große Potenzial von Maye. Per Tarifvertrag ist dessen Gehalt auf 8,3 Millionen Dollar maximiert; unter den Quarterbacks liegt Drake damit auf Platz 29 der Gehaltsliste, unter allen NFL-Profis auf Rang 228. Zum Vergleich: Mahomes’ Vertrag bei den Kansas City Chiefs wird 2026 mit 78,2 Millionen Dollar zu Buche schlagen. Da bleibt bei den Patriots mehr Geld übrig, das sie in Mitspieler investieren können. Damit ist die Franchise schon früher gut gefahren. Zur Erinnerung: Auch Brady war in keinem seiner 23 Profijahre Topverdiener unter den Quarterbacks.
Ursprünglich hatten die Patriots eine Einspiel-Saison geplant, jetzt sind sie selbst überrascht, dass es gar so schnell ging. Das liegt nicht nur an Maye, auch an den Laufspielern Rhamondre Stevenson und TreVeyon Henderson, die beim Super Bowl häufig gemeinsam auf dem Feld stehen dürften. Sie finden Lücken als Läufer, beide blocken Räume für den jeweils anderen frei – oder tun dies gemeinsam für Maye, damit der eine Anspielstation finden oder selbst laufen kann. Die Patriots gelten im Finale als knapper Außenseiter, und Tom Brady? Gibt sich betont kühl. Mittlerweile kommentiert er NFL-Partien als Experte; Live-Partner Kevin Burkhardt berichtet, dass Brady interessiert verfolge, wie Maye seine alten Rekorde stibitzt und bei Patriots-Heimspielen längst nicht mehr fast alle Fans Brady-Leibchen tragen.
Der siebenfache Champion selbst sagt, es sei ihm völlig egal, wer den Super Bowl gewinne – er selbst habe kein Eisen im Feuer. Deutlicher kann einer, der sich als „Patriot for Life“ bezeichnet, nicht ausdrücken: Jetzt mal langsam mit der neuen Ära.

