Super-Bowl-Gewinner Tom Brady All-American-Boy

Geherzt vom Chef: Tom Brady, r., und der Eigner der New England Patriots, Jonathan Kraft.

(Foto: REUTERS)

Strahlendes Lächeln, Ehemann von Gisele Bündchen, viermaliger Super-Bowl-Gewinner: Quarterback Tom Bradys Karriere bei den New England Patriots wirkt wie aus dem Bilderbuch. Dabei ist er ein Nerd, der vermutlich bald nicht mehr weiß, was er mit sich anfangen soll.

Von Jürgen Schmieder

Es war Anfang September 1999, als Tom Brady deprimiert über den Campus der University of Michigan schlich. Er hatte gerade erfahren, dass er sich die Position des Spiel- machers in der folgenden Saison mit Drew Hanson würde teilen müssen. In der Studentenzeitung wurden die Gründe genannt, warum Brady dauerhaft auf der Bank zu sitzen habe.

Der andere sei kräftiger, schneller und könne präziser werfen - besser also in jeder einzelnen Kategorie, in der statistisch die Qualitäten der Quarterbacks erfasst werden. Brady ging zu Greg Harden, dem Psychologen der sportlichen Fakultät. Er hatte keine Lust mehr, er hasste das alles, von einer Profikarriere war er in diesem Moment ungefähr so weit entfernt wie Michigan von seinem Heimatort in Kalifornien.

Nur in einer amerikanischen Kernsportart gab es noch keinen deutschen Sieger: beim Baseball

Mehr als 15 Jahre später steht Brady im Stadion der University of Phoenix, in der Hand hält er die Vince Lombardy Trophy. Zum vierten Mal hat er mit den New England Patriots das Endspiel der nordamerikanischen Football-Liga NFL nun schon gewonnen, zum dritten Mal wurde er zum wertvollsten Spieler der Super Bowl gewählt. Mit vier Titeln hat der den Quaterback-Rekord der Legenden Terry Bradshaw und Joe Montana egalisiert. Das ist keine so schlechte Karriere für einen, der niemals eine Karriere hätte haben sollen. Beim 28:24-Erfolg über die Seattle Seahawks gelangen Brady insgesamt 328 Yards Raumgewinn durch Pässe und vier Touchdowns - auch deshalb, weil er in Phoenix einen Leibwächter hatte, der ihn herausragend beschützte. Der hünenhafte Sebastian Vollmer, 30, aus Kaarst am Niederrhein ist nun der erste Deutsche, der die Super Bowl gewinnen konnte. Dirk Nowitzki war einer der ersten Twitter-Gratulanten ("wahnsinn, mein junge. Feiert schön!!!!!") - vor vier Jahren hatte sich der Würzburger mit den Dallas Mavericks den Basketball-Titel in Nordamerika geholt. Uwe Krupp (1996) und Dennis Seidenberg (2011) siegten in der Eishockey-Liga NHL - es gibt also nur noch eine ur-amerikanische Kernsportart, in der sich noch kein Germane behaupten konnte: Baseball.

Der Spielfilm von Phoenix war einer der spannendsten der Historie, denn Brady war der Regisseur eines erstaunlichen Comebacks: Nie zuvor hatte eine Mannschaft das Finale noch gewonnen, wenn sie vor Beginn des Schlussviertels mit zehn Punkten zurücklag (14:24). Allerdings hat sich Seattle auch selbst geschlagen, kurz vor Ende war die Chance da, den Ball aus kurzer Distanz mit drei Versuchen in die Endzone der Patriots zu transportieren. Seattle hat dafür den Spezialisten Marshawn Lynch, doch Trainer Pete Carroll entschied sich für einen überraschenden Passspielzug in der trügerischen Gewissheit, bei Misserfolg immer noch zwei Versuche übrig zu haben. "Das war vielleicht kein großartiger Gedanke", gab Carroll zu. Verteidiger Malcolm Butler fing den Pass 20 Sekunden vor dem Ende ab - und nach zehn Jahren war der Titel wieder beim Team aus Massachusetts gelandet.

"Gott sei Dank haben mich die Jungs da draußen gerettet", sagte Brady nach der Partie: "Ich habe 2008 und 2012 zwei Endspiele erlebt, in denen wir knapp gescheitert sind. Ich weiß genau, dass dich ein Fehler dein ganzes verdammtes Leben lang verfolgen kann." Brady hatte ja längst nicht alles richtig gemacht in diesem Finale, mehrfach waren seine Passversuche von der Seattle-Defensive abgefangen worden. Bei einer Niederlage hätte es womöglich wie schon zu Saisonbeginn geheißen, er sei mit nun 37 Jahren zu alt. Und überhaupt, die beste Zeit der Patriots sei eh vorbei. Nun aber war dieses Finaldrama ein Abbild der Saison der Patriots, aber es war noch viel mehr: Es war Bradys Laufbahn - in 60 Spielminuten.