Wer Summer McIntosh verstehen will, ihren Ehrgeiz, ihre Disziplin, diesen uramerikanischen Willen, sich zu messen und die Allerbeste zu sein, der sollte sich ihr Weltmeisterschaftsfinale über 200 Meter Schmetterling noch mal anschauen. McIntosh kam als Erste ins Ziel, sie hatte also ihre dritte Goldmedaille in Singapur abgeräumt. Doch als sie ihre Schwimmbrille abnahm, sich umdrehte und auf die Anzeigetafel blickte, sagte sie einfach nur: „Fuck.“
Jeder laienhafte Lippenleser konnte die Worte entziffern. McIntosh drehte sich dann zur Seite, schwamm zur Begrenzungsleine, sagte noch mal: „Fuck.“ Rollte genervt die Augen. Dann schlug sie die Hände über dem Gesicht zusammen. Familientauglich war das nicht. Eher: purer Ärger.
Andere freuen sich über WM-Gold. McIntosh? Die neue Weltmeisterin, die in 2:01,99 Minuten die bislang zweitbeste Zeit überhaupt auf dieser Strecke geschwommen ist, schimpfte wie ein Rohrspatz. Der Grund? Sie hatte den 16 Jahre alten Weltrekord der Chinesin Liu Zige um ganze 18 Hundertstelsekunden verpasst. Es ist eine jener Bestmarken, von denen Experten dachten, dass sie kaum noch zu unterbieten sind. 30 000 Dollar hätte sie für den neuen Weltrekord bekommen. Das ist die Prämie, die der Schwimmweltverband ausgelobt hat.
„Als wir heute Abend antraten, war es das große Ziel von meinem Trainer und mir, diesen Weltrekord zu brechen“, sagte McIntosh später. „Dafür habe ich trainiert. Zu sehen, dass ich ihn nur knapp verpasst habe, und zu wissen, dass ich die letzten 15 Meter meines Rennens vermasselt habe … – ich habe mein Ziel nicht erreicht.“ Ihre Ambitionen hat McIntosh damit ziemlich deutlich umrissen.
Am Samstag trifft Summer McIntosh in Singapur auf ihr Kinderzimmer-Idol Katie Ledecky
Die Kanadierin, das darf man nicht vergessen, ist noch ein Teenager, am 18. August wird sie 19 Jahre alt. Zugleich hat sie in Singapur am Donnerstag ihren bereits dritten WM-Titel gewonnen. Womöglich ist es nicht ihr letzter. Über die 800 Meter Freistil, die sie erstmals auf ganz großer Bühne bestreitet, trifft sie am Samstag auf ihr Kinderzimmer-Posteridol, die US-Amerikanerin Katie Ledecky, 28, die inzwischen zweiterfolgreichste Olympiasportlerin nach der russischen Turnerin Larissa Latynina.
Bei den Sommerspielen vor einem Jahr in Paris ist nun auch McIntoshs Stern aufgegangen, dreimal gewann sie Gold, über 200 Meter Schmetterling, 200 Meter Lagen und 400 Meter Lagen. Mit 17. Drei Titel, das hatte zuvor noch keine Kanadierin bei ein und denselben Olympischen Spielen geschafft. Bei der Schlussfeier in Paris trug McIntosh gemeinsam mit dem Hammerwurf-Olympiasieger Ethan Katzberg die kanadische Fahne, Premierminister Justin Trudeau nannte sie „einen Superstar mit 18 Jahren und immer noch in der Aufwärmphase“.
In ihrer Aufwärmphase hat McIntosh nun schon sieben WM-Titel angehäuft. Im Jahr vor Paris unterbot sie innerhalb von fünf Tagen die Weltrekorde über 400 Meter Lagen und 400 Meter Freistil. Vor eineinhalb Monaten brach sie, wieder binnen fünf Tagen, bei den kanadischen Trials in British Columbia sogar drei Weltrekorde, neben den genannten Strecken auch jenen über 200 Meter Lagen. Nur an der Bestmarke über 200 Meter Schmetterling, ihrem Lieblingsrennen, verzweifelt sie.
Als Michael Phelps sie anrief, war sie „total geschockt“ – er ist eines ihrer Idole, nach dem sie sogar ihre Katze benannt hat
Am Tag nach den Trials, erzählte McIntosh in einer Presserunde kurz vor dem WM-Start, habe Michael Phelps plötzlich bei ihr angerufen, ihr zweites Vorbild. Nie hatte sie mit Phelps, dem 23-maligen Olympiasieger und erfolgreichsten Sportler dieses Planeten, gesprochen. „Ich war total geschockt. Aber er war so bodenständig und so nett. Er war gerade mit seinem Sohn beim Golfen und gratulierte mir. Es war wirklich cool, mit meinem Kindheitsidol zu sprechen. Er ist natürlich immer noch mein Idol.“

Phelps schrieb nach McIntoshs Wutausbruch am Donnerstagabend in einem Instagram-Kommentar mit Smiley: „Krankes Rennen. Ihre Reaktion hat mir sehr gefallen. Hat mich das an irgendjemanden erinnert?“ Natürlich meinte sich Phelps damit selbst.
McIntosh, die inzwischen fünf eintätowierte olympische Ringe im Nacken trägt, wurde in eine im Sport verwurzelte Familie hineingeboren. Mutter Jill, ihre Managerin, war Neunte über 200 Meter Schmetterling bei den Spielen 1984 in Los Angeles, Summers Schwester Brooke ist eine hervorragende Eiskunstläuferin. Summer selbst probierte Reiten aus, Fußball, Turnen, Eiskunstlauf – und entschied sich als Achtjährige doch fürs Schwimmen. „Ich war in allem konkurrenzfähig, sogar bei Brett- und Kartenspielen“, sagte sie einst dem Monatsmagazin Toronto Life.
Als Elfjährige nahm sie an ihren ersten internationalen Wettkämpfen teil. 2020, als sie 13 war, starb ihr Heimtrainer Kevin Thorbum, und ihr Vater bekam eine Krebsdiagnose. Es war die bislang härteste Zeit für McIntosh, die ein Jahr später in Tokio erstmals an Olympischen Spielen teilnahm – und Vierte wurde. Ihr Vater hat den Krebs besiegt, die Familie ist nun bei den Titelkämpfen in Singapur dabei und jubelt auf der Tribüne.

Im Oktober 2022 zog McIntosh nach Florida, wo sie bei den Sarasota Sharks unter Coach Brent Arckey übte, ihre Familie mietete dort eine Wohnung an. Und immer, wenn sie nach Hause zurückkommt, wird sie von der Familienkatze begrüßt, wie McIntosh dem kanadischen Sender CBC einmal erzählte. Mikey heißt sie, nach Michael Phelps.
Summer McIntosh wird nun aber zu neuen Ufern aufbrechen, immer auf der Suche nach dem letzten Optimum. Vor der WM war sie mehrere Wochen lang in Südfrankreich, trainierte in den Pyrenäen und in Antibes unter dem französischen Coach Fred Vergnoux. „Er ist ein großartiger Trainer und hat mich auf die nächste Stufe gebracht“, sagte sie vor der WM: „Und all die Yachten hinter mir, die Kultur, es ist wunderschön hier, trotz der Sprachbarriere.“
Nach der WM wird sie aus Florida wegziehen nach Austin, Texas, zu Bob Bowman
Nach den Weltmeisterschaften wird sie aus Florida wegziehen nach Austin, Texas. Dort wird sie dann unter der Anleitung jenes Trainers schwimmen, der einst Michael Phelps zeigte, wie man 23 Mal Olympiasieger wird: Bob Bowman.
Alles ist auf Los Angeles 2028 ausgerichtet, fünf Goldmedaillen sind McIntoshs Ziel. Das mag etwas größenwahnsinnig klingen, für sie ist es aber nur folgerichtig. Das amerikanische Selbst- und Sendungsbewusstsein verkörpert Summer McInstosh eben auch wie kaum eine Zweite. 2022, bei der WM in Budapest, trug sie noch eine Zahnspange. Inzwischen sagt sie: „Ich weiß, was ich tun muss, wie ich all die Erwartungen und Emotionen meistere, wie ich meinen Zeitplan gestalte, mit den Medien umgehe. Das lässt mich als Schwimmerin und als Mensch wirklich wachsen.“
Drei Jahre sind es noch bis L.A., im Schwimmstadion, der Arena der NFL-Klubs Rams und Chargers werden dann bis zu 38 000 Zuschauer den Kampf um Olympiagold verfolgen – so viele wie nie zuvor in einem olympischen Schwimmwettkampf. Sie sei „super pumped“, total aufgeregt, wenn sie daran denke, sagt Summer MacIntosh.
Es könnte ein Ort werden, an dem Idole geboren werden.


