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Suche nach neuem DFB-Präsidenten:Schnelle Wahl nach "Schlag ins Gesicht"

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Im Oktober 2012 will Theo Zwanziger sein Amt als DFB-Präsident aufgeben. Dass er diese selbstgesteckte Wegmarke noch erreicht, gilt inzwischen als unwahrscheinlich. Zwanziger soll zügig abgelöst werden - voraussichtlich von Wolfgang Niersbach oder Erwin Staudt.

Die Zeit drängt. Am Mittwochvormittag wird sich das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit den Vertretern der Regional- und Landesverbände treffen. Dann soll es mehr Klarheit geben in der wichtigen sportpolitischen Frage: Wer hat künftig das Sagen im mit 6,8 Millionen Mitgliedern größten Sportfachverband der Welt?

Aufgeworfen hat die am Freitagabend, quasi en passant, der noch amtierende Präsident Theo Zwanziger, 66, als er auf der Jahresabschlussfeier des Verbandes ankündigte: Im Oktober 2012 will er das Amt, in das er bis 2013 gewählt ist, aufgeben. Dass Zwanziger die selbst gesteckte Wegmarke aber tatsächlich noch erreicht, gilt inzwischen als unwahrscheinlich.

Im Juni kommenden Jahres steht für die Nationalmannschaft die EM in Polen und der Ukraine an; eine offene Führungsfrage käme da gar nicht gelegen. Auch die heftigen Reaktionen, die Zwanzigers überraschende Ankündigung auslöste, legen den Schluss nahe: Seine Ablöse könnte weit früher erfolgen. So kann Hans-Ludwig Meyer, der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Fußball- Verbandes, Zwanzigers Vorgehen "nicht nachvollziehen" und spricht von einem "Schlag ins Gesicht - auch für uns in den Landesverbänden".

Rolf Hocke, Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes und DFB-Vizepräsident für Rechts- und Satzungsfragen, kritisierte die Umstände, unter denen Zwanziger sich offenbarte: "Wir hatten ein, zwei Stunden vorher eine lange Präsidiumssitzung, das wäre der passendere Rahmen gewesen." Die Bereitschaft, dem Scheidenden seinen Abschieds-Wunsch zu erfüllen, dürfte entsprechend niedrig sein.

Zwanziger hatte am Wochenende Erwin Staudt, 63, als Nachfolger ins Gespräch gebracht. "Ich bin keiner fürs Hinterzimmer, sondern einer für das Schaufenster", hat der einmal über sich gesagt. Die Aussicht, den deutschen Fußball repräsentieren zu dürfen, gefällt ihm entsprechend. "Das ist eine der schönsten Aufgaben, die es in Deutschland gibt. Ich traue mir das zu", sagt Staudt.

Geübt hat er das Führen schon; als IBM-Chef, als Präsident des VfB Stuttgart (von 2003 bis 2011) und als Spitzenmann seines Heimatklubs, des TSV Eltingen. Ohne Widerstände wird er trotzdem nicht an die DFB-Spitze rücken, aus dem bestehenden Stab dürfte ihm Wolfgang Niersbach entgegenstehen.

Der 61-Jährige hat beim DFB noch bis 2016 einen Vertrag als Generalsekretär, aber es gibt mächtige Fürsprecher, die sich für einen Wechsel ins etwas schlechter bezahlte Ehrenamt aussprechen: "Wolfgang Niersbach hat die besten Chancen - er kennt sich bestens aus", sagt Franz Beckenbauer.

Bei dem Treffen am Mittwoch, glaubt DFB-Vizepräsident Hans-Dieter Drewitz, "kommt es in erster Linie darauf an, was Wolfgang Niersbach will. Er muss sich erklären." Dass er dies bislang - auch auf Nach- frage - nicht getan hat, legt den Schluss nahe, dass er den Wechsel zumindest erwägt. Und womöglich taktiert.

Strafanzeige gegen Zwanziger

Am Sonntag soll es in Frankfurt bereits ein wegweisendes Treffen gegeben haben: Zwanziger, Niersbach und Staudt sollen sich ausgetauscht haben. In der 111 Jahre umfassenden DFB- Geschichte gab es bisher zehn Präsidenten; alle kamen aus dem Ehrenamt. Vor diesem Hintergrund erscheint auch ein Zweckbündnis an der Verbandsspitze denkbar.

Neu wäre das nicht. Von Oktober 2004 bis September 2006 gab es schon einmal eine Doppelspitze: Gerhard Mayer-Vorfelder war der Präsident, Theo Zwanziger geschäftsführender Präsident. Anschließend führte er alleine weiter.

Gewählt wird der Präsident auf einem DFB-Bundestag. Bei der Wahl haben die Vertreter des Amateursports ein deutliches Übergewicht, sie kommen auf 172 Stimmen. Die Vertreter des Profifußballs verfügen zusammen über 74. Der nächste turnusgemäße Bundestag stünde erst 2013 an. Dass nun ein außerordentlicher vorgezogen wird, liegt nahe. Im Frühjahr 2012 könnte es so weit sein.

Nicht als DFB-Präsident kandidieren wird Reinhard Rauball, der Chef der Deutschen Fußball-Liga. Nach einer Mitgliederversammlung der 36 Profi-Klubs an diesem Montag in Frankfurt sagte der 64-Jährige: "Ich weiß es zu schätzen, dass mich der eine oder andere ins Gespräch gebracht hat. Für mich gibt und gab es keinerlei Überlegungen in die Richtung."

Auch Uli Hoeneß winkte am gleichen Tag entschlossen ab: "Meine Position ist Präsident des FC Bayern. Da habe ich so viele Aufgaben, da verschwende ich keinen Gedanken, nach Frankfurt zu gehen." Der FC Bayern beteilige sich nicht an der Diskussion. "Von uns", so Hoeneß, "kommt sicher keiner infrage."

Theo Zwanziger, der bis 2013 in der Exekutive der europäischen Fußball-Union wirken will und bis 2015 als Exekutivmitglied des Fußball-Weltverbandes gewählt ist, hatte seinen Rückzug als DFB-Präsident damit begründet, dass er national keine Herausforderung mehr sehe. Doch es dürfte auch noch andere Gründe geben. Am Montag bestätigte die Staatsanwaltschaft Frankfurt, dass am 23. November eine Strafanzeige gegen Zwanziger eingegangen sei.

Gestellt hat sie der einstige Schiedsrichter Manfred Amerell, der dem DFB vorwirft, er habe "mehrere Personen" in dem Rechtsstreit bezahlt, den er mit dem Schiedsrichter Michael Kempter führt.

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SZ vom 06.12.2011/ebc
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