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VfB Stuttgart:Der wahre Silas

VfB Stuttgart: Silas Katompa Mvumpa (vormals Wamangituka) gegen Union Berlin

Will seine wahre Geschichte erzählen: Stuttgarts Stürmer Silas Katompa Mvumpa.

(Foto: Thomas Kienzle/Reuters)

Der Stürmer des VfB Stuttgart, bislang bekannt als Silas Wamangituka, heißt in Wahrheit Silas Katompa Mvumpa. Seine Geschichte gibt einen Einblick in die dunklen Ecken des Fußballgeschäfts.

Von Felix Haselsteiner

Die Geschichte, die Sven Mislintat am Dienstagmittag über seinen Spieler Silas Katompa Mvumpa erzählt, geht ihm sichtlich nahe. Es ist kein normaler Tag für den Sportdirektor des VfB Stuttgart, es ist aber erst recht kein normaler Tag im Leben des jungen Kongolesen Katompa Mvumpa. Der Junge habe, so Mislintat, "viel Respekt" vor der Reaktion in den sozialen Medien gehabt, wenn bekannt wird, dass die Identität, unter der der Stürmer des VfB Stuttgart der Fußballöffentlichkeit bislang bekannt war, nicht seine wahre ist. Dass Wamangituka nur ein Name war, nicht aber sein echter. Den Mut, seine wahre Geschichte in der Öffentlichkeit zu erzählen, habe der 22-Jährige dennoch gefunden.

Die Pressekonferenz mit Mislintat und dem Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger, die der VfB Stuttgart am Dienstag einberufen hat, gibt einen Einblick in das Leben eines jungen, afrikanischen Fußballspielers, der auf dem Weg in die Bundesliga offenbar die dunklen Schattenseiten des Geschäfts kennenlernen musste. "Silas ist unserer Auffassung nach ganz klar ein Opfer", sagt Mislintat. Es handle sich hierbei um eine moderne Form von - er verwendet dieses Wort bewusst - "Sklavenhandel". Dann schildert er Katompa Mvumpas Karriereverlauf so, wie der Spieler es vor einigen Wochen dem Verein gegenüber getan hat.

Mit 18 geriet Silas in die Fänge eines Vermittlers

Im Alter von 18 Jahren wurde der Kongolese, geboren in Kinshasa, zu einem Probetraining des RSC Anderlecht nach Belgien eingeladen und erhielt dafür ein Visum. Er überzeugte im Training, der belgische Verein war an einer Verpflichtung interessiert, schlug allerdings vor, dass der Spieler noch einmal nach Kongo reisen sollte, um dann mit einem neuen Visum zurückzukehren.

Offenbar wurde er in diesem Zeitraum von einem sogenannten "Läufer" angesprochen, der sich dem jungen, unsicheren Spieler gegenüber als freundschaftlicher Kontakt ausgab und ihn davor warnte, nach Kongo zurückzukehren: Er werde vielleicht nie wieder nach Europa einreisen können, der Traum, als Fußballer in Europa zu spielen und so die Familie zu ernähren, würde sich so nie erfüllen.

Katompa Mvumpa blieb in Europa und kam über den Läufer bei einem Vermittler in Paris unter, der ihm neue Ausweispapiere unter dem Namen Wamangituka verschaffte - und ihn so in ein Abhängigkeitsverhältnis brachte. Der junge Stürmer musste mit dem psychologischen Druck leben, dass seine Identität von einem Vermittler abhing. Zusätzlich fungierte dieser "Berater" auch als sein Verwalter, kassierte die Gehälter ein und gab nur einen Teil davon an den Spieler weiter.

Mislintat hofft, dass weitere Spieler ihre Geschichten erzählen

Erst mit dem Wechsel nach Stuttgart 2019 habe sich die Situation verändert, berichtet Mislintat. Die räumliche Distanz zum Vermittler und die guten Kontakte zu Mitspielern und zum Management des VfB hätten dazu geführt, dass Katompa Mvumpa sich klar wurde, was mit ihm passiert war. Im Mai legte er dem Verein nun seine Geschichte offen, die der VfB anhand von Ausweisdokumenten nachprüfen konnte und nun an die Öffentlichkeit weitertrug. Katompa Mvumpa ist nach VfB-Angaben genau ein Jahr älter als ursprünglich angenommen, schon 22 und nicht erst 21 Jahre.

Bereits im vergangenen Jahr hatte es aufgrund von Recherchen der französischen Zeitschrift L'Equipe Zweifel an der Echtheit der Dokumente gegeben. Nach eingehender Prüfung habe damals allerdings weder der Verein noch die DFL Widrigkeiten feststellen können, sagte Hitzlsperger. Erst der Mut des jungen Spielers habe nun zur Aufklärung geführt. Zu eventuellen Konsequenzen seitens der Fußballverbände oder der Ausländerbehörde wolle man sich zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht äußern, es handle sich um laufende Prozesse, teilte der VfB mit. Der DFB-Kontrollausschuss erklärte, er werde die Angelegenheit im Hinblick auf ein mögliches sportstrafrechtliches Fehlverhalten prüfen.

Mislintat erhofft sich - genauso wie Katompa Mvumpa - eine Veränderung der Situation. "Wenn wir dazu beitragen, dass Jungs ihre Geschichten erzählen, haben wir etwas erreicht", sagt der Sportdirektor. Es handle sich wohl leider um keinen Einzelfall, aber auf jeden Fall um eine für Mislintat "völlig neue Dimension". Katompa Mvumpa hätte wohl den Rest seiner Karriere als Silas Wamangituka weiterspielen und weiterleben können, so scheinbar wasserdicht waren die Dokumente. Er habe allerdings mit seiner Entscheidung, proaktiv auf den Verein und die Öffentlichkeit zuzugehen, Mut gemacht. Nur so, sagte Mislintat, könne man in Zukunft derlei "Machenschaften aufdecken und Geschäftsmodelle verhindern".

© SZ/cch/lein
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