Stuttgart gegen HoffenheimDuell der Aspiranten

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Knapp war es: Daniel Siebert erklärt Deniz Undav, dass seine Schulter etwas zu nahe am Tor war. Sein später Treffer zum 1:0 zählte nicht.
Knapp war es: Daniel Siebert erklärt Deniz Undav, dass seine Schulter etwas zu nahe am Tor war. Sein später Treffer zum 1:0 zählte nicht. (Foto: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Das umkämpfte 0:0 zwischen dem VfB Stuttgart und der TSG Hoffenheim lenkt den Blick auf die Tabellenregion hinter der Spitze, die sich gerade neu zu formieren beginnt.

Von Christof Kneer

Beim VfB Stuttgart könnten sie jetzt eine Kernspinröhre konsultieren, aber das Problem von Deniz Undavs Schulter würde sich auch dort nicht darstellen lassen. Das Problem steckt offenkundig nicht in Undavs Schulter, die Schulter selbst ist das Problem. Vor einer Woche war sie schon im Weg, als sie in Bremen eine Abseitsstellung auslöste, die lediglich die halb automatische Technologie erkannte. Hin und her wurden die Screenshots gereicht, wo soll da denn das Abseits sein, später kursierte gar die verschwörerisch angehauchte Theorie, die kalibrierten Linien hätten sich auf den falschen Bremer Verteidiger konzentriert. Das Thema war groß, aber auch ein bisschen lustig, weil der VfB das Spiel trotz Undavs Seuchenschulter mit 4:0 gewann.

An diesem Wochenende nun, beim Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim, war Undavs Schulter auch im übertragenen Sinne im Weg. Was wäre das für ein Jahresschluss gewesen für den VfB Stuttgart, der im Mai den DFB-Pokal gewann und auf seinem Weg vom Abstiegskandidaten zum Europacup-Anwärter ein weiteres Stück vorangekommen zu sein scheint. In der Nachspielzeit flog also Chris Führichs Freistoßflanke mitten hinein in eine riesige Menschenmenge, und in dieser Menge traf der Ball auf einen Kontakt, der ihn ins Tor lenkte. Zu hören war, wie das Stadion ausflippte, 1:0 in der Nachspielzeit, der VfB auf Platz 4! Und zu sehen war, wie Deniz Undav jubelte, natürlich war er der Kontakt gewesen, der den Ball ins Tor lenkte. Das nächste Bild zeigte ihn aber schon zweifelnd, der Spiel- und Spaßverderber an der Seitenlinie hatte die Fahne gehoben, und die ebenfalls mit keinem Sinn für Dramaturgie ausgestattete Halbautomatik lieferte dann ein weiteres Bild nach. Abseits, hauchdünn, wie man in der Fachsprache sagt. Und natürlich: die Schulter.

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Der VfB und das Abseits, das ist eine kuriose Geschichte, seit Mario Gomez vor Jahren mal ein paar (hauchdünne) Abseitstore hintereinander erzielte. An diesen Grad der Verrücktheit kommt die aktuelle Geschichte nicht heran, obwohl dem VfB schon vor zwei Wochen ein Kopfballtor wegen Abseits storniert wurde, erzielt von Nikolas Nartey gegen den FC Bayern (Undav unschuldig!). Dennoch darf man die Millimeter, die regulär von nicht regulär unterscheiden, als stellvertretend betrachten für jene Tabellenregion, in der es sich der VfB gerade bequem zu machen beginnt. Wobei er in dieser schönen Komfortzone jetzt ein bisschen zur Seite rutschen muss, es wird gerade etwas enger. Hoffenheim will da auch hin – und zwar mit allen oder zumindest vielen Mitteln, wie in Stuttgart zu besichtigen war.

Unter dem Trainer Christian Ilzer hat sich die TSG eine Spielweise angewöhnt, die den Modeterminus „intensiv“ mit wuchtigen Bildern füllt. Sprints folgen auf Ballgewinne und scharfe Pässe, und dazu werden die Körper auf eine Art genutzt, in der regulär von nicht regulär manchmal schwer zu unterscheiden ist. So trat der Angreifer Tim Lemperle diesmal nur in zweiter Linie als Fußballer auf; in erster Linie war er als Wrestler, Ringer und Rempler tätig. Dürfte die Technologie nicht nur bei Abseitsschultern, sondern auch bei Zweikämpfen eingreifen, hätte sie Lemperle vermutlich ebenso zweieinhalb gelbe Karten zugewiesen wie dem Verteidiger Albian Hajdari, den Ilzer vorsichtshalber auswechselte.

Die Tabellenregion hinter den vier deutschen Spitzenteams formiert sich neu

Ein 0:0 klingt nach keiner großen Geschichte, aber am Ende eines Jahres darf man so einem Duell durchaus eine Erkenntnis zur Architektur der Liga entnehmen. Hinter dem FC Bayern und den Dauerbegleitern aus Dortmund, Leverkusen und Leipzig beginnt sich ein Verfolgerfeld zu formieren, das sich in Bewegung befindet und doch schon Stabilität ausstrahlt. Vor zwei Jahren schaffte es der VfB Stuttgart als die Überraschungsmannschaft in die Champions League, in der vorigen Saison schaffte das Eintracht Frankfurt, und nun unternehmen die selbstbewussten Hoffenheimer einen ernst gemeinten Versuch. Und anders als zuletzt Union Berlin haben Stuttgart und Frankfurt offenbar keine Lust, als Eintagsflieger zu gelten. Sie sind gewillt, das Potenzial des internationalen Fußballs zur Anhäufung von Geld und Gold sowie zum Erwerb interessanter Spieler zu nutzen; im sicheren Wissen, dass sie sich nach ebenso unvermeidlichen Spielerverkäufen auch mal wieder schütteln und sortieren müssen.

„Wir haben eine gute Entwicklung genommen und möchten den eingeschlagenen Weg fortsetzen“, sagte TSG-Trainer Ilzer später. Das klingt nicht gut für Bremen, Mönchengladbach, Wolfsburg und all die anderen, die grundsätzlich auch nichts dagegen hätten, mal wieder in Europa unter Flutlicht zu spielen. Wer in die Gruppe unterhalb von Bayern, Dortmund, Leverkusen und Leipzig vorstoßen will, weiß inzwischen, dass er es besser machen muss als Stuttgart, Frankfurt und Hoffenheim.

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