Österreichs Meister Sturm Graz:Kopie schlägt Original

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Mika Biereth stemmt die Meisterschale in die Höhe. (Foto: Hans Oberlaender/Gepa/Imago)

Nach zehn Jahren hat Österreich wieder einen neuen Fußballmeister: Sturm Graz beendet die Salzburger Regentschaft auch deshalb, weil die Entscheider erkannt haben, dass man die Methoden des Branchenführers nachahmen muss.

Von Felix Haselsteiner

Der berühmte Grazer Dreijahresplan endet nun also nach vier Jahren. Zwölf Monate mehr, als im Sommer 2020 einmal geplant waren, hat es letztendlich gedauert, bis in der Steiermark ein beachtliches Kapitel österreichischer Fußballgeschichte wahr geworden ist, dessen Folgen man am Montag in aller Bild- und Tongewalt ansehen konnte. Auf dem Grazer Hauptplatz fanden sich knapp 15 000 Begeisterte ein, zu einem sehr österreichischen Spektakel: Oben auf dem Balkon klebte sich Stürmer Mika Biereth als Reminiszenz an die Meistermannschaften der 1990er-Jahre einen Schnurrbart ins Gesicht, Österreichs Sportminister Werner Kogler rief im hellen Anzug ein neues "magisches Dreieck" aus - und den Soundtrack dazu lieferte die Steirer Schlagerband White Stars, die schon seit 1963 über die Bühnen des Landes tourt.

Auf diesem schmalen Grat zwischen Kult und Klamauk tanzten die Steirer entlang, so selbstsicher wie sie die Saison über schon zum Double aus Meisterschaft und Pokal spaziert waren. Weite Teile des Landes hatten sie am Ende von sich überzeugt, als sich herauskristallisierte, dass Sturm Graz reif war, eine Serie zu beenden: als Thronfolger der übermächtigen Salzburger, die nach zehn Meisterschaften nacheinander die Schale wieder abgeben mussten.

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Geschworen hatten sich Mannschaft und Trainer das schon am Saisonanfang. Bei einer Wanderung auf die Teichalm, ein Bergmassiv 30 Kilometer von Graz entfernt, habe man sich damals intern zum Ziel Meisterschaft bekannt, verriet kürzlich Trainer Christian Ilzer, der vielleicht wichtigste Teil des Koglerschen magischen Dreiecks.

Beispiel für die Talente-Ausbildung ist Rasmus Höjlund, der jetzt bei Manchester United spielt

An Ilzer, dem muskelbepackten, tätowierten, durchaus untypischen Trainer, lässt sich vieles über die Grazer Meistermannschaft erzählen, die er in vier Jahren geformt hat. Als er 2020 in der Steiermark anfing nach einer enttäuschenden Station bei Austria Wien und einigen Erfolgen mit kleineren Vereinen, gab Ilzer gemeinsam mit Sportdirektor Andreas Schicker einen neuen Kurs aus: Man wollte innerhalb von drei Jahren, aus denen vier wurden, die übermächtigen Salzburger in die Knie zwingen - nur musste man sie dafür kopieren.

Ironischerweise ist diese Grazer Meisterschaft auch als eine Art endgültiges Eingeständnis an den größten Konkurrenten zu verstehen: Es ist die Leistung von RB Salzburg und seiner langjährigen, zukunftsgewandten Gestalter wie Christoph Freund, dass heute in Österreich mehrere Vereine moderner und effizienter denken. Allen voran die Grazer. Trainer Ilzer und Sportdirektor Schicker - gemeinsam mit Präsident Christian Jauk - machten sich die internationale Talente-Ausbildung zu eigen, die Jahr für Jahr zu Transferüberschüssen führte. Das beste Beispiel ist die steirische Version von Erling Haaland, die inzwischen in derselben Stadt spielt wie der Norweger, allerdings bei Manchester United: Rasmus Höjlund verbrachte einst ein Jahr in Graz, er kam 2021 für knapp zwei Millionen aus Kopenhagen und wechselte zwölf Monate später für 20 Millionen zu Atalanta Bergamo.

Konfetti: Zuletzt war Sturm Graz 2011 Meister in Österreich. (Foto: Hans Oberlaender/Gepa/Imago)

Dank solcher Scouting- und Transfererfolge - teilweise wurden Spieler sogar direkt aus der Salzburger Fußballschule heraus abgeworben - holte Sturm Graz schrittweise den großen Rückstand auf den Branchenprimus auf und schloss die Lücke, die die Wiener Vereine Austria und Rapid seit Jahren nicht mehr besetzen können. Während man dort noch im alten Jahrzehnt festhängt, sich von früheren Legenden leiten lässt und meint, gestandene Spieler einkaufen zu müssen, sind die Underdogs aus Graz vorbeigezogen mit ihrer ungewöhnlichen Geschichte: Ilzer hatte einst nur unterklassig gespielt und sich so oft das Kreuzband gerissen, bis er nur noch Trainer werden konnte. Schicker kannte man in Österreich jahrelang vor allem deshalb, weil ihm 2014 bei einem Unfall ein Böller in der Hand explodierte, diese amputiert werden musste und er seine Karriere mit einer Prothese fortsetzte.

Dass diese Geschichten nun damit endeten, dass bei der Meisterfeier auch die Champions-League-Hymne eingespielt wurde, ist ein emotionaler wie finanzieller Gewinn: Über 18 Millionen Euro erhalten die Grazer aus dem internationalen Geldtopf sicher, das dürfte den Status als erster Konkurrent von Salzburg auf die kommenden Jahre erst einmal absichern.

Salzburg wappnet sich für die Revanche

Wäre da nicht die Gefahr, über die man bei RB seit dem vergangenen Sommer auch viel erzählen kann. Damals verlor Salzburg in Freund und Matthias Jaissle innerhalb von wenigen Monaten Manager und Trainer - das hinterließ selbst an einem Standort Spuren, zu dessen Geschäftsmodell es zählt, sich selbst und den eigenen Kader jedes Jahr neu zu erfinden. Für frische Impulse soll von Juli an Pepijn Lijnders sorgen, langjähriger Co-Trainer von Jürgen Klopp beim FC Liverpool. Salzburg wappnet sich für die Revanche und wird derweil in Ruhe abwarten, wie die Grazer einen Umbruch verhindern.

Ilzer und Schicker sind als Funktionäre umworben, dasselbe gilt für Spieler wie den gerade zum besten Akteur der Saison gekürten Georgier Otar Kiteishvili oder Innenverteidiger David Affengruber. Die Risiken und Nebenwirkungen des Erfolgs haben sich auch bis nach Graz herumgesprochen, wo wie in Salzburg gilt, dass weder die Champions-League-Hymne noch die Schlager-Hits der White Stars die unzähligen Anfragen übertönen können.

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