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Straubing Tigers:Tabellenführer für eine Stunde

Straubing Tigers - EHC Red Bull München

Einer, der weiß, wie man als Kleiner die Großen erfolgreich ärgert: Straubings Trainer Tom Pokel liebt das schnelle, harte Eishockey.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Die Straubing Tigers spielen eine überraschende Saison - obwohl der Etat nicht einmal die Hälfte der potentesten Konkurrenten beträgt.

"Tor, Tor, Tor", schrie der vor 30 Jahren verstorbene österreichische Fußballkommentator Edi Finger aus den Lautsprechern im Straubinger Eisstadion am Pulverturm: "I wer narrisch". Und mit ihm wurde das schlagartig ein ganzes Stadion am Dienstag - Jubel brach aus. Die legendäre Finger-Sequenz vom legendären Sieg der Österreicher gegen die deutschen Fußballer bei der Weltmeisterschaft 1978 in Córdoba spielen die Straubing Tigers nämlich stets ein, bevor die Tormusik erschallt.

Die 5730 Fans in ausverkaufter Halle erlebten jenen Augenblick, den sie seit Tagen ersehnt hatten. Es war 20.50 Uhr, Tigers-Kapitän Sandro Schönberger hatte das 1:0 im Derby gegen den EHC München erzielt. Es war der Augenblick, in dem die Niederbayern die Cracks aus der Landeshauptstadt an der Tabellenspitze ablösten.

Die Straubinger wirbeln in dieser Saison mit überraschender Konstanz durch die Liga. Lange dominierten sie auch am Dienstag die Partie mit viel Scheibenbesitz; München brachte in den ersten zwei Dritteln nur fünf Torschüsse zusammen - Fredrik Eriksson konnte sogar auf 2:0 erhöhen. Mit Applaus zog der Interimstabellenführer in die letzte Drittelpause. Da schmeckte die Leberkässemmel, deren Duft einen im Straubing schon am Stadioneingang empfängt, noch viel besser. Auch wenn die Tigers später noch das 2:2 kassierten - und am Ende das Spiel (2:3 nach Verlängerung) und Platz eins wieder verloren war: Der Abend wurde zum eindrucksvollen Beleg für den Wandel zum Besseren.

Die Straubinger spielen ihre 14. Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), doch so weit oben mischten sie niemals zuvor auf Dauer mit. Vor zwei Monaten bezwangen sie München sogar 5:1, mehr als zwei Spiele in Serie haben die Tigers bislang nicht verloren. "Wir werden jedes Jahr besser", sagt der sportliche Leiter Jason Dunham. Auf den zehnten Platz, wo sich die Tiger eigentlich einordnen, haben sie heute mehr als 20 Punkte Vorsprung.

In Straubing hat sich vieles gefestigt. Das Eisstadion am Pulverturm, das beim Aufstieg noch an einer Seite offen und mit deutlich weniger Sitzplätzen ausgestattet war, ist eine Erstliga-Arena mit Charme. Und auf dem Eis steht ein Team, das bereits in der Vorsaison die beste Hauptrunde der Klubhistorie absolvierte. Im Gegensatz zu den Jahren zuvor hielt Dunham seinen Kader zusammen, auch weil der Klub einen stabilen Gesamtetat von sechs Millionen Euro zur Verfügung hat, für Straubing ist das viel Geld. Wenngleich es nicht einmal die Hälfte des Budgets der großen Konkurrenten ist, blieb zum Beispiel der stärkste Torjäger Jerry Williams, der seit 2016 angestellt ist. Und der seit 2015 in Straubing aktive Vorlagen-Experte Mike Connolly ist schon wieder der beste Scorer im Team.

Dunham hatte Glück, als er 2017 in Tom Pokel den idealen Trainer fand für das Team aus der kleinsten DEL-Stadt (47 000 Einwohner), in der Eishockey die Sportart Nummer eins ist. Das zeigte sich am Dienstag, als der Straubinger Großparkplatz am Hagen zugeparkt war. Im Sommer findet dort das Gäubodenfest statt, das nach der Münchner Wiesn zweitgrößte Volksfest im Freistaat. Statt in Dirndl und Lederhose ziehen die Straubinger in Schal und Trikot in ihr Retro-Stadion, in dem es einen - anders als in Multifunktionsarenen - trotz Renovierung herrlich fröstelt. Mancher packt deshalb die lange Unterhose drunter.

Dort passt es für Trainer Pokel, der das "schnelle, harte Eishockey" liebt und weiß, wie ein Kleiner die Großen ärgert. Vor fünf Jahren wurde Pokel mit dem Südtiroler Außenseiter HC Bozen Meister in Österreichs Alpenliga EBEL, an der auch Klubs aus dem Ausland teilnehmen. Der 52-Jährige konnte die Straubinger von seinem Eishockey begeistern, und seit dem Sommertraining sind sie fit wie nie. Oft entscheiden die Tigers ihre Spiele im letzten Drittel. Das Duell am Dienstagabend bildet eine Ausnahme: Im letzten Drittel zwangen die Münchner den Strafbankkönig der Vorsaison, Sena Acolatse, sowie Benedikt Kohl in unnötige Strafzeiten. Mit zwei Überzahltoren glich der EHC aus, dann trieb er die Dramatik auf die Spitze, bis 4,9 Sekunden vor der Sirene Yannic Seidenberg traf. "Wir waren nicht so clever wie die Münchner", fand Dunham: "Das ist es, was uns von einem Team, das drei Meisterschaften gewonnen hat, unterscheidet." München holte von 2016 bis 2018 den Titel, in der Vorsaison waren die Adler aus Mannheim oben.

Aber auch die Welle, auf der Straubing gerade surft, kann brechen, weiß Dunham: "Jetzt beginnt die schwere Zeit." Schon am Mittwoch kam zu dieser Einschätzung die deprimierende Diagnose: Der flinke Nationalstürmer Stefan Loibl hat sich einen Schlüsselbeinbruch zugezogen. "Wenn er fehlt, brennt's", sagt Dunham. Ausgerechnet jetzt, da der Winter kommt und Eishockey Konjunktur hat. Der Straubinger Kader ist klein, kleiner als der der meisten Konkurrenten. Und anders als diese reisen die Tigers per Bus quer durch die Republik. Am Freitag geht es nach Bremerhaven - dann direkt weiter nach Mannheim.

Edi Finger kann erst am 26. Dezember wieder zum Einsatz kommen. Dann gastieren Berliner Eisbären am Pulverturm.

© SZ vom 19.12.2019
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