Linus Straßer:"So ein Sieg, das macht was mit einem"

Ski alpin - Weltcup in Adelboden

Schon wieder auf dem Podest: Linus Straßer nimmt seinen Spitzenplatz in Adelboden entsprechend erfreut zur Kenntnis.

(Foto: Marco Tacca/dpa)

Mit Platz zwei in Adelboden beweist Linus Straßer, dass sein Slalom-Erfolg in Zagreb kein Ausreißer war - und das trotz ordentlichem Stresstest.

Von Johannes Knuth

Manche sind in dieser Phase, die Linus Straßer gerade durchmacht, schon mal philosophisch geworden oder gar spirituell oder auch mal beides. Ivica Kostelic etwa, im Januar 2002 in Wengen. Der Kroate stand damals noch am Fuße seines sagenhaft steilen Aufstiegs, er hatte sich ein paar Wochen zuvor in Aspen seinen ersten Erfolg im Weltcup beschafft, einen Slalom mit der unvorteilhaften Startnummer 64, eine Sensation. Nun harrte dieser Newcomer aus Kroatien als letzter Läufer in Wengen am Start aus, vor dem zweiten Lauf, nachdem er im ersten der Schnellste gewesen war, und Wengen ist ja nicht irgendein Hang: Es ist einer der schwersten Slalomhänge überhaupt, wellig, steil, als hätten sich über eine Viehweide voller Misthaufen und Kuppen im Winter Schnee und Eis gelegt. Aber Kostelic hielt dem gewaltigen Druck stand, und das Erlebnis war so prägend, dass er kurz darauf in den benachbarten Wald pilgerte und sich bei Gott bedankte. Später, so hat er es einmal erzählt, sei er noch auf ein arabisches Sprichwort gestoßen, das seine Gemütslage damals beschrieb: "Was einmal passiert, kann einmalig passieren, doch wenn es ein zweites Mal geschieht, kann es sich immer wieder wiederholen."

Nun hat Linus Straßer in Adelboden noch nicht seinen zweiten Slalom im Weltcup gewonnen: Zweiter ist er am Sonntag geworden, fünf Tage, nachdem er in Zagreb seinen ersten Erfolg in dieser rasanten Traditionsdisziplin errungen hatte, nach zähen Jahren voller Rückschläge. Und eine Karriere wie Kostelic wird Straßer vermutlich auch nicht mehr hinlegen: Kostelic lernte das Skifahren einst nicht mit den Eltern in Kitzbühel, wie Straßer, er stapfte als Junger oft die Hänge hoch, weil das Geld nicht für die Liftkarte reichte; später gewann er vier olympische Silbermedaillen, WM-Gold und den Gesamtweltcup, unter anderem. Wobei Vergleiche mit Kostelic vielleicht auch nur bedingt erstrebenswert sind, wenn man bedenkt, dass der Kroate ungefähr genauso so viele Knieverletzungen wie Medaillen sammelte, mindestens.

Straßer fährt am Limit, aber nie darüber hinaus

Andererseits: Allzu weit weg war Straßer in Adelboden auch nicht von diesem süßen Gefühl, von dem Kostelic damals in Wengen gekostet hatte. "So ein Sieg", sagte Straßer am ZDF-Mikrofon, "das macht was mit einem. Ich habe gemerkt, es ist menschlich, so ein Rennen zu gewinnen." Als sei er gerade am Ziel einer langen Reise angelangt und stehe zugleich am Beginn einer neuen.

Der Slalom in Adelboden hatte seine frischgewonnene Zuversicht zunächst einem ordentlichen Stresstest unterzogen. Die Slalomfahrer waren erst am Donnerstag per Charterflieger von Zagreb in die Schweiz übergesetzt, dort war der Schnee hart und griffig, längst nicht so weich wie in Kroatien. Athleten und Servicekräfte stellte das bei der Präparierung vor einige Herausforderungen, Straßers Teamkollege Alexander Schmid hatte dabei keine Fortune: Er wurde 21. und 22. in den Riesenslaloms am Freitag und Samstag. Straßer wiederum presste die Kanten seiner Skier, die offenbar etwas zu scharf geschliffen waren, im ersten Lauf etwas zu hart in den Schnee - Platz zwölf, rund eine Sekunde hinter dem Führenden Clement Noel. Er werde seinen Servicemann bitten, "da ein bisschen was zu entschärfen", sagte Straßer, allzu gestresst wirkte er aber nicht. Er war ja schon in Zagreb von Rang acht im ersten Lauf noch zum Sieg geprescht, und eine Sekunde auf einem derart fordernden Hang, befand Straßer, "das holt man so schnell auf".

Wie wahr.

Im zweiten Durchgang fuhr er wie in Zagreb: flüssiger, am Limit, aber nie darüber hinaus, direkt und frech in den flachen Passagen, runder, cleverer, fast immer auf der Kante im Zielhang, der sich mit seiner Steilheit durchaus als Klettersteig eignen würde. "Es war mehr Kampf als Genuss", sagte Straßer später, aber anders als früher, als er dabei gerne mal voller Verbissenheit aus dem Rennen purzelte, steigerte er sich diesmal wieder in einen kleinen Flow. "Ein Arbeitserfolg", ordnete er im Anschluss sofort ein, "unglaublich, wie eng das heute wieder ist". Der Brite Dave Ryding lag nach zwei Läufen eine mickrige Hundertstelsekunde hinter ihm, der Österreicher Michael Matt deren drei, die Schweizer Loc Meillard und Tanguy Nef fünf beziehungsweise neun. Aber Straßers nüchterner Kassensturz zeugte auch von seinem Reifeprozess; von der Erkenntnis, dass sich auch die Besten ihre Privilegien ständig neu verdienen müssen - wie der Norweger Henrik Kristoffersen, der sich seit Wochen schwer beim Tüfteln am Material verirrt hat. Andere wiederum schafften zuletzt ihren Durchbruch, Straßer natürlich, auch der Österreicher Marco Schwarz, der am Sonntag seinen vierten Weltcup gewann.

Wer angekommen ist, lässt einiges hinter sich. Die Erwartungen, das Gerede, wann packt es der Straßer endlich? Der 28-Jährige, hatte sein Cheftrainer Christian Schwaiger zuletzt gesagt, habe sich die jüngsten Erfolge seit zwei Jahre akribisch erarbeitet, der Vorwinter war ja auch schon gut, "und wenn man technisch sauber fährt", weiß Schwaiger, "kommt das Selbstvertrauen automatisch - und dann eröffnen sich ganz andere Grenzen". Oder auch: Möglichkeiten. In diesem Januar allein noch in Wengen, Kitzbühel, Schladming, Chamonix, dann schon bei der WM in Cortina d'Ampezzo. Große Aufgaben, aber machbar, wie Straßer jetzt weiß. Und das, sagte er am Sonntag noch, "ist cool".

© SZ/klef
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