Steuerverfahren gegen Lionel Messi:"Ich unterschreibe immer, was mir mein Vater hinlegt"

Lionel Messi

Schaut derzeit nur zu, was um ihn herum passiert. Lionel Messi kuriert einen Innenbandriss aus - den Steuerprozess moderieren die Anwälte.

(Foto: Alejandro Garcia/dpa)
  • Nun muss er auf die Anklagebank: Damit Lionel Messi nicht im Gefängnis landet, stellt ihn seine Verteidigung als trottelig da.
  • Er dürfte auf eine hohe Geldstrafe hinauslaufen.
  • Ihm wird angerechnet, dass er die Steuerschuld schnell beglichen hat.

Von Oliver Meiler, Barcelona

Es gab schon viele Versuche, Lionel Messi in einen Käfig zu stecken, fußballerisch natürlich. Welcher Gegner träumte nicht schon davon, ihn mit eigens dafür trainierten Abwehrkonstellationen an der Entfaltung seiner künstlerischen Freiheiten zu hindern, ihn zu umklammern, zu umzingeln, einfach festzuhalten - mal mit zwei, mal gar mit drei Verteidigern? Man hörte schon von Trainern, die darob schlaflose Nächte hatten. Es gelang nur selten. Nun versucht es die spanische Justiz in einem anderen Genre, strafrechtlich, wegen Steuerdelikten. Die Anklage fordert eine Haftstrafe von 22 Monaten und 15 Tagen, dazu eine hohe Geldbuße. Keine hübsche Geschichte, so ein Prozess.

Man hört, Messi sei "sehr irritiert". Er habe den dringenden Verdacht, so lässt es wenigstens seine Entourage über die Presse verlauten, dass da jemand danach trachte, seinen Ruf zu zerstören. Dabei zahle er so viele Steuern: 53 Millionen Euro allein 2014. Kein Spanier zahle mehr.

"Ich unterschreibe immer, was mir mein Vater hinlegt"

Anmerken lässt sich Messi nichts. Vor einigen Tagen stellte er ein Foto ins Netz, das ihn lächelnd auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer zeigt, im ärmellosen Tanktop, das linke Bein hochgelagert. Er ließ ausrichten, dass er nach der Überwindung seines Innenbandrisses am Knie stärker zurückkehren werde denn je. Am Wochenende schenkte er sich nun ein Bad im Volk: Parkett im Teatro Tivoli von Barcelona, mittlere Lage. Ein Freund von Messi, der argentinische Schauspieler Ricardo Darín, trat da in einer Komödie auf. Als Messi an Krücken humpelnd den Mittelgang durchschritt, feierte ihn das Publikum mit Ovationen. "Genio", hörte man am meisten, Genie eben. Und von dieser Kategorie muss gleich noch die Rede sein.

Der Prozess wird in Vilanova bei Barcelona stattfinden, wo Messi lebt. Ein Datum gibt es noch nicht, aber verhindern lässt sich der Gang auf die Anklagebank wohl nicht mehr.

Die Wirren mit der Justiz begannen vor einigen Jahren, als das Finanzamt zur Vermutung gelangte, der Profi versteuere seine Werbeeinnahmen nicht im gebührenden Maße - und zwar seit Beginn der Karriere. Es beanstandete drei Steuererklärungen, ab 2007, da war Messi erst 19, ein junger Mann mit einer grell strahlenden Zukunft und einem sprunghaft wachsenden Marktwert. Die Ermittler fanden heraus, dass Leos Vater und Vermögensverwalter, Jorge Horacio Messi, die Einkünfte aus den Sponsorenverträgen seines Sohnes über Firmen abwickelte, die ihren Sitz in schönen, weit entfernten Ländern hatten: in Belize und Uruguay, in Steuerparadiesen. In einem Fall, bei der Abmachung mit Adidas, schien es den Messis irgendwie vorteilhafter, dass das Geld auf ein Konto in der Schweiz überwiesen wurde. Der spanische Fiskus fühlte sich um 4,1 Millionen Euro geprellt und beantragte ein Verfahren. Das war vor zwei Jahren.

Er zahlte die Steuern schnell nach

In Barcelona war man mal wieder überzeugt, dass da ein perfider Komplott laufe, orchestriert in Madrid, um Barça zu schaden, dem Klub, der Stadt, ach was: ganz Katalonien. Die Messis aber zahlten bald nach, samt Zinsen, 5,1 Millionen Euro insgesamt. Sie hofften, so erledige sich der Fall. Vater Jorge, den man nur selten ohne schwarze Sonnenbrille sieht, nahm alle Schuld auf sich. Der Junge, sagte er, habe mit Finanzen nichts zu tun. Auch der Junge wurde vorgeladen. Die Untersuchungsrichterin, die ihn anhörte, schrieb danach einen Rapport von 36 Seiten. Messi sagte oft: "Ich weiß nicht" - "Davon verstehe ich nichts" - "Daran erinnere ich mich nicht". Einige Sätze aber hat er ausformuliert: "Ich wusste nur, wie viel ich Ende Jahr verdiente, doch wo die Kohle hinging, wusste ich nicht." Oder: "Ich unterschreibe immer, was mir mein Vater hinlegt, ich schaue es mir nicht einmal an." Und: "Wenn mein Vater etwas sagt, unterschreibe ich mit geschlossenen Augen."

Auf diesen Sätzen basierte dann die gesamte Verteidigung von Messis Anwälten. Sie sagten, der junge Mann spiele zwar ganz genial Fußball, habe aber halt ein "tiefes Bildungsniveau". Es war ein Entwindungsmanöver, ein Dribbling. Wahrscheinlich stellten sie ihren Klienten für ihre Zwecke trottliger dar, als er in Wahrheit ist. Zunächst hatte es den Anschein, als gehe die Taktik auf. Die Staatsanwaltschaft ließ die Klage gegen Messi junior vor einer Woche fallen, behielt jedoch jene gegen Messi senior aufrecht. Es hieß, es sei nicht nachweisbar, dass der Sohn wusste, was der Vater in seinem Namen tat. Barça atmete auf - und Katalonien gleich mit.

Doch nur einige Tage später drehte die Stimmung wieder. Da meldete sich aus Madrid die Abogacía del Estado, die legale Interessenvertretung des Finanzministeriums, und kassierte den Entscheid der Staatsanwaltschaft. Im Finanzamt glaubt man, Messi junior könne nicht nichts gewusst haben von dem, was Messi senior so trieb. Dafür habe er zu viele Verträge "persönlich und direkt" unterzeichnet, oft gar bei öffentlichen Auftritten. In einer Firma, Jenbril mit Sitz in Uruguay, die offenbar als Vehikel für die Hinterziehung diente, trat Leo Messi als einziger Aktionär, Aufsichtsratsvorsitzender und Generaldirektor auf, in Personalunion. Wunderte er sich nie?

Doch nur eine hohe Geldbuße?

Die Anklage sieht die Lage viel pragmatischer. Selbst wenn er von nichts habe wissen wollen, sagt sie, selbst wenn er kein Genie der Finanzwelt und kein Ingenieur des Fiskalischen sei, habe er leidlich von nichts wissen können. Und darum hafte er mit.

In den Käfig, um es noch mal so salopp zu sagen, wird Leo Messi dann aber wohl doch nie müssen. Die geforderte Strafe liegt unter jenem Maß, für das man in Spanien als nicht vorbestrafter Bürger gemeinhin ins Gefängnis muss - das liegt bei 24 Monaten. Gut möglich, dass die Kläger fein kalkuliert haben. Außerdem wird ihm angerechnet, dass er die Steuerschuld schnell beglichen hat. Übrig bleiben wird wohl nur eine hohe Geldbuße. Wollte er noch den Gerichtstermin verhindern, müsste er sich schuldig bekennen, zu Kreuze kriechen. Doch das ist nun mal nicht die bevorzugte Gangart des besten Fußballers der Gegenwart.

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