Stanley-Cup-Sieger Tampa Bay Lightning:Alle Zweifel beseitigt

2021 NHL Stanley Cup Final - Game Five

Eiskunstlauf mit dem Stanley Cup: Tampa Bays Ross Colton, dem im fünften Finalspiel der einzige Treffer des Abends gelang, dreht mit der knapp 16 Kilogramm schweren Trophäe seine Ehrenrunde.

(Foto: Bruce Bennett/AFP)

Tampa Bay Lightning gewinnt die Eishockey-Finalserie überzeugend mit 4:1 gegen die Montréal Canadiens - und verteidigt nicht nur den Titel, sondern beweist auch, dass in der NHL hin und wieder tatsächlich das beste Team den Stanley Cup gewinnt.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Jon Cooper überlegt kurz, dann setzte er an zur Antwort. Er hielt inne, überlegte noch einmal, dann sagte er: Nein, er könne sich nun wirklich nicht an einen Moment, an ein Spiel, an eine Begebenheit erinnern, die diese Saison auf besondere Weise geprägt habe: "Ich kann mir jetzt auch nichts ausdenken", sagte der Cheftrainer von Tampa Bay Lightning, nachdem seine Mannschaft ihren Titel in der NHL erfolgreich verteidigt hatte. So was klingt freilich langweilig, weil es heutzutage immer eine packende Geschichte braucht; dabei ist die Reaktion von Cooper die Geschichte: Nein, es gibt keinen Helden, keine Sage, kein rührseliges Erlebnis. Tampa Bay hat den Titel gewonnen, weil es ganz einfach das beste Team der Saison gewesen ist. "Undisputed", wie man in den USA sagt.

Das ist eine Abkehr vom Titelgewinn in der vergangenen Saison, da hatte Cooper noch völlig anders geklungen: "Man braucht das Gefühl des Versagens, um als Gruppe erfolgreich zu sein. Man trägt Wunden als Trophäen, und irgendwann vereinen sich die Angst vorm Verlieren und die Lust aufs Gewinnen zu einem Gefühl, das einen über die kompletten Playoffs hinweg trägt." Tampa Bay hatte die Saison davor als das mit Abstand erfolgreichste Team der Hauptrunde beendet - und schied in der ersten Runde der Playoffs ohne einen einzigen Sieg aus. Das war er also, dieser blamable Moment, der jeden einzelnen Spieler ein bisschen härter arbeiten ließ, das Team zusammenführte und die Playoff-Verletzung von Kapitän Steven Stamkos zum lösbaren Rätsel werden ließ. Die Trainer Cooper die Taktik ändern ließ von völliger Attacke zu kontrollierter Offensive. Der die Mannschaft die wegen der Coronavirus-Pandemie modifizierten Playoffs in den "Bubbles" von Edmonton und Toronto dominieren ließ.

"Unsere Spieler können das, sie sind darauf vorbereitet." Viel nüchterner kann man einen Titel nicht beschreiben

Tampa Bay war auch damals die beste Mannschaft, doch gab es wegen der Playoff-Struktur und Ansetzungen ein paar Zweifel. "Bubble Guppies" spotteten Fans anderer Vereine in Anspielung darauf, dass diese kleinen Fische außerhalb eines Goldfischglases nicht überleben können - die Los Angeles Lakers, Meister der Basketball-Bubble-Spielzeit 2020, scheiterten dieses Jahr zum Beispiel gleich in der ersten Runde. "Es war eine turbulente Fahrt, aber keine Achterbahn. Das alles ist eher das Resultat von zwei Jahren harter Arbeit", sagte Cooper: "Klar gab es diese Partien wie das entscheidende Spiel im Halbfinale gegen die New York Islanders (Tampa Bay gewann 2:1 nach Verlängerung, Anm. d. Red.), aber auch da muss ich nun mal sagen: Unsere Spieler können das, sie sind darauf vorbereitet." Viel nüchterner kann man einen Titel nicht beschreiben.

Es gewinnt in der NHL viel seltener als in den anderen nordamerikanischen Sportligen NBA (Basketball) und MLB (Baseball), statistisch erwiesen, die erfolgreichste Mannschaft der Hauptrunde am Ende auch den Titel. Das liegt auch daran, dass es beim Eishockey stärker auf das Matchup ankommt; also ob einem der Gegner liegt oder nicht, und in den Playoffs geht es nun mal nicht gegen jeden Verein (tat es in dieser Saison auch nicht, die Liga wurde wegen Corona in regionale Divisionen unterteilt, die nur untereinander spielten), sondern gegen diesen einen Gegner bis zu sieben Mal. Was genau da passiert, zeigten die unterlegenen Canadiens auf dem Weg in die Finalserie: In der regulären Saison hatten sie ausschließlich gegen die anderen sechs kanadischen Teams gespielt und in den ersten beiden Runden gegen die beiden Mannschaft in der Division, deren Spielweise wirklich nicht auf die bissigen und geduldigen Canadiens zugeschnitten war. Halbfinale gegen die Vegas Golden Knight, die ebenfalls nicht zurecht kamen mit Montréal. Schwupp: Stanley Cup Finals.

Nur helfen eine nervige Spielweise und Selbstbewusstsein dann doch nur wenig gegen ein Team, das nicht nur besser ist, sondern das auch weiß und es zeigen will. Wer wissen will, wie diese Finalserie lief, der möge im Internet nach Videos mit dem Titel "Lightning Power Play Stanley Cup" suchen. Zu sehen ist, wie effizient dieses Team in Überzahl das gegnerische Spieldrittel erreicht, wie präzise sie sich dort den Puck zupassen, wie blind sie sich verstehen, dass sie nicht eine Sekunde lang nervös oder gar fahrig werden. Sie wissen: Irgendwann, da kommt der Moment, da passt es - wie beim einzigen Treffer der letzten Partie dieser Spielzeit, der bei Gleichzahl auf dem Eis fiel: Puckgewinn im gegnerischen Drittel, Pass nach hinten, Pass zur Seite, Pass vors Gehäuse von Canadiens-Torwart Carey Price: Tor Ross Colton, der die Hereingabe von David Savard aus nicht mal einem Meter Entfernung über die Linie drückt. Es half freilich, dass sie mit Andrei Wassilewski einen der besten Torhüter hatten.

Die Zweifel sind beseitigt, Lightning hat als erst zweites NHL-Team in diesem Jahrtausend nach den Pittsburgh Penguins 2016/17 den Titel verteidigt. Sie sind keine "Bubble Guppies", sondern das unbestritten beste Team dieser Saison.

© SZ/sjo/sewi/fse
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