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Stadtläufe:Ein tödlicher Spaß

Zum achten Mal ist in diesem Jahr ein Hobbyläufer tot zusammengebrochen. Diesmal in Augsburg. Mediziner warnen vor zu viel Ehrgeiz und versteckten Herzschäden.

Thomas Hummel

Für München zeichnet sich die Einstellung eines Rekordes ab: Wenn die Anmeldungen wie bisher einfließen, werden am Sonntag 18.000 Menschen beim Stadtlauf mitrennen. An Litfaßsäulen und Ampeln prangen orange Plakate, die zum Mitmachen anregen, die Stadt wirbt unter dem Motto "Spaß am Laufen" um die Hobby-Athleten. Ein Vermerk, dass dieser Spaß lebensgefährlich sein kann, findet sich allerdings nicht - allein in diesem Jahr starben bei ähnlichen Laufveranstaltungen in Deutschland acht Menschen.

Laufen als Massenbewegung: In Frankfurt rannten 67.000 Hobbyathleten, manche Ärzte fordern dafür einen Gesundheitstest.

(Foto: Foto: AP)

Am vergangenen Sonntag sahen in Augsburg eine Ehefrau und ihre zwei Kinder, wie der Familienvater im Ziel kollabierte. Der 52-Jährige hatte die Kurzstrecke über elf Kilometer (in einer Stunde 15 Minuten) absolviert und brach anschließend zusammen. Rettungskräfte brachten ihn sofort in ein Notfallzelt, ein Arzt eilte hinzu, doch die Reanimation blieb erfolglos, der Mann starb.

Zuvor hatte es Tote beim Silvesterlauf in Bietigheim (ein 49-jähriger Mann), beim Halbmarathon in Berlin (39 Jahre), in Gelsenkirchen (66 Jahre) und beim Inline-Skater-Rennen in Gladbeck (46) gegeben. Dann starb ein 47-Jähriger beim Pfingstlauf im Sauerland und im niedersächsischen Adenbüttel traf es einen 17-Jährigen. Für den Berliner Sportmediziner Willi Heepe sind diese Fälle keine Überraschung. "Die Menschheit hat sich in den vergangenen Jahren körperlich massiv zurückentwickelt", beklagt er.

Der durchschnittliche Deutsche bewege sich heute im Schnitt nur noch 22 Minuten pro Tag, "und da ist das Hin und Her in der Küche schon mit drin", sagt Heepe. Im Gegensatz dazu verbringen die Leute etwa fünf Stunden vor dem Fernseher oder Computer. Der Mangel an Bewegung wirke sich auf Dauer fatal auf den Körper aus. Unter anderem besteht die Gefahr, dass sich die Herzkranzgefäße verengen. Das Organ kann dann die plötzliche Anstrengung nicht mehr bewältigen und es kann zum so genannten "Sekundentod" kommen.

"Es gibt nicht wenige, meistens Männer im Alter zwischen 30 und 50, die sich völlig unvorbereitet in einen Stadtlauf oder gar Marathon stürzen", sagt Sportarzt Heepe. Das gehöre heute offenbar zum Leben eines Mannes wie früher das Pflanzen eines Baumes oder das Bauen eines Hauses. Laufen ist zum Massen-Event geworden und Heepe, der 30 Jahre lang als Rennarzt beim Berlin-Marathon arbeitete, findet "diese Entwicklung sehr bedenklich".

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