Süddeutsche Zeitung

Münchner Stadionsprecher von 1860 bis FCB:Jeder winzige Versprecher kann eine Staatskrise auslösen

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EHC-Moderator Stefan Schneider lädt zur Tagung für einen seltenen Beruf: Sebastian Schäch, sein Nachfolger bei den Löwen, Bayern-Kollege Stephan Lehmann und Thomas Killian von den Basketballern haben viel zu erzählen.

Von Christoph Leischwitz

Zwei Rote und zwei Blaue sind gekommen zu diesem - ja, was eigentlich? Klassentreffen? Generationenaustausch? Oder ist es eine Art Fachtagung für einen ganz seltenen Beruf?

Jedenfalls hatte der Dienstälteste eingeladen: Stefan Schneider hatte die Idee, Geschichten auszutauschen über einen sehr seltenen Job und seine Entwicklung. Der EHC-Hallensprecher, seit 33 Jahren im Dienst, hat Sebastian Schäch neben sich, seinen Nachfolger als Löwen-Stadionmoderator (nach 28 Jahren). Von den Bayern kamen Stephan Lehmann und Thomas Killian. Bei Ersterem ist es ähnlich wie mit den Meistertiteln der Fußballer: Viele Fans kennen ihren Verein gar nicht ohne.

Und Killian ist immerhin schon seit 13 Jahren Hallensprecher der Bayern-Basketballer. Er stand in der Südkurve, als Lehmann 1996 seine Premiere im Olympiastadion feierte. Womit auch gleich ein Tagesordnungspunkt angesprochen wäre: Muss ein Stadionsprecher Fan sein? Ja, finden alle. "Mich hat neulich mal ein bayerischer Eishockeyverein angefragt, könntest du nicht bei uns...", erzählt Killian. Er antwortete: "Das bin ich nicht." Fan-Rivalitäten tauschen sie bei ihrem Vierer-Derby aber kaum aus, man kennt und schätzt sich.

Gerade ist noch Stadionsprecher-Sommerpause, aber nicht mehr lange. Schäch steigt als Erster wieder ein, die Drittliga-Saison startet am Wochenende - der erste Heimspiel-Einsatz ist dann freilich "gleich ein Kracher", wie Schäch sagt, das Pokalspiel gegen Borussia Dortmund. Auch als Fan freue er sich schon sehr auf das Spiel, "rein sportlich hast du ja keinen Druck", findet er. Das gilt für ihn als Stadionsprecher in gewisser Weise auch, denn er geht jetzt in sein zweites Jahr. "Da ist der erste Druck und die erste Nervosität schon weg", sagt der 45-Jährige, der wie alle anderen am Tisch auch über reichlich Radio-Erfahrung verfügt. Ganz neu war aber auch für ihn dieser Job nicht mehr, er hatte ihn schon seit Jahren im wahrsten Sinne begleitet, er war mit Schneider oft über Funk verbunden.

"Wir sind die erste Generation, die unten mit dem Mikrofon langgegangen ist und ein bisschen Programm gemacht hat", sagt Schneider

Seinen ersten Fehler hatten sie ihm auch schnell verziehen. Bei seiner ersten Mannschaftsaufstellung las er bei Angreifer Marcel Bär den "Bär" mit vor, obwohl den Nachnamen doch die Fans rufen - da ist wohl der Fan in ihm durchgegangen. Aber genau deswegen wird so etwas dann auch schnell verziehen. Schneider findet, dass Schäch das großartig gemacht habe: "Nach der Pandemie, das erste Spiel wieder mit Zuschauern - Hut ab!"

Schneider hat besonders viel zu erzählen. "Wir sind die erste Generation, die unten mit dem Mikrofon langgegangen ist und ein bisschen Programm gemacht hat", sagt er, und blickt auf Lehmann, der neben ihm sitzt. Beide sind gerade 60 Jahre alt geworden, was Schneider dann doch ein triumphales "Ha!" entlockt, als Lehmann darauf hinweist. Sie gehören der Generation von Sprechern an, die den immer medialer werdenden Fußball akustisch begleitete.

Davor, sagt Lehmann, hätten Stadionsprecher sich auf Durchsagen beschränkt wie: "Der sechsjährige Günther hat seinen Vater verloren, bitte holen Sie ihn beim Sanitätsdienst Nord ab." Der Eishockey-konditionierte Schneider begann schnell, auch beim Fußball die Torschützen in Kooperation mit dem Publikum anzusagen. "Da hat der Wildmoser zu mir gesagt: Glauben Sie wirklich, dass man so ein Fußballspiel moderiert?", erzählt er über den einstigen Löwen-Präsidenten.

Schneider nimmt ein Messer in die Hand, mit dem er gerade noch seinen Schaschlikspieß auseinandergenommen hat, die Klinge nach oben: "Auf dieser Seite finden's alle super, was du redest, auf dieser Seite ist alles Mist" - so dünn sei die Gratwanderung. Jeder winzige Versprecher kann eine Staatskrise auslösen. Schneider erzählt: "Ich habe mal ganz glorreich bei einem Spiel in der Allianz Arena gegen Energie Cottbus gesagt: Erzgebirge Aue wechselt aus. Da kommt der Gästefan dann auch gerne mal über den Zaun."

Lehmann will nicht hintanstehen. Er berichtet von langen Tagen zu seiner Zeit als Morningshow-Moderator bei Antenne Bayern. Richtig lang wurde der Tag, wenn am Abend noch Champions League anstand. "Mein Producer beim Radio hieß damals Markus Kahn. Und so stand ich eines abends da, völlig durch den Wind..." Lehmann rief wie immer: "Und hier ist die Mannschaftsaufstellung des FC Bayern München! Mit der Nummer eins: Markus" und dann? "Schießt dir in dieser Stille das Adrenalin rein, du korrigierst dich ganz schnell: Oliver!" Das "Kahn" der Fans sei dann natürlich trotzdem recht lätschern ausgefallen.

Killian findet es faszinierend, wie innerhalb derselben Stadt unterschiedliche Stile entstehen

Auch Schäch hat noch eine Anekdote, auch wenn er für den Fauxpas gar nicht viel konnte: "Ich habe mal dem Sascha Mölders ein Tor weggenommen. Weil alle um mich rum gesagt haben, das hat der Dennis Dressel geschossen. Ich habe Dressel abgefeiert - und dann stand hinter mir die Frau von Mölders." Yvonne Mölders fieberte bekanntlich sehr oft auf der Haupttribüne mit ihrem Mann mit.

Es zeigt sich, dass Stadionsprecher sehr viele Funktionen erfüllen: Sie sind eine wichtige Identifikationsfigur, gerade in Zeiten, in denen Spieler und Trainer immer schneller kommen und gehen; sie müssen Fans, Funktionären und Sponsoren gefallen und sind in ihrem Auftritt ein Spiegel des gesamten Vereins, und in der Halle werden noch einmal völlig andere Anforderungen gestellt als draußen in der Arena. Killian findet es faszinierend, wie dabei innerhalb derselben Stadt sehr unterschiedliche Stile entstehen.

Außerdem ist ein Stadionsprecher wie ein wandelnder Almanach. Lehmann zum Beispiel erzählt, wie er einst mit Willy Astor den Dauerhit "Stern des Südens" schrieb und dann einspielte. Sie suchten zusätzliche Sänger. "Giovane" sagte Lehmann zu einem der neuen Spieler damals, "du bist doch Brasilianer, du kannst singen..." Und in der Tat, Giovane Elber ist im Background-Chor von "Stern des Südens" zu hören.

Ganz zuletzt spricht Lehmann noch davon, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Wenn zum Beispiel ein minutenlanger Videobeweis dem Stadionsprecher den Torjubel kaputtmacht. Wobei, das Problem hätte Sebastian Schäch in einem Jahr auch gerne - es würde bedeuten, dass Sechzig aufgestiegen wäre. Den Videobeweis gibt es nämlich erst ab der zweiten Liga. "Ich bin da ganz optimistisch, ich traue den Löwen einiges zu", sagt der Fan namens Schneider, der jetzt immer in Block J in der Westkurve steht.

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