Leichtathletik:Bis zum letzten Tropfen

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Weiteste Anreise, größte Höhe: Olivia McTaggart aus Neuseeland gewinnt das Touch-the-Clouds-Meeting bei den Frauen. (Foto: Andreas Liebmann)

Die Veranstalter des Stabhochsprung-Meetings Touch the Clouds retten ihr Festival vor dem Dauerregen – statt abzusagen, verlegen sie es mit enormem Aufwand in die Halle.

Von Andreas Liebmann

Der letzte Moment des Zweifels ließ sich exakt bestimmen: Sonntag, 11.41 Uhr. Überall wurde eilig vorbereitet, auch Matthias Schimmelpfennig, der Organisator des Stabhochsprung-Meetings Touch the Clouds in Gräfelfing, räumte rastlos Stühle und Zelte und Stäbe von A nach B, doch plötzlich stockte er und sagte irritiert: „Ich glaub’, ich hab’ eben einen Tropfen abbekommen.“

Tagelang hatte es hier durchgeregnet, angesichts der Katastrophen in anderen Regionen Bayerns musste man sagen: Es hatte nur geregnet. Ohne Unterlass zwar, aber die Lage an der nahen Würm blieb unkritisch. Mitte der Woche war vielleicht nicht abzusehen gewesen, wie gefährlich sich die Niederschläge andernorts entwickeln würden, aber dass rund um München kein Stabhochsprungwetter herrschen würde, war klar. Und so bündelte dieser winzige Moment am frühen Sonntagmittag gleich zwei erstaunliche Erkenntnisse: Erstens, sie wagten sich nun trotz allem nach draußen mit ihrem Weltklasse-Starterfeld; und zweitens: Sie hatten dem Katastrophenwetter tatsächlich ein Schnippchen geschlagen. Denn gesprungen wurde im Rahmen dieses Meetings ja schon seit Freitag – bis dahin eben in der benachbarten Sporthalle.

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:Sie trotzen den Wolken

Gräfelfing hat sich zum zweitgrößten deutschen Stabhochsprung-Standort hinter Leverkusen entwickelt. Das Meeting „Touch the Clouds“ ist das Aushängeschild – auch wenn ihm in diesem Jahr mal wieder Dauerregen droht.

Von Andreas Liebmann

Wie es dazu kam, war fast spannender als jeder Wettkampf. In der Nacht auf Donnerstag erst sei die Idee entstanden, dass man irgendwie in eine Halle kommen müsse, um eine Absage zu vermeiden, erzählte Schimmelpfennig. Der Livestream-Verantwortliche Finn Atzbacher wusste von einem Einstichkasten in der Dreifachhalle, den man um drei Uhr morgens begutachtet und für bedingt tauglich erachtet hatte. Am nächsten Morgen folgte ein Hilfeanruf in Wasserburg, denn klar war: Die Halle in Gräfelfing war nie für Stabhochsprung vorgesehen, mindestens bräuchten sie eine Tartanbahn, wie sie beim Wasserburger Altstadtspringen verwendet wird. Und tatsächlich kamen von dort eiligst 600 Kilogramm Laufbahn nebst einem Schreiner angefahren, der den Einstichkasten umbaute. Man helfe sich eben gegenseitig, sagte Schimmelpfennig. Eine Stunde vor Wettkampfbeginn am Freitag waren alle Arbeiten erledigt, eine der drei riesigen Sprunganlagen war über Treppen und durch schmale Türen ins Halleninnere gelangt – und alles war so gesichert und gepolstert, dass weder die Athleten mit ihren Spikes die Halle beschädigen würden noch die Halle die Athleten.

Die Favoritin Kyriakopoulou scheitert dreimal an der Einstiegshöhe, ihr männliches Pendant siegt

Während nun am Abschlusstag draußen alles präpariert wurde für den Umzug auf das eigentliche Festival-Gelände, drang der Lärm des Meetings noch aus der benachbarten Halle auf den Sportplatz. Denn bis zum Mittag fanden die Konkurrenzen dort statt, wo es trotz kurzen Anlaufs nah ran ging ans Hallengebälk. Den letzten Sprung über 5,31 Meter zeigte der Dortmunder Till Marburger, der noch beim Einspringen fast nur unter der Latte durchgelaufen war. Ihm habe die dichte Atmosphäre in der Halle dann geholfen, sagte der 20-Jährige: „Wahnsinn, was die hier innerhalb eines Tages geleistet haben.“

Draußen blieb es bei dem einen, gefühlten Tropfen. Als der fiel, gähnte Dominik Alberto vom LC Zürich noch. Vielleicht lag das am trüben Wetter, vielleicht auch am langen Wettkampfsamstag, bei dem er zugesehen hatte. Am Freitagabend war der EM-Finalist von 2022 angereist, der nun das männliche Topfeld mit seiner Bestmarke von 5,71 Meter anführen sollte. Er hatte also einiges mitbekommen, auch wie tags zuvor die vielen Helfer das Programm, das ja auf drei parallelen Anlagen geplant gewesen wäre, in der Halle von neun Uhr morgens bis 22.45 Uhr abends durchgezogen hatten – ohne Pausen. „Ich bin froh, dass die hier so ein Backup hatten“, sagte der Schweizer, „das ist beeindruckend. Meist wird so was einfach abgesagt.“

Natürlich funktionierte nicht alles wie bei Bilderbuchwetter. Die Weltranglistensechste Angelica Moser aus der Schweiz hatte dann doch nicht teilgenommen, das Risiko vor der EM sei ihr zu groß. Die topgesetzte Griechin Nikoleta Kyriakopoulou wurde sprichwörtlich nicht ganz warm mit den Bedingungen und scheiterte dreimal an ihrer Einstiegshöhe. Dabei war mit dem ersten Sprung der besten Frauen die Sonne aufgetaucht. Es gewann die Neuseeländerin Olivia McTaggart. Im Topfeld der Männer setzte sich Alberto durch, mit 5,57 Meter – Stadionrekord. Gräfelfings Louis Pröbstle wurde Achter mit 5,20. Alberto war „froh“, dass er draußen springen durfte, sagte er noch, aber er hätte auch drinnen mitgezogen.

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