Jackson Irvine hat im Land der aufgehenden Sonne eine aufgehende Sonne fotografiert. Ein hübscher Schnappschuss ist das, den Irvine da mit seinen knapp 400 000 Followern geteilt hat, zusammen mit einigen Dutzend weiteren Bildern, die seinen jüngsten Urlaub in Japan dokumentieren. Dorthin war er, zusammen mit seiner in dieser Geschichte nicht ganz unwichtigen Frau Jemilla Pir, unmittelbar nach der Fußball-WM in Nordamerika aufgebrochen. Und wie sich nun herausstellt, war der Australier ins Land gekommen, um perspektivisch zu bleiben: Nach fünf Jahren beim FC St. Pauli schließt sich Irvine dem japanischen Erstligisten Cerezo Osaka an.
Der linke Kiezklub verliert somit seinen wohl prominentesten Botschafter; Irvine ist bekennender Anhänger der Regenbogenfarben und überhaupt ein reflektierter Fußballprofi, der keine Furcht davor hat, sich zu gesellschaftspolitischen Themen zu verhalten. Der Mittelfeldmann fühlte sich im Hamburger Stadtteil mehr als nur pudelwohl, dort lebte er, dort mischte er sich unter die Leute, dort liebte man ihn für seine Volksnähe, seine Haltung und seine Arbeitsmoral auf dem Platz. Irvine und St. Pauli, das passte, auf eigentlich allen nur denkbaren Ebenen. Jedenfalls bis zur vergangenen Saison. Denn da wurden erstmals Bruchlinien sichtbar, die lange Zeit niemand für möglich gehalten hätte: wegen Politik – und, aus Sicht der Klubführung, wegen Leistungseinbußen auf dem Rasen.
„Wir danken Jacko für den Einsatz in den vergangenen Jahren und wünschen ihm sowie seiner Familie für die Zukunft alles Gute“, wird St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann im Klubkommuniqué zitiert. Was nie jemand öffentlich sagen würde, aber möglicherweise gedacht haben könnte: Die Trennung erfolgt gerade noch rechtzeitig, damit Irvine im St.-paulianischen Klubpantheon jenen Platz erhält, der ihm aufgrund seiner Verdienste zusteht.
Der inzwischen 33-Jährige ist der wohl stilprägendste Kapitän, den der Kiezklub je hatte – doch genau dieser vereinsinterne Status hätte es sämtlichen Beteiligten erschwert, ballast- und debattenfrei in die anstehende Zweitligasaison zu starten. Nach seinem Japanurlaub war Irvine nach Hamburg zurückgekehrt, mit ein paar lästigen Fragen: Welche Rolle soll er einnehmen bei dem Umbruch, den der Klub nach dem Abstieg in der Vorsaison nun vollziehen will? Passt der robuste Dauerläufer zum Offensivstil, den der neue Trainer Marcel Rapp nun lehren will? Und, daraus resultierend: Wie würde es sich aufs Kabinenklima auswirken, wenn der durchaus von sich selbst überzeugte Irvine eine hierarchische Degradierung hinnehmen müsste? Und dann war da ja noch das Thema, über das zuletzt keiner mehr sprach, weil jedes weitere Wort eines zu viel wäre, um den Vereinsfrieden zu wahren: Der Kiezklub steht hinter dem Existenzrecht Israels. Bei Irvine und seiner Frau Jemilla Pir konnte man sich mit Blick auf öffentliche Statements beziehungsweise ausgebliebene Statements dahingehend nicht ganz sicher sein. „Israel-Palästina“ wuchs in der vergangenen Erstligasaison zu einem riesenhaften Politikum heran, während Irvine verletzungsbedingt lange am Fußballspielen gehindert wurde.
Beim Kiezklub vertreten sie dennoch die Ansicht, im Guten auseinanderzugehen. Aus eingeweihten Kreisen ist zu hören, dass die japanische J-League für Irvine immer schon ein Karriereziel gewesen sein soll, weil dort vernünftiger Fußball gespielt wird und die australische Heimat nicht ganz so weit weg ist. Irvine ließ ausrichten, dass er sich darauf freue, „eine neue Kultur und eine neue Lebensweise kennenzulernen“. Irgendwann, heißt es, werde Irvine im Millerntorstadion eine angemessene Abschiedszeremonie erhalten. Allerdings noch nicht am Sonntag, beim Zweitligastart gegen Fürth: Irvine, der hellste Stern am St.-paulianischen Fußballhimmel, ist bereits in sein neues Leben aufgebrochen.


