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SSC Neapel:Maradona heizt Napoli ein

Diego Armando Maradona am Ball - das gibt es nur noch bei Charity-Spielen.

(Foto: AFP)
  • Nirgends geht's in Italiens Fußball emotionaler zu als in Neapel.
  • Der Klub SSC Neapel will nun mit Folklore und sonderbarern Methoden Real Madrid aus der Champions League schießen.
  • Selbst Diego Maradona ist wieder dabei.

Es gibt im Moment viele Neapolitaner, die haben die Nase voll vom Fußball. Wer in der Innenstadt rund um die Galleria Umberto I. wohnt zum Beispiel, einer um die vorletzte Jahrhundertwende erbauten, eleganten Passage mit viel Eisen, Marmor, Stuck und Glas. Nebenan befindet sich das Teatro San Carlo, der Welt ältestes Opernhaus - aber auch der Eingang zu den Quartieri Spagnoli, einem Viertel, das berüchtigt ist für die Banden der Stadtmafia Camorra.

Gut möglich, dass daher jene "Invasion" kommt, über die sich die Anwohner nun bei der Stadtverwaltung beklagen: "Sie sind 50 und kommen kurz vor Mitternacht. Dann spielen sie unter großem Gebrüll bis in den frühen Morgen in der Galleria Fußball." Das Rathaus befindet sich nur 200 Meter von der Galleria Umberto I. entfernt, ist aber nachts nicht besetzt. Bürgermeister Luigi de Magistris hat seinen Tages-Nachbarn noch nicht geantwortet. Er hat selbst seine Scherereien - mit dem Fußball.

"Verteidigen wir unsere Stadt und ziehen wir aus, zu siegen"

"Ich bin ein Tifoso und stinksauer", ließ der Bürgermeister, ein früherer Staatsanwalt, ganz offiziell über seine Pressestelle verbreiten. Stinksauer nicht darüber, dass Nacht für Nacht Dutzende von Halbwüchsigen in einem der berühmtesten Baudenkmäler seiner Stadt Fußballturniere veranstalten - was, ganz nebenbei, eines der kleineren Probleme der Millionenmetropole wäre. "Für uns Neapolitaner ist alles immer schwieriger", schreibt de Magistris.

Er meint: im Fußball, besonders gegen Juventus Turin, wo der SSC Neapel am Dienstag 1:3 im Halbfinal-Hinspiel des italienischen Pokals unterlag. Juventus verwandelte zwei Foulelfmeter, Neapel forderte selbst einen, den der Schiedsrichter jedoch nicht gewährte. Seitdem gärt der Volkszorn unter dem Vesuv. Der Hass gegen Juve ist dort so groß, dass einige Napoli-Fans sich vor zwei Jahren zum Champions-League-Finale nach Berlin aufmachten - in der dann erfüllten Hoffnung, die Feinde dort gegen den FC Barcelona verlieren zu sehen. In der Liga ist Juve Erster und auf dem Weg zur sechsten Meisterschaft in Serie, Napoli ist Dritter. Die Neapolitaner zeigen temperamentvollen Angriffsfußball, doch die Hintermannschaft wird von Match zu Match schwächer.

"Zu den drei Elfmetern kamen noch die Kommentatoren des Staatsfernsehens, die uns nur Märchen erzählt haben. Schande über Schande, aber wir geben nicht auf. Vorwärts, Kinder! Verteidigen wir unsere Stadt und ziehen wir aus zu siegen. Real Madrid wartet auf uns!"

Soweit der Bürgermeister.

Am Dienstag findet im Stadion des Heiligen Paulus das Achtelfinal-Rückspiel der Champions League statt, und der SSC Neapel wird gewiss nicht mit der Jugendmannschaft antreten, wie Klubpräsident Aurelio De Laurentiis das fürs nächste Match gegen Juventus angekündigt hat. Aus Protest gegen die finsteren Mächte des Nordens, die die wackeren Ritter aus dem Süden systematisch mit Hilfe korrupter Schiedsrichter und Lügenmedien kaltstellen. Die Stimmung in der Stadt ist so, dass eine ganze Mannschaft von Kindern eine Klagenote an Gianni Infantino, den Chef des Fußball-Weltverbandes Fifa, verfasst hat: "Nach diesem Spiel gegen Juventus haben wir die Lust verloren, Fußball zu spielen, und sogar, uns Spiele anzuschauen."

Für die Champions League wird Letzteres vermutlich nicht gelten. Zum Hinspiel, das Madrid 3:1 gewann, hatte sich eine wahre Völkerwanderung in Bewegung gesetzt, mit dem Flugzeug, per Schiff und Auto. Und das, obwohl in Reals Trainer Zinédine Zidane auch in Madrid ein Stück Juve auf Napoli wartete; das Böse ist halt immer und überall. Zidane hat einst für Juventus gespielt, dieser finstere Teil seiner Vergangenheit wird ihm im Stadio San Paolo garantiert aus Zehntausenden Kehlen vorgehalten werden, noch bevor sich der SSC daran macht, den Zweitorerückstand aus dem Hinspiel aufzuholen.

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Ist machbar, glaubt Präsident De Laurentiis, ein Neffe des legendären Hollywood-Filmproduzenten Dino: "Ein frühes Tor verwirrt jeden Gegner." Schließlich hatte der Napoli-Boss schon in Madrid seine Elf "auf Augenhöhe" gesehen. Aurelio De Laurentiis, selbst Filmproduzent, hegt tatsächlich die Überzeugung, das 1:3 im Bernabéu-Stadion sei schlicht vercoacht gewesen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass eine Truppe mit Marek Hamsik, Lorenzo Insigne und dem weltberühmten Schlussmann Pepe Reina solchen Gurken wie Sergio Ramos, Toni Kroos und Cristiano Ronaldo unterliegt? Das kann nur an Trainer Maurizio Sarri liegen. "Ich gebe mein Geld für tolle Spieler aus", schäumte de Laurentiis, "und Sarri setzt die dann monatelang nicht ein."

Es ging viel um Ehre und wenig um Taktik

Es ist diese unnachahmliche Mischung aus inszenierter Opferrolle, Größenwahn und Folklore, der den Fußball in Neapel so besonders macht. Und nicht nur den Fußball: Die gleiche Kombination funktioniert auch in der Politik. Schon immer war beides auf das engste miteinander verzahnt, fast immer gerierte sich der erste Bürger Neapels auch als erster Tifoso, denn der Fußball ist neben dem Stadtheiligen San Gennaro sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner.

Neapels Gesellschaft zerfällt nach quasi südamerikanischem Muster in Superreiche und Superarme, in Rechtschaffene und Mafiosi, Intellektuelle von internationalem Ruf und Analphabeten. San Gennaro, der pünktlich dreimal im Jahr wundersamerweise sein Blut verflüssigt, und der SSC Neapel, der immer wieder neue Fußballwunder verheißt, sind die beiden Pfeiler der Napoletanità, einer Identität, die sonst nur der trügerisch schlummernde Vesuv stiften kann, indem er das Gesamtkunstwerk dieser einzigartigen Südmetropole latent bedroht.