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SpVgg Unterhaching:Schallplatte mit Sprung

v.li.: Alexander Winkler (SpVgg Unterhaching), Luca Pfeiffer (FC Würzburger Kickers), 25.01.2020, Würzburg (Deutschland)

„Alles sauber abgelaufen“: Alexander Winkler wechselt zum insolvenzbedrohten 1. FC Kaiserslautern.

(Foto: Frank Scheuring/foto2press/imago)

Dass Fußball-Drittligist Unterhaching den Vertrag mit Alexander Winkler nicht verlängert, ist laut Manfred Schwabl ein "erster Wink" für die Zukunft: Gesetzt wird auf den Nachwuchs.

Alexander Winkler ist ein Typ, der zur Not auch schon in der Hinrunde wegen einer Gelbsperre fehlt. Das hat natürlich damit zu tun, dass er bisweilen recht rustikal zu Werke geht, doch das ist nicht der einzige Grund. Winkler ist einer, der auch Fehler der Mitspieler ausbügelt. Er war mit kurzen Unterbrechungen 13 Jahre lang bei der SpVgg, er ist in der Abwehr flexibel einsetzbar, er hat oft schlicht dort gespielt, wo am meisten Not am Mann war, er ist Ersatzkapitän und tritt gute Standards, er ist noch nicht zu alt, 28 Jahre. Präsident Manfred Schwabl weiß, was er an dem Routinier hat, er bezeichnet ihn als einen der wichtigsten Hachinger Spieler der vergangenen Jahre.

Doch das alles reichte nicht, um Winkler zu halten. Dieser geht jetzt zu einem Konkurrenten, der selbst dann, wenn die Saison halbwegs normal zu Ende gespielt wird, keine Aufstiegschancen hat, und bei dem schon vor der Corona-Krise viel über eine mögliche Insolvenz diskutiert wurde: zum 1. FC Kaiserslautern. Dass die Hachinger sich Winkler nicht mehr leisten konnten oder wollten, das ist laut Schwabl durchaus zu verstehen als ein "erster Wink" für eine Entwicklung, die gerade erst einsetzt, und wahrscheinlich bei Weitem nicht nur Unterhaching betreffen wird: Wenn ein Spieler zu viel verlangt in den Vertragsverhandlungen, dann sind Vereine zurzeit auch bereit, radikale Schritte zu machen. Dazu kündigt er etwas an, was nun vermehrt zu hören ist in Fußballdeutschland, sogar vom reichen FC Bayern - nur noch ein wenig radikaler: "Wir werden jetzt ohne Ende in die Jugend investieren. Noch mehr als davor schon."

Ganz ohne Routiniers geht es natürlich nicht, immerhin würde Haching gerne noch in die zweite Liga aufsteigen. So hat man sich problemlos mit dem 31-jährigen Kapitän Dominik Stahl geeinigt, am Ostermontag gab der Verein die Verlängerung bis 2022 bekannt. Er wolle "noch mehr Verantwortung übernehmen", sagt der Mann im zentralen Mittelfeld. Auch neben dem Platz. Er wolle mithelfen, junge Spieler an den Profifußball heranzuführen. Dass Winkler aufhört in Unterhaching, dass sei schade, "aber das muss man akzeptieren". Stahl sagt zur aktuellen Krise auch, er maße sich nicht an, Urteile über andere zu fällen, was das Verhalten in der Corona-Krise angeht. Die SpVgg verzichtet noch bis mindestens 30. Juni auf Kurzarbeit-Anträge für ihre Spieler, die Spieler wiederum verzichten auf einen Teil ihres Gehalts. In Unterhaching gefalle ihm das Bodenständige, so Stahl. Die flachen Hierarchien. Dass "die Tür zu Mannis Büro immer offen" sei. Und ja, all dies sei in Zeiten wie diesen noch wichtiger als sonst, erklärte er.

Es sei "alles sauber abgelaufen" mit Winkler, sagt der Präsident, dieser habe rechtzeitig seine Wechselabsichten kundgetan. Und zunächst hat der Weggang zum Saisonende auch nicht viel mit der Krise zu tun: Wenn Winkler gewollt hätte, dann hätte er "schon im vergangenen Herbst unterschreiben können", sagt Schwabl. Die Krise ab Mitte März aber macht die Verhandlungen allerorten schwieriger: Wenn die Zeit drängt, müssen Vereine plötzlich ihre Angebote eher noch verringern. Wenn das auf erhöhte Erwartungen trifft, trennen sich die Wege jetzt eben.

Die Krise ist aber in Unterhaching gar nicht der Auslöser, nur ein Katalysator. "Ich fühle mich nur noch mehr bestärkt, den geplanten Weg zu gehen", sagt Schwabl. Er habe sich in den vergangenen Jahren doch eh schon angehört wie eine Schallplatte mit Sprung: Die dritte Liga sei zu teuer, die niedrigen TV-Gelder gepaart mit einer Investitionsspirale führten in immer höheres Risiko, auch, weil teure Spieler immer wieder den Vorzug bekämen vor Jugendspielern. Ganz langsam zahle sich für die SpVgg aus, dass man den Fokus auf das NLZ gerichtet habe in den vergangenen Jahren. "Wir sind mittlerweile auch für Toptalente in der Region interessant", meint der ehemalige Profi von Bayern und 1860. Das sei übrigens auch Thema gewesen bei der Vertragsverlängerung von Cheftrainer Claus Schromm. Die Verlängerung bis 2023 habe eben auch damit zu tun, dass Schromm für regionale Identifikation steht - und dafür, dass junge Spieler im Profifußball eine Chance erhalten.

Mehrere Förderverträge mit Spielern des Jahrgangs 2003 seien unterzeichnet, einige Talente trainierten bei den Profis mit. In Zukunft werde der Altersschnitt des Kader einfach sinken, Punkt. Das könnte auch dazu führen, dass die SpVgg, die wegen der Krise gerade ihren Hauptsponsor verloren hat, bald gar keinen Profifußball mehr anbieten kann: dass die Mannschaft nämlich in die Regionalliga absteigt. Doch mittlerweile sieht Schwabl keinen anderen Weg mehr als die Konsolidierung. Dass er mit dieser Haltung zu einem Vorreiter wird, könnte den Verein langfristig krisenfester machen als andere.

© SZ vom 14.04.2020

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