Heiko Herrlich nimmt eine Abbiegung, wenn man ihn fragt, was ihm eigentlich Mut macht in dieser äußerst misslichen Lage, in der sich die SpVgg Unterhaching gerade befindet. Herrlich spricht dann erst einmal über den SSV Jahn Regensburg, bei dem er von Januar 2016 bis Juni 2017 auf der Bank gesessen hat. Die Mannschaft sei damals belächelt worden, erinnert sich Hachings Trainer: „Alle haben gesagt, wir haben in der dritten Liga nicht den Hauch einer Chance.“ Herrlich legt eine Kunstpause ein. Man merkt, dass er sich freut, gleich zur Pointe zu kommen. Dann sagt er: „Am Ende haben wir den Aufstieg geschafft.“
Knapp zehn Jahre später sind es 25 Punkte, die Unterhaching von einem direkten Aufstiegsplatz trennen. Die Aussichten, in die zweite Bundesliga aufzusteigen, sind also eher mittelmäßig. Aber das ist ja auch gar nicht der Anspruch, den sie in der Münchner Vorstadt erheben. Und Herrlich, 53, will mit seiner Geschichte ohnehin auf etwas anderes hinaus. Er möchte bloß verdeutlichen: „Ich weiß, was für Entwicklungen Spieler nehmen können.“
Wenn Herrlichs Plan also aufgeht, macht seine Mannschaft in den nächsten Wochen und Monaten so große Fortschritte, dass am Ende doch noch alles gut wird und Unterhaching in der dritten Liga bleibt. Und dann, wenn die Rettung tatsächlich gelingen sollte, sei das in gewisser Weise, findet Herrlich, „wie ein Aufstieg“. Derzeit setze ja kaum jemand einen Pfifferling auf seine Mannschaft. Gefühlt, sagt Hachings Trainer mit Blick auf die düsteren Prognosen der Öffentlichkeit, gefühlt sei seine Mannschaft schon jetzt, 17 Spiele vor Saisonende, abgestiegen. Aber er, Herrlich, reiht sich da längst noch nicht ein.
„Am Ende ist es egal, ob du sieben, acht oder zehn Meter unter Wasser ertrinkst. Wichtig ist, dass du das Gefühl hast, du schaffst es drei Meter nach oben“, sagt Herrlich und meint: Es geht jetzt erst einmal um den Glauben. Um Vertrauen. Darum, dass seine Spieler überzeugt sind, sich erst Meter für Meter der Wasseroberfläche nähern und sie dann auch tatsächlich erreichen zu können.
„Wir haben ein sehr enges Vertrauensverhältnis“, sagt Herrlich über Sven Bender
Man werde nicht aus Glück deutscher Meister, sagt Herrlich. Und es sei auch kein Pech, wenn man am Ende einer langen Saison absteigt. Es sage also schon etwas aus, dass seine neue Mannschaft auf dem letzten Platz steht – aber, findet Herrlich: Dabei muss es ja nicht bleiben. Stichwort Regensburg 2016/17, Stichwort Entwicklung. Der Unterschied ist allerdings, dass es jetzt um einen Ab- und nicht um einen Aufstieg geht, dass die Belastung für die Psyche ungleich höher ist – und dass Herrlich diesmal deutlich weniger Zeit bleibt als in Regensburg. Er hat die Mannschaft zwar in der Winterpause übernommen und konnte sie zumindest zwei Wochen lang auf die Rückrunde vorbereiten, aber nach dem 1:2 gegen Borussia Dortmund II und dem 1:3 in Ingolstadt braucht es jetzt Siege. Und dafür, das weiß Herrlich, braucht es das, wofür sein Assistent Sven Bender einst als Spieler stand: Wille, Kampf, Hingabe.
„Wir haben ein sehr enges Vertrauensverhältnis“, sagt Herrlich über Bender, seinen früheren Schützling bei Bayer Leverkusen. 2017 holte er ihn von Borussia Dortmund zur Werkself und führte ihn unter dem Bayer-Kreuz wieder mit seinem Zwillingsbruder Lars zusammen. 2009 hatten sich ihre Wege beim TSV 1860 München getrennt. Jetzt, in Unterhaching, sei es der damalige Kurzzeit-Cheftrainer Sven Bender gewesen, der seinen Namen bei der Vereinsführung habe fallen lassen, als der Klub rund um den Jahreswechsel einen Nachfolger suchte. Bender brachte Herrlich also erst ins Spiel – und Herrlich legte dann großen Wert darauf, Bender, seinen früheren Spieler zu Leverkusener Zeiten, als Assistent an seiner Seite zu wissen. Herrlich empfindet es als „Anerkennung“, dass Bender ihn dabeihaben wollte, und das war dann auch ein entscheidender Punkt, warum er nach knapp vier Jahren wieder einmal Cheftrainer wurde.
Gemeinsam wollen sie nun mit Haching im Tabellenkeller der dritten Liga die Kurve bekommen und dabei an diesem Wochenende den Anfang machen. Am Sonntag heißt der Gegner VfL Osnabrück: Letzter gegen Vorletzter, mehr Abstiegskampf geht nicht. Dass die ersten beiden Spiele unter seiner Federführung verloren gingen, hat Herrlich noch nicht die Zuversicht ausgetrieben, im Gegenteil. Er findet: Die 90 Minuten gegen Osnabrück könnten die Wende sein. „Es ist eine Riesenchance für uns“, sagt er.
Ein Sieg am Sonntag und im Bestfall noch ein zweiter nächste Woche bei Rot-Weiss Essen, das ebenfalls auf einem Abstiegsplatz steht – wer weiß, welch Dynamik dann aufkommt. Heiko Herrlich hat ja schon mal ein Fußball-Wunder vollbracht, damals, vor knapp zehn Jahren, als er noch in Regensburg auf der Bank saß.

