Vor Sven Bender liegt Laub auf dem Rasen, der Interims-Cheftrainer hat seine Hände meistens in die Trainingshosentaschen gesteckt und blickt oft auf den Boden, manchmal sieht das so aus, als dächte er: „Wieso hat eigentlich niemand die Blätter weggekehrt?“ Doch in Wahrheit sinniert der 35-Jährige über ganz andere Dinge. „Tore schießen“, wird er nach dieser Drittliga-Partie der SpVgg Unterhaching auf die Frage antworten, welches denn gerade die größte Baustelle sei. Ein einfaches Problem, aber unglaublich schwer zu lösen. Beleg war das 1:2 gegen Hannover 96 II, trotz eines eigenen Treffers durch Julian Kügel, in mehrfacher Hinsicht. Es gab Szenen, in denen hätte man den Hachinger Spielern am liebsten einen Laubbläser in die Hand gedrückt, damit sie den Ball mal Richtung Tor pusten, statt ihn immer wieder querzulegen.
Die abstiegsbedrohten Hachinger sind nach dieser Partie gegen einen vermeintlich schlagbaren Gegner noch abstiegsgefährdeter. Es war ein Nachmittag voller Sorgen und Trauer, nicht nur sportlich. Vor dem Anpfiff hatten Fans und Mannschaft ausgiebig und emotional Abschied genommen vom langjährigen Fan Nik Landgraf, der Anfang der Woche verstorben war.
„Jetzt zählt’s“, hatte Präsident Manfred Schwabl vor dem Spiel gesagt. Sie hatten Marc Unterberger beurlaubt, obwohl er doch eine Ära prägen sollte in Haching. Der Zeitpunkt ergibt nur Sinn mit Blick auf eine Hoffnung, genau vor dem wichtigen Hannover-Spiel damit einen Impuls setzen zu können. Sie hatten in Sven Bender einem erfahrenen Jungtrainer die Verantwortung übergeben, einem, „wo alle strammstehen, wenn er spricht“, wie Präsident Manfred Schwabl es bei Magentasport ausdrückte. Bender hatte in Robin Littig einen 21-jährigen Debütanten aufs Feld geschickt und ansonsten vor allem auf erfahrene Kräfte gebaut. Auch Luc Ihorst, der routinierte Angreifer, sollte nach einer Oberschenkelverletzung endlich einmal von Beginn an zeigen, was er kann. Vielleicht waren sie da zu viel Risiko eingegangen. Nach zwölf Minuten saß Ihorst am Boden, griff sich an den Oberschenkel und musste ausgewechselt werden.
Zwei, drei gute Möglichkeiten hatten die Hachinger, um in Führung zu gehen, doch am Ende verstärkte sich der Eindruck, dass die Torflaute wenig mit dem ehemaligen Trainer zu tun hat. Manuel Stiefler, auf die erbosten Kommentare der Fans nach dem Spiel angesprochen, fasste es so zusammen: Einstellung und Kampf seien nie das Problem, „sondern in den entscheidenden Situationen die Qualität“, hauptsächlich in der Offensive. Mit anderen Worten: Die Weggänge von Mathias Fetsch und Patrick Hobsch wurden nicht kompensiert, und Profi-Novizen tun sich im Abstiegskampf erfahrungsgemäß schwerer, in die Bresche zu springen.
Eigentlich darf Bender schon vor dem letzten Heimspiel des Jahres gegen Dresden nicht mehr Trainer sein
Sven Bender hatte nicht mit einer radikal neuen Spielidee aufgewartet, wie auch in der Kürze der Zeit. Er hatte, so dachten alle, aber erfolgreich am Selbstvertrauen der Mannschaft gearbeitet. Und plötzlich war fast nur noch zu hören, von Bender wie von den Spielern, wie wichtig es doch wäre, einfach mal wieder in Führung zu gehen. Als Kügel traf (77.), hatte Robin Kalem nämlich schon zwei Tore für die Gäste erzielt (64., 66.).
Eigentlich darf Bender aufgrund der bestehenden Regel für Nicht-Lizenzinhaber schon vor dem letzten Heimspiel des Jahres gegen Dresden am 21. Dezember nicht mehr Trainer sein. Die Strafe für ein Spiel werde man aber auf jeden Fall auf sich nehmen, sagt Schwabl. Danach ist offen, wie es weitergeht. Natürlich seien Strafzahlungen zu erwarten, andererseits „wird ein neuer Trainer auch nicht für einen Schweinsbraten und ein Weißbier hier arbeiten“.
Was wohl bedeutet, dass Bender sehr wohl für einen Schweinsbraten und ein Kaltgetränk arbeitet, sonst müsste Schwabl ja doppelt zahlen. Auf Nachfrage erklärte Bender, dass er im Januar die A-Lizenz abschließen werde. Danach hoffe er auf „einen Bonus, aber keine Sonderstellung“ beim DFB aufgrund seiner Profi-Erfahrung, um so schnell wie möglich zum höchsten Lizenz-Lehrgang zugelassen zu werden. Frühestmöglicher Abschluss ist trotzdem der Dezember 2026. Andererseits ist es gut möglich, dass dieses Profifußball-Statut für Unterhaching schon ab dem kommenden Mai gar nicht mehr relevant ist: Nach der Niederlage gegen den direkten Konkurrenten beträgt der Rückstand auf die Nicht-Abstiegsplätze bereits sechs Zähler.

