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SpVgg Greuther Fürth:Mit der Wirklichkeit versöhnt

24.10.2020 - Fussball - Saison 2020 2021 - 2. Fussball - Bundesliga - 05. Spieltag: Holstein Kiel - SpVgg Greuther Fürth

Kein Torschütze, dafür Vorbereiter: Marco Meyerhöfer gegen Kiel.

(Foto: Wolfgang Zink/imago)

Nachdem zum Saisonstart trotz guter Leistungen Siege ausblieben, zeigt Fürth inzwischen, dass sie prominente Abgänge verkraftet hat.

Von Thomas Gröbner

Man hätte durchaus ins Grübeln kommen in Fürth vor der langen Reise in den Norden nach Kiel. Die Realität der Tabelle passte ja nicht zusammen mit der gefühlten Wahrheit, doch im Grunde guten Fußball zu spielen: Platz 17, saisonübergreifend 14 Ligaspiele mit nur einem Sieg. Bis auf den süßen Derbyerfolg gegen Rivalen Nürnberg (1:0) Mitte Juni war das Muster immer ähnlich: hübsch gespielt, nicht gewonnen. An Trainer Stefan Leitl schien das lange abzuperlen, auch wenn man nach dem 3:1-Sieg hören konnte, welche Last auf den Fürthern gelegen haben mag. "Sehr stolz" war Leitl am Samstag, der Sieg sei "wichtig für unser Selbstverständnis". Immerhin weiß man in Fürth nun: Man kann gut spielen und trotzdem gewinnen.

So viele Spiele ohne Lohn, "das nagt schon an einem", gestand Außenverteidiger Marco Meyerhöfer, trotzdem sei die Stimmung nicht schlecht gewesen, auch nach dem holprigen Saisonstart, "weil wir wissen, dass wir gut sind." Tatsächlich hatte Meyerhöfer selbst großen Anteil daran, dass diesmal Anspruch und Wirklichkeit nicht auseinanderfielen.

Ausgerechnet der 24-Jährige scheint eine rasante Entwicklung durchzumachen, er war in der vergangenen Saison eher durch seine Nervosität als durch raketenhafte Flankenläufe aufgefallen, nun zeigte er in Kiel einen abgeklärten Auftritt - und fügte dem Fürther Spiel die entscheidenden Pointen hinzu, die zuletzt gefehlt hatten. So geriet der Nachmittag zur spielerischen Demonstration, und zum Nachweis, wie variabel Fürths Angriffsspiel an guten Tagen aussehen kann - auch gegen die bis dahin beste Defensive der Liga (ein Gegentor).

Die frühe Führung leitete Meyerhöfer von der Mittellinie ein, mit einem hohen Schlag über die Kieler Abwehr auf den eigentlich als Mittelfeldstratege beschäftigen Paul Seguin, der in Stürmermanier für die früher Führung sorgte (7. Minute). Dann zeigte Leitls Elf die gepflegte Tiki-Taka-Variante: Diesmal steckte Seguin durch auf Meyerhöfer, der in den Strafraum eindrang und seinen völlig freistehenden Kapitän Branimir Hrgota fand (29.). Fehlt im Lehrbuch noch ein Kopfballtreffer nach Standardsituation: Julian Green hob einen Freistoß aus dem Halbfeld in den Strafraum, Havard Nielsen vollstreckte per Flugkopfball. Weil im modernen Fußball heutzutage auch ein Auftritt des Videoassistenten nicht fehlen darf, dauerte es noch einige Minuten, bis die Fürther tatsächlich die 3:0-Führung bejubeln durften (61.). Und weil nach dem Kieler Anschlusstreffer (Mühling, 65.) der ehemalige Fürther Fabian Reese seine Mannschaft schwächte und mit einer roten Karte vom Platz flog, konnte sich Hrgota den Luxus erlauben, den Ball frei aus fünf Metern über den Querbalken zu jagen, und auch Meyerhöfer scheiterte noch mal frei vorm Kieler Schlussmann. "Da fehlt mir noch ein bisschen der Stürmerinstinkt, aber ich versuche den nächsten zu machen", versprach Meyerhöfer nach dem Spiel.

Die Fürther zeigen sich erstaunlich stabil, obwohl sie einen heftigen Aderlass zu verarbeiten haben: Mit Angreifer Daniel Keita-Ruel, den langjährigen Kapitän Marco Caligiuri und Maximilian Wittek muss Leitl eine ganze Achse ersetzen, das gelingt prächtig mit dem angestammten Personal - dabei hat Leitl durchaus noch stille Reserven auf der Bank. Jamie Leweling, 19, an dem Schalke 04 Interesse gehabt haben soll, sitzt dort. Mit Dickson Abiama, 21, wartet ein junger Mann darauf, seinen märchenhaften Aufstiegs aus der Kreisklasse in die zweite Liga mit einem Zweitligator zu vollenden. Und auch der Däne Emil Berggreen, 27, Stürmertyp Leuchtturm (1,94 Meter) schuftet für sein Debüt. Marco Meyerhöfer muss also nicht auch noch Stürmer werden.

© SZ vom 27.10.2020
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